Bad Dürkheim Schweizer fliehen an den Haardtrand

91-77098983.jpg
„Trittst im Morgenrot daher, Seh’ ich dich im Strahlenmeer, Dich, du Hocherhabener, Herrlicher! Wenn der Alpenfirn sich rötet, Betet, freie Schweizer, betet! Eure fromme Seele ahnt Gott im hehren Vaterland...“.

Mit diesen Versen beginnt – ziemlich schwulstbefrachtet – der „Schweizerpsalm“. Die Wachenheimer hätten guten Grund, beim Neujahrsempfang des Bürgermeisters am 24. Januar die Nationalhymne unserer südlichen Nachbarn anzustimmen. Oder wenigstens einen Andachtsjodler. Aus lauter Dankbarkeit. Denn ohne die Zuwanderer aus dem Alpenland gäbe es womöglich kein Wachenheim, keine Jubiläumsfeier und keinen Neujahrsempfang. Es ist nicht zuletzt den der Armut entflohenen Bergbauern, Hirten, Leinenwebern und anderen Glückssuchern aus der Schweiz zu verdanken, dass die einheimische Rest-Bevölkerung der im kriegerischen 17. Jahrhundert mehrfach geplünderten, gebrandschatzten und schließlich ruinierten Stadt den Mut und den Willen zum Wiederaufbau nicht sinken ließ. Genaue Bevölkerungszahlen für diese Zeit gibt es nicht, weil in den sogenannten Schatzungsbüchern und Türkensteuerregistern nur Bürger beziehungsweise Haushaltungen verzeichnet sind, nicht aber die Familienangehörigen und die abgabenfreien Adligen, oft auch nicht die Hintersassen (ohne Bürgerrecht) und die Juden. Als der Dreißigjährige Krieg 1648 beendet war, dürften von ehemals rund 1200 Einwohnern noch etwa 400 bis 500 übriggeblieben sein, so schätzen die Lokalhistoriker Fritz Wendel und Otto Spangenberger. Rund 60 Familien waren ausgestorben, ihre Häuser zerfielen, ihre Felder verödeten. Die Pest (1665/66) und die Verwüstungen der französischen Eroberungskriege (1674 bis 1689), die im kollektiven Gedächtnis der Pfalz mit den Namen der Heerführer Turenne und Melac eingebrannt sind, haben die Bevölkerung Wachenheims weiter dezimiert. Nach der von der Soldateska entfachten Feuersbrunst im September 1689 schrumpfte die Einwohnerzahl auf ihren tiefsten Stand: Der reformierte Pfarrer zählte 1693 nur noch 45 Haushaltungen, vor dem großen Brand waren es 103. Mit dem Wiederaufbau der verbrannten Stadt ging es um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert dann allerdings zügig voran: „Die Schweizer haben großen Anteil daran“, heißt es in einer 1959 veröffentlichten Sonderausgabe der „Wachenheimer Geschichtsblätter“. Diese Aussage bezieht sich zwar auf die Arbeit mit Steinen, Holz und Ziegeln; man darf sie zweifelsfrei aber auch für jene Betätigungen gelten lassen, die das Bevölkerungswachstum ankurbelten. Der von der Alpenregion ans Haardtgebirge importierte eidgenössische Gen-Pool entfaltete eine nachhaltige Wirkung als ein Jungbrunnen für den nahezu entvölkerten Ort. Von 1700 bis 1740 wuchs die Einwohnerzahl jedenfalls von circa 300 wieder auf rund 1200. Männer und Frauen aus der Schweiz waren schon vor dieser an der Schwelle zum 18. Jahrhundert einsetzenden Einwanderungswelle nach Wachenheim gekommen. Zum Beispiel Peter Reuti(n)ger, der um 1638 im Weiler Littisbach im Berner Oberland geboren wurde. Der junge Mann kam zwischen 1660 und 1662 in die Pfalz, gewiss auch angelockt von den Steuererleichterungen und Subventionen, die der Heidelberger Kurfürst Karl Ludwig verfügt hatte, um seine im Krieg verwüsteten Ländereien wieder zum Blühen zu bringen. Der Schweizer Migrant ist der Stammvater der Familie Rettinger, die im 19. und 20. Jahrhundert in der Weinwirtschaft und in der Kommunalpolitik eine Rolle spielte. „Da sich die Rettinger seitdem [1660/62] durch Verheiratung mit etwa dreißig bodenständigen Familien verbunden haben, kann ein großer Teil der Bevölkerung Wachenheims in Peter Rettinger einen Ahn sehen“, heißt es in den „Geschichtsblättern“ (1959). Die Herkunft, die Ursprungskultur, die religiösen Bindungen der dieser Tage in der Pfalz Zuflucht Suchenden ist sehr verschieden von den zuvor eingewanderten Generationen. Doch noch immer gilt, was der in Migrationsgeschichte bewanderte Historiker Roland Paul, heute Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern, schon 1995 im „Pfalzbuch“ mit Blick auf andere Einwanderergruppen resümiert hat: „Pfälzerinnen und Pfälzer heute sind ... nichts anderes als Nachkommen jener Menschen, die in den letzten vier Jahrhunderten in die Pfalz gekommen sind. Sie kamen als Fremde in ein fremdes Land und waren sicher dankbar für jede Hilfe oder auch nur für ein anerkennendes Wort der Alteingesessenen. Insofern sind Parallelen zur Situation von Einwanderern und Aussiedlern in unserem Land heute durchaus angebracht.“ Die Serie In diesem Jahr feiert die Stadt Wachenheim an der Weinstraße ein Doppeljubiläum. Vor 1250 Jahren (766) wurde der Name des Ortes erstmals in einer Urkunde des Klosters Lorsch erwähnt. Und 675 Jahre sind vergangen, seit Kaiser Ludwig der Bayer das Dorf mit Stadtrechten ausstattete (1341). DIE RHEINPFALZ nimmt das Jubeljahr zum Anlass, in jedem Monat aus der langen Wachenheimer Historie ein Detail herauszugreifen und ins Licht zu rücken. Autor der Serie ist der Ortschronist und ehemalige RHEINPFALZ-Redakteur Michael Wendel.

x