Bad Dürkheim Pauken- und andere Wirbel

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Klassische Sinfonieorchester gelten in diesen Zeiten als so etwas wie die Dinosaurier der Kulturlandschaft – vom Aussterben bedroht. Ausgerechnet hier soll die Zukunft spielen? Aber ja, möchte man jenen grauen Gremienköpfen zurufen, die mit einem Federstrich Klangkörper fusionieren – ohne einen Hauch des Bewusstseins dafür, was sich alles noch hinter einem Orchester verbirgt: viele Menschen, Musiker und Musikerinnen, die nicht nur auf Konzertpodien sitzen, sondern die auf vielfältige Weise in eine Region hineinwirken. Einer von ihnen ist Michael Gärtner, Schlagzeuger.

Auch sein Orchester hat einen Fusionsorkan erlebt – und einigermaßen heil überstanden: Aus dem Radiosinfonieorchester des Saarländischen Rundfunks in Saarbrücken und dem Rundfunkorchester des Südwestrundfunks in Kaiserslautern wurde 2007 die Deutsche Radiophilharmonie, auch hier sitzt Michael Gärtner wieder an der Pauke, mit viel Leidenschaft. „Der Orchesterdienst geht vor“, wird er nicht müde zu betonen, und wer ihn im Konzert erlebt, der wird das auch glauben. Nur – der gebürtige Oberpfälzer, der 1995 in die Pfalz kam, hat noch andere Leidenschaften, um die es hier gehen soll. Der Weg führt in die Westpfalz, nach Enkenbach-Alsenborn, in eine Art Industriebrache. Auf der anderen Straßenseite ein Lebensmittel-Discounter, in die leer stehenden Hallen einer ehemaligen Möbelfabrik sind noch nicht viele neue Mieter eingezogen. Nachbarn gibt es kaum. Hier hat sich Michael Gärtner eingemietet. „Schlagzeug.KOMM!“ verkündet ein Banner draußen verheißungsvoll. Und drinnen gerät man dann erst mal ins Sinnieren über die doch recht banale deutsche Bezeichnung Schlagzeug für die Vielfalt dessen, was unter diesem Begriff alles zum Klingen gebracht werden kann. Einheimische und fremdländische Percussion-Instrumente füllen Boden und Wände: deutsche Trommeln und japanische Taikos, Becken, Schellen, Klangschalen, Donnerblech, Selbstgebautes und eine Marimba mit Klangstäben aus 30 Jahre an der Luft getrocknetem Holz. Eine beachtliche Auswahl aus rund 4000 namentlich bekannten Instrumenten, die zu beherrschen es mehr bedarf als bloßes Draufschlagen. In in den Regalen stehen außerdem noch Blasinstrumente. „Ja, das ist mein Hobby“, erklärt Michael Gärtner die Anwesenheit von Tenorhorn & Co. in dem, was er seine Klangwerkstatt nennt. Natürlich ist es auch ein Übungsraum, aber nicht nur für ihn allein. Der vieldeutige Name „Schlagzeug.KOMM!“ verrät es schon: Es sind auch Gäste willkommen. Erst neulich, und das nicht zum ersten Mal, war eine Gruppe der Kaiserslauterer Lebenshilfe zu Besuch: Menschen mit Behinderung, die ausprobieren dürfen, Rhythmus und Klang erleben und glücklich wieder nach Hause fahren. Das Alter spielt keine Rolle. Angeboten wird Coaching für Musikvereine in der Region – „die haben hier ein hohes Niveau und gute Ausbilder“, sagt Gärtner, der ja selbst in einem mitspielt, auf dem „Hobbyinstrument“. Aber auch die ganz Kleinen müssen auf die Töne und Rhythmen aus der Klangwerkstatt nicht verzichten: An probefreien Tagen kommt Michael Gärtner gerne in Kindergärten und Horte. Das Projekt „Schlagzeug.KOMM“ ist eine Mischung aus Video, Live-Musik und Mitmachelementen, erstmals erprobt am Kaiserslauterer Albert-Schweitzer-Gymnasium 2011. Allerdings kann es auch mal passieren, dass der Dienstplan sich ändert und der Erfinder der Aktion den Termin absagen muss. Aber das hat er ja gleich am Anfang erwähnt: „Der Orchesterdienst geht vor.“ Da ist der Orchestervorstand Gärtner ganz Profi. Auch dann, wenn es nach dem Heranführen an die Musik im Allgemeinen und das Schlagzeug im Besonderen um Unterricht geht: „Drei bis vier Jahre muss man da schon durchhalten“, wird er nicht müde, das das allgemein hohe Niveau heutiger Musikschüler zu loben. „Schlagzeug.KOMM!“ meint aber nicht nur jene, die sich selbst dem Schlagzeugspiel widmen möchten. Unter dem Motto „Ich lade gern mir Gäste ein“ soll es in der ehemaligen Fabrikhalle hin und wieder auch „Themenabende“ mit Freunden geben. Neben dem entsprechenden „Schlagzeug“ – arabisch, japanisch, afrikanisch, südamerikanisch – dann auch mit den passenden kulinarischen Spezialitäten. Aber das ist noch längst nicht alles, und langsam kommt man ins Staunen, wie viel Energie in diesem Mann aus der Oberpfalz steckt, der mit seiner Frau, ebenfalls Musikerin, und vier musizierenden Kindern in der Westpfalz lebt. Im vergangenen Jahr hat Michael Gärtner einen „Echo-Klassik“ nach Hause geholt: Der Posaunist Fabrice Millischer, ehemals Kollege bei der Deutschen Radiophilharmonie – hat mit dem Orchester neue französische Posaunenkonzerte eingespielt und damit den begehrten Klassik-Preis gewonnen. Man schaut auf das Label, entdeckt den Namen perc.pro. Wieder ein bisschen vieldeutig – und eine weitere Erfindung von Michael Gärtner. Percussion professionell, pro percussion? Auf Schlagzeug jedenfalls lässt es sich nicht beschränken, aber auf Qualität. Warum ein eigenes Label? „Weil ich es irgendwann leid war, für interessante Projekte Klinken zu putzen und dann doch alle Rechte abzugeben“, sagt Gärtner. Wer das Programm unter www.perc.pro nachliest, wird beeindruckt sein. Weitere Echos sind nicht ausgeschlossen. Ein eigener Musikverlag ist übrigens auch gerade im Aufbau. Da wirbelt einer also ganz schön die musikalische Szene auf und dient dem Gemeinwesen einer Region gewiss mehr als mancher eingangs erwähnte graue Gremienherr. Und Michael Gärtner ist nur einer, wenn auch ein besonders gutes Beispiel für das, was Orchester auch in der Zukunft bedeuten.

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