Friedelsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ohne Abschied und ohne Zukunft? Wie es einer abgeschobenen Familie heute geht

90a47556-3f75-4c7b-8267-4dbb519bbfcb
Die Familie Azad lebt heute im Irak.

Ein Jahr nach der Abschiebung einer kurdischen Familie aus Friedelsheim lebt sie heute im Nordirak. Wie es den Kindern und ihrer Mutter dort geht.

„Wir hören hier oft Raketen und bekommen Angst.“ Shadi Azad sagt diesen Satz ruhig am Telefon. Fast zu ruhig für eine 14-Jährige. Ihre Stimme klingt erwachsen, ihr Deutsch fließend – so fließend, als wäre sie nie weg gewesen aus Friedelsheim. Seit fast einem Jahr lebt sie mit ihren Brüdern Ahmed (13) und Mohamed (16) sowie ihrer Mutter Hero Tleb (43) in Sulaimaniyya im kurdischen Nordirak.

Ein neues Leben und sein abruptes Ende

Drei Jahre hatte die Familie in der Pfalz gelebt, bevor sie vor einem Jahr in einer Nacht von Polizisten aus ihrer Wohnung geholt und zum Flughafen gebracht wurde. Ein Abschied von Freunden, Nachbarn und Unterstützern war nicht mehr möglich.

In Friedelsheim hatten sich die Kinder ein Leben aufgebaut. Ahmed besuchte die Grundschule, Shadi und Mohamed gingen auf die Carl-Orff-Realschule in Bad Dürkheim. Shadi war Klassensprecherin, Mohamed hatte den Wunsch, Friseur zu werden und hätte in diesem Jahr möglicherweise eine Ausbildung beginnen können.

In diesen drei Jahren kamen die Kinder an. Sie lernten Deutsch, spielten Fußball, fanden Freunde. Integration fand im Alltag statt – in der Schule, im Verein, im Dorf. Heute ist davon wenig geblieben.

Kein Unterricht, kein Training

„Wir dürfen nicht in die Schule gehen“, sagt Shadi. Es fehle an den notwendigen Unterlagen, vor allem an anerkannten Originalzeugnissen. Zwar seien Dokumente aus Deutschland digital übermittelt worden, doch würden diese vor Ort nicht akzeptiert.

Hinzu kommt die Sprache: Die Kinder sprechen Kurdisch, können aber kaum lesen und schreiben. Ihr Alltag findet deshalb überwiegend zu Hause statt.

Auch der Zugang zum Fußball ist ihnen verwehrt. „Unser Deutsch ist besser als Kurdisch, deswegen will uns kein Verein nehmen“, sagt Shadi. Für sie sei es zusätzlich schwierig, weil Mädchen vor Ort oft nicht im Verein spielen.

Die meiste Zeit verbringen die Geschwister gemeinsam. „Wir sprechen miteinander Deutsch“, erzählt Shadi. So versuchen sie, die Sprache zu erhalten. Gleichzeitig bringen sie ihrer Mutter Deutsch bei.

Kontakt nach Friedelsheim bleibt

Der Kontakt nach Deutschland ist nicht abgebrochen, wenn auch unregelmäßig. Einer, der geblieben ist, ist Nico Weber. Der 25-Jährige war in Friedelsheim Fußballtrainer der Kinder und unterstützte sie auch bei schulischen Themen.

Drei Jahre hatte die Familie in der Pfalz gelebt, bevor sie vor einem Jahr in einer Nacht von Polizisten aus ihrer Wohnung geholt und zum Flughafen gebracht wurde.

Mehrmals pro Woche habe er die Familie damals gesehen, Hausaufgaben betreut und die Kinder begleitet. „Die Kinder waren auf einem sehr guten Weg“, sagt Weber rückblickend. Es habe sich gezeigt, dass Integration funktioniere.

Alltag im Irak

Die Mutter Hero Tleb ist 43 Jahre alt. Sie beschreibt ihr Leben als hart. Sie ist Analphabetin und hat nie eine Schule besucht. In Deutschland habe sie gehofft, ihren Kindern bessere Chancen zu ermöglichen.

Während der Zeit in Deutschland verließ ihr Mann die Familie und ging nach England. Im Irak lebt die Familie nun zurückgezogen. Nach eigenen Angaben besteht die Sorge, dass Angehörige des Vaters versuchen könnten, die Kinder von der Mutter zu trennen.

Die wirtschaftliche Lage ist angespannt. Seit einem Jahr sucht Hero Tleb Arbeit – bislang ohne Erfolg. Für eine Frau ohne Schulbildung gebe es kaum Möglichkeiten.

Auch die Sicherheitslage beeinflusst den Alltag. Die Kinder berichten von Geräuschen militärischer Auseinandersetzungen in der Ferne.

Engagement und Grenzen

In Friedelsheim hatten sich viele Menschen für die Familie eingesetzt. Nachbarn, Mitglieder der Mennonitengemeinde und Ehrenamtliche begleiteten sie im Alltag, halfen bei Behördengängen und unterstützten die Kinder in Schule und Freizeit.

Auch nach der Abschiebung wurden rechtliche Möglichkeiten geprüft, um eine Rückkehr zu ermöglichen. Diese Bemühungen blieben ohne Erfolg.

Ein Jahr später ist der Kontakt in Teilen geblieben, doch viele Unterstützer haben sich mit der Situation abgefunden. Die Erfahrung habe auch gezeigt, wie schwierig es ist, komplexe Verfahren ohne feste Zuständigkeiten zu bewältigen.

Solange die Lage in der Region angespannt bleibt, kann die Familie kaum planen. Nur der Blick zurück bleibt: „Wir vermissen Deutschland“, sagt Shadi.

x