Bad Dürkheim
Norbert Leiner geht nach über 20 Jahren als leitender Pfarrer in Ruhestand
Mit 70 Jahren – dem Rentenalter für katholische Pfarrer – kann man in den Ruhestand gehen, findet Norbert Leiner. Allerdings kann er es sich noch nicht so genau vorstellen, wie es sein wird, wenn er nächste Woche nicht mehr für rund 10.000 Katholiken in der Pfarrei Heilige Theresia vom Kinde Jesus zuständig sein wird. Die Last der Verantwortung falle dann wohl ab. „Ich werde mich raushalten“, sagt er bestimmt über die Zukunft.
Als „attraktive Gegend“ hat er Bad Dürkheim wahrgenommen, als er sich nach 18 Jahren in der Ludwigshafener Niederfeldsiedlung im Jahr 2001 umorientiert hat. Damals war er zunächst leitender Pfarrer der Gemeinden in Bad Dürkheim. Doch Gesellschaft und Kirche haben sich seither verändert: Es gibt weniger Gläubige, weniger Priester. Und so kamen weitere Pfarreiengemeinschaften dazu, er übernahm Verantwortung für benachbarte Pfarreien wie Wachenheim und Freinsheim. Seit 2016 besteht die heutige Pfarrei aus sogar acht Gemeinden.
Doch das sind nicht die einzigen Veränderungen in zwei Jahrzehnten. Es gibt weniger Ehrenamtliche, dafür mehr und mehr Skandale. Die Missbrauchsfälle in der Kirche haben auch Spuren in der Pfarrei hinterlassen. Wenn Leiner ins Buch der Kirchenaustritte schaut, dann sieht er wenig mutmachende Zahlen. Jeweils 97 Austritte 2016 und 2017, liest er vor, 121 sind es 2018. Er klappt das Buch wieder zu, es werden nicht weniger. Vom „zerstörten Ansehen“ der Kirche spricht Leiner. „Zu der Sache stehen, die Schuld anerkennen“, müsse die Kirche, findet er.
In Hardenburg musste vor einigen Jahren die Kirche profaniert werden, sie wird also nicht mehr als solche genutzt. „Sie war überdimensioniert“, sagt Leiner. Für die Menschen, die vor Jahrzehnten für den Bau gespendet hätten, sei dies aber natürlich enttäuschend gewesen. Über zehn Kirchen sind es noch in der Pfarrei. Einige davon sind nur noch eine Stunde im Monat in Gebrauch. Mit der Finanzierung sei das auf Dauer schwierig, blickt Leiner sorgenvoll in die Zukunft.
Das heimische Pirmasens kann nicht mithalten
„Das bedrückt schon“, sagt er über die Entwicklungen und die Skandale. „Aber ich bin nicht wegen Bischof oder Papst Priester geworden und ich werde nicht wegen ihnen aufhören“. Er wolle seinen Teil beitragen, der schließlich wesentlich in der Seelsorge liege. Die Ehrenamtler motivieren ihn. „Das trägt“, sagt er. Positiv auch die Konzerte in den Kirchen, schön das ökumenische Miteinander. „Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Diener eurer Freude“, sei ihm ein Leitspruch gewesen.
Miteinander hat er in seiner Jugendzeit auch in der Kirche erfahren. Leiner stammt aus einem katholischen Elternhaus in Pirmasens. „Nicht übermäßig fromm“, sagt er. Gebete bei Tisch und Gottesdienstbesuche gehörten aber dazu. Leiner war Messdiener. Kurz vor dem Abitur sei der Berufswunsch in ihm gewachsen.
Wichtig findet er, dass die Kirchen offen sind, sagt Leiner, der noch im Pfarrhaus in unmittelbarer Nähe zur Ludwigskirche wohnt. Hier kämen immer wieder Menschen für ein stilles Gebet oder als Besucher. Über das „Kuriosum“ – ein Wandbild in der Ludwigskirche – komme er immer wieder ins Gespräch. Dies hatte der Künstler Paul Thalheimer gestaltet. Hinter dem gekreuzigten Jesus findet sich ein gekreuzigter Verbrecher, dem der Künstler das Gesicht von Adolf Hitler gemalt hatte, um damit wohl zur Nazizeit Kritik auszudrücken. Wie konnte es dennoch zur damaligen Zeit bestehen bleiben? Leiner hat darauf keine Antwort. Es anders zu gestalten, war immer mal im Gespräch, setzte sich aber nicht durch. Inzwischen sei die Dürkheimer Besonderheit gar in einem baden-württembergischen Schulbuch zu sehen.
Wo Ludwigskirche und Freunde sind, wird der 70-Jährige bleiben. Er hat eine Wohnung in Bad Dürkheim gefunden und ist ganz froh, dass die Pfarrer ihr Gebiet nicht mehr verlassen müssen wie früher. Das heimische Pirmasens könne nicht mehr mit Bad Dürkheim konkurrieren. Das Besuchen von Seniorenvorlesungen an der Uni und interessanter Gerichtsverhandlungen, mehr Zeit nehmen für Mountainbike und Bücher, das hat er sich vorgenommen. Außerdem werde er Senioren Hilfe bei Computerangelegenheiten und kleineren Reparaturen anbieten. Wenn das jetzt in der Zeitung stehe, müsse er das ja wohl auch machen, sagt er verschmitzt.
Kontaktpflege ist dem Priester ohnehin nicht fremd. Legendär in Bad Dürkheim ist, wie der FCK-Anhänger 2008 – als der Abstieg gerade mal wieder verhindert werden konnte – die Glocken läuten ließ. Eine Liebe, die dem Vereinsmitglied seit 25 Jahren nicht nur Freude macht. „Ich weiß nicht, worüber ich mehr leiden musste – über den Zustand der Kirche oder den des FCK?“, sagt er. Kirche und Fußball konnte Leiner verbinden, als er den ehemaligen FCK-Torhüter Tobias Sippel und dessen Frau traute und beide Kinder taufte.
Dass er 2003 als Sozius bei einer Hochseil-Motorradnummer des Artisten Falko Traber zum Turm der Ludwigskirche hinauffuhr, ist eine weitere Anekdote aus dem Leben von Norbert Leiner. Geholfen habe damals übrigens das Vertrauen in die Naturwissenschaften, verrät er.
Wer die Pfarrei nun weiter leiten wird, ist offen. Noch wurde kein Nachfolger gefunden, sagt Leiner, der darauf hofft, dass ab Februar jemand kommt und die Verantwortung für die rund 10.000 Gläubigen übernimmt.
Info
Die Pfarrei verabschiedet Leiner am Sonntag, 30. Oktober, 18 Uhr, in der Ludwigskirche mit einem Gottesdienst und einem Stehempfang im Pfarrsaal.