Bad Dürkheim Nicht nur für Hornbrillenträger
Auch wenn die Vokabel „besonders“ oft inhaltsfern gesetzt wird – Anti von Klewitz und ihr Ensemble haben dem Badehaisel-Publikum am Samstag einen besonderen Abend bereitet. Ihr im besten Sinne ungewöhnliches Programm „Vom krausen Leben – Lieder zur Wanderschaft durch Schatten und Licht“ begeisterte die rund 60 Zuhörer, die das Badehaisel bis auf den letzten Platz gefüllt hatten.
Seit vielen Jahren schafft es das Badehaisel-Team, gleichermaßen anspruchsvolle wie unterhaltsame Künstler fernab vom Mainstream nach Wachenheim zu holen. Der Kontaktmann diesmal war Antis Bruder, Altsaxofonist Jan von Klewitz. Er spielte schon zweimal im Badehaisel, ein großformatiges Schwarzweißfoto von einem seiner Auftritte hier hängt gleich neben der Bühne an der Wand. Seine Schwester Anti von Klewitz musikalisch einzuordnen, ist kein leichtes Unterfangen. Die studierte Geigerin kombiniert traditionelle Balkanmusik mit Jazz und Klassik. Mit dieser Mischung vertonte sie für ihr aktuelles Programm Poesie und Lyrik unter anderem von Eichendorff, Rilke und Morgenstern. Wer jetzt befürchtet, das Resultat sei Kunst nur für Hornbrillenträger in schwarzen Rollkragenpullis, die ernst dreinblickend mit dem Kopf nicken statt zu klatschen, liegt ganz weit daneben. Die vertonten Gedichte sind – auch wenn sie überwiegend zumindest melancholisch sind – mitreißend. Das liegt nicht zuletzt an den herausragenden Musikern des Ensembles: Sander Hoving (Viola und Violine), Jan von Klewitz (Altsaxophon) und Jens Piezunka (Kontrabass und Cello). Mit Anti von Klewitz an Violine und Viola stehen vier außergewöhnliche Könner auf der Bühne, die von Klewitz’ komplexe Kompositionen zum Schwingen bringen. In ihren gezielt eingesetzten Soli machen sie die Stücke nicht nur zum Hintergrundbett für virtuose Fingerübungen, sondern variieren die musikalischen Themen sensibel – inklusive virtuoser Fertigkeiten. Ebenso wichtig für das Gesamterlebnis ist aber Anti von Klewitz’ Bühnenpersönlichkeit. Die hagere Frau mit langen schwarzen Haaren, die unter einer gestrickten Mütze gebändigt werden, lebt ihre Musik. Mal hält und zupft sie die Geige wie eine Gitarre, mal singt sie rasant gestrichene Melodielinien mit. Ihre Ansagen machen es dem Publikum leicht, sich auf ihre außergewöhnliche Musik einzulassen. So beginnt sie das Programm mit einem Schlaflied und sagt: „Ich traue Ihnen alles zu, aber nicht, dass Sie vor der Pause einschlafen.“ Die Tücken des Objekts beim Instrumentenwechsel auf der engen Bühne oder eine momentan nicht präsente deutsche Übersetzung einer Zeile eines ungarischen Gedichts kommentiert sie mit der Selbstironie, die nur gefestigte Persönlichkeiten aufbringen. Als sie nach einem Fehler, der wohl nur ihr aufgefallen ist, ein Stück abbricht, um neu anzusetzen, sagt sie: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Und das Zuhören auch – noch mal…“ Wobei es weder auf noch vor der Bühne nach Arbeit aussieht. Eher nach einem Fallenlassen wie im vertonten Gedicht eines persischen Mystikers, das das Ensemble im zweiten Teil des Abends spielt. Hier heißt es auf Deutsch in etwa: Wie fliegen die Vögel? Sie fallen, und während sie fallen, bekommen sie Flügel.