Bad Dürkheim Mittwochs immer bei Mellis
Wer hier die Chefin ist, bleibt dem Gast keine fünf Minuten lang verborgen. Melli kommt aus ihrem Küchenrevier und lehnt sich fordernd-freundlich an den Türrahmen. Lacht. Genau, ja, hier sei man richtig beim Mittagessen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Dürkheim. Sie zeigt auf den DIN-A4-Speisezettel. Gulasch mit Nudeln für 6,50 Euro, später Kirschstreusel oder Eierlikörkuchen. Melanie Laumann, 40, kennt hier jeder nur unter Melli, auch auf Facebook lässt die Awo wöchentlich wissen, was Melli frisch kocht. Sie hat früher zusammen mit einer Freundin das Café Klatsch geführt. Nachdem fast ein Jahr lang nichts mehr mit Treffen beim Awo-Treff im Domicilia-Haus gegenüber vom Bahnhof war, gibt es seit Oktober immer mittwochs von 12 bis 17 Uhr Essen wie zu Omas Zeiten, selbst gebackenen Kuchen und geselligen Plausch dazu. Nach dem Tod von Rolf Lange war die Arbeiterwohlfahrtsbewegung in Dürkheim zum Erliegen gekommen. Ruth Geis, SPD-Stadtratsmitglied und selbst Awo-Mitglied, hatte dann Weggefährten aus der Sozialdemokratie gesucht, die die Tradition eines Treffs wieder aufleben lassen wollten. So erzählt es Martin Küssner, stellvertretender Vorsitzender und selbst neu bei der Awo. Nur Arbeiter ist er nicht. Der 52-Jährige ist promovierter Ingenieur bei Siemens und Vater von vier kleinen Kindern. Er und Bertram Senft, 59, Chemikant bei der BASF, sind das neue Führungsduo. Senft kannte die Awo bis Sommer 2017 gar nicht, da war er nur Dürkheims „Pfadfinderguru“. Kurz nach ein Uhr. An jenem Mittwoch sind etwa 25 ältere Menschen zum Treff gekommen. Die meisten haben gegessen und plaudern noch. Lange braune Tische, obenauf Schoko-Ostereier, Tulpen und „Awo“-Fähnchen. Hier zwei Damen im Gespräch, dort sitzt eine Achtergruppe, Beiratsmitglieder gleich am ersten Tisch. Zwei Männer, dann ein dritter, kommen hinzu. Karin Kaminski, 67 Jahre alt und schon lange Awo-Mitglied, serviert ihnen den Salat. Melli lugt aus der Küche. Winkt, scherzt, lacht. Ja, ihre drei Spezies sind wieder da. Drei Portionen Gulasch kommen sofort. Die beiden Dürkheimer, Klaus-Peter Weldemann, 77, und Klaus Schmidt, 81, ziehen ihren Kumpel Norbert Funk aus Erpolzheim auf. Warum er wieder mal so spät sei? Der 66-Jährige grinst. „Ich habe noch Pflichten“, meint er – anders als sie, die Rentner. Er musste dem Enkel noch schnell die Windeln wechseln. Lachen in der fröhlichen Herrenrunde. Sie kommen, seitdem die Begegnungsstätte wieder an „Fahrt aufgenommen hat“, regelmäßig. Ebenso wie die sieben am Nachbartisch. Einige kennen sich aus einem früheren Tanzkreis, andere sind Nachbarn. Die 74-jährige Hertha Henke, feines silbergraues Haar, Halstuch und Ohrringe, hat heute ihre Nachbarin zum ersten mal „mitgezerrt“, wie sie scherzend sagt. Allein daheim essen, nein, das muss nicht sein. Wo Mellis Küche doch „einsame Spitze“ sei, bleibe immer mittwochs ihre eigene „kalt“. Auch die Preise für Essen und Getränke seien in Ordnung – ein vegetarisches Gericht gibt es für zwei Euro weniger. Hertha Henke hat das neue Konzept überzeugt. Neuer Vorstand, neue Ideen, neuer Schwung. Auch Skatrunden, Gitarrenabende oder Silvester- und Faschingsfeiern sind Teil davon, es soll noch mehr werden. Anders als früher, als das Ehepaar Lange rein ehrenamtlich arbeitete, sind Melli und die Servicekraft angestellt zum Mindestlohn. Damit muss die Awo, so Küssner, anders kalkulieren, „sonst fahren wir an die Wand“. Auf die 36 Euro Mitgliedsbeitrag seien sie angewiesen. Den Raum stellt die Stadt, die 1500 Euro Nebenkosten zahlt der Verein. Die Essensausgabe ist streng genommen nur für Awo-Mitglieder, zurzeit aber sind auch viele als Gäste dabei. Sie müssen laut Vorstand einen Euro mehr zahlen. Denn: „Auf die Gästeeinnahmen müssen wir noch Steuern zahlen“, erklärt Klaus Döpper. Sozial schwachen Mitgliedern kann auch mal bei einer Erholungsreise geholfen werden. „Oder es gibt Zuspruch“, sagt Senft. Die Awo, traditionell aus dem SPD-Milieu kommend, soll allen „Schichten und Altersgruppen offen stehen“, sagt Küssner. Alle, wirklich alle seien willkommen, auch Obdachlose oder Flüchtlinge – nur keine AfDler. „Wir wollen appetitlich bleiben“, meint er. Derweil spült Melli Geschirr – noch hat die Küche keine Maschine. Das beste Lob für sie ist, wenn die Frauen, die jahrelang selbst am Herd standen, sagen, „Mensch, hat das wieder gut geschmeckt“. „Dann stehen mir die Tränen in den Augen.“ Info Awo-Treff: mittwochs, 12 bis 17 Uhr .