Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Lesung mit Christian Baron: Schreiben mit offenem Visier

Achtsamer Beobachter menschlicher Züge: Christian Baron.
Achtsamer Beobachter menschlicher Züge: Christian Baron.

Den dunklen Stoff eines von Armut und Gewalt gezeichneten Lebens verarbeitet Christian Baron in seinem 2022 erschienenen Buch „Schön ist die Nacht“.

Am Donnerstag las der Autor beim Wachenheimer Kulturverein in der Ludwigskapelle und zeigte eindrucksvoll, dass er trotz schrecklicher Erlebnisse verstehen statt urteilen will.

Was Baron zu berichten hat, ist heftig und schmerzvoll. 1985 wurde er in Kaiserslautern geboren, wo er in bitterer Armut aufwuchs. Seine Familiengeschichte, die im neuen Buch weiter zurück reicht als im ersten Roman, spielt am unteren Rand der Gesellschaft. Sie liefert ihm Rohstoff im wahren Wortsinn und er präsentiert ihn ungefiltert. Es geht um materielle und seelische Not und unweigerlich auch um menschliches Fehlverhalten.

Vergebliche Hoffnung auf den Aufstieg

So direkt Baron die Geschehnisse beschreibt, in denen sich menschliche Dramen abspielen, so achtsam und konzentriert beobachtet er doch seine Figuren. Die Hauptrollen spielen Horst und Willy. Beide tragen die Züge seiner Großväter, und beide verbindet trotz ihrer Unterschiede die vergebliche Hoffnung auf gesellschaftlichen Aufstieg. Bei der Lesung in der gut besuchten Ludwigskapelle beschreibt Baron zunächst ihre erste Begegnung im Jahr 1944.

Sein Prolog führt in den Krieg und Terror der NS-Zeit, als besagte Männer noch jung waren. Indem Baron seine Zuhörer in die Szenerie hineinzieht, kann er ihnen greifbar demonstrieren, wie Menschen durch Zeitumstände auf lange Sicht geprägt werden. Das ist der Grund, warum sich dieser geduldige Zeuge weigert, vorschnell über Personen zu urteilen. Ohne ihre Geschichte zu kennen, wäre das für ihn schlichte Anmaßung.

So düster, wie sich manche brutalen Szenen vor den Augen des Lesers abspielen, so bleibt das Buch doch nicht lichtlos. Manche Momente leuchten auf, kleine Winkel bei einem nächtlichen Gang durch ein Arbeiterviertel werden vom Mond beschienen und machen den Hauch eines Idylls spürbar. Aber sogleich öffnen sich wieder finstere Abgründe im blutigen Streit der Eheleute.

Annäherung an ein Sachbuch

Viele Schattierungen also bringt die Nacht mit sich. Baron schreibt romanhaft, aber er will sein Buch nicht als typischen Roman sehen. Tatsächlich bewegt sich die Handlung, die in den 70er Jahren Westdeutschlands spielt, in Zwischenräumen. Der Autor nähert sich einem Sachbuch an, ohne ausschließlich an recherchierten Fakten zu hängen. Wobei schon die geschichtlichen Zusammenhänge vor einem halben Jahrhundert für den Leser interessant sind, oftmals vergessen über aktuelle Krisen.

Auch in den pointierten Dialogen zieht Baron aufschlussreiche Parallelen zur Gegenwart. Manchmal wirkt seine schnelle Art zu lesen angespannt, fast fieberhaft. Zwischen den gelesenen Passagen erzählt er von sich selbst: Wenn etwa seine literarische Darstellung schlimmster Kindheitserlebnisse auf der Bühne umgesetzt wird, halte er sich aus dem Zuschauerraum einen Fluchtweg offen.

Empathie für den Menschen

Christian Baron ist ein Bekenner und das macht ihn stark. Er steht zu seiner Herkunft als sogenannter „Asozialer“. Gegen die Nichtachtung der Benachteiligten setzt er ihr erzählenswertes Leben. Und er will, so sagt er es von sich selbst, „mit offenem Visier“ schreiben.

Das bringt ihm Erfolg, stand sein vorausgegangener Debütroman „Ein Mann seiner Klasse“ doch auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ein Schlüssel zu diesem Erfolg dürfte in der Empathie liegen, mit der Christian Baron auf Menschen schaut. Dieser Blick, umgesetzt in eine unverblümte Sprache, macht seine Figuren vielschichtig und wirbt zugleich um Verständnis für sie und für ihre Geschichte.

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