Wie war Ihr Jahr? RHEINPFALZ Plus Artikel Lebenshilfe-Geschäftsführer Sven Mayer über Spenden, Sorgen und zwei Projekte

Dankbar, aber auch nachdenklich: Sven Mayer.
Dankbar, aber auch nachdenklich: Sven Mayer.

Fachkräftemangel, Preissteigerungen, Corona – die Krisen der Welt spiegeln sich auch und gerade im Kosmos der Dürkheimer Lebenshilfe. Geschäftsführer Sven Mayer erzählt im Gespräch mit Julia Plantz, warum er nach einem sorgenvollen Jahr dennoch dankbar ist.

Herr Mayer, wie war Ihr Jahr?
Sehr bewegt und rastlos, leider auch sorgenvoll und nachdenklich. Ich habe – wieder mal – gelernt, demütig und dankbar zu sein. Ich spüre bei den Mitarbeitern eine Angespanntheit und Erschöpfung. Es gibt viele krankheitsbedingte Ausfälle. Die Kollegen sind echt am Anschlag. Ich bin dankbar, dass die Mitarbeiter die hohe Belastung der letzten Jahre mitgehen. Denn bei uns war es vorher schon nicht langweilig. Auch im Privaten merke ich, dass uns die Krisen alle nachdenklich stimmen und beschäftigen. Letztlich hat das Jahr mit einem Krieg in Europa begonnen.

Sie sprechen es an: Bei der Lebenshilfe laufen derzeit zwei große Bauprojekte – eines am Kleinsägmühlerhof in Altleiningen, zum anderen die Erweiterung des Bio-Markts Leprima am Hauptstandort in Bad Dürkheim. Wie wirken sich die Krisen da aus?
Die Preissteigerungen spüren wir natürlich massiv. Wir haben eine Steigerungsrate von etwa 30 Prozent – und das bei einem knapp Zwei-Millionen-Euro-Projekt auf dem Hof. Das zweite große Thema sind zeitliche Verzögerungen, weil es an verfügbaren Handwerkern fehlt oder Lieferengpässe beim Baumaterial bestehen. Wir hoffen, den Bau im Sommer fertigstellen zu können.

Wird es auch Verzögerungen bei der Leprima-Erweiterung geben?
Schön wäre es, den Kunden die Weihnachtseinkäufe 2023 im neuen Laden anbieten zu können. Im ersten Bauabschnitt gilt es aber, die Sanitär- und Aufenthaltsräume für unser Leprima-Team abzuschließen. Wir hoffen, dass die Kosten hier nicht so stark abweichen werden, weil wir mit angepassten Preisen kalkulieren konnten. Allgemein kann man sagen: Mit der Coronakrise und dem Ukraine-Krieg sind die Baupreise explodiert. Aber ich bin auch hier dankbar. Wir dürfen weiter auf unsere Unterstützer zählen. Wir haben einen Spenderstamm, der uns seit vielen Jahren unterstützt, das hilft, Preissteigerungen zumindest teilweise zu kompensieren.

Ich hätte angenommen, dass die Menschen in Krisenzeiten vielleicht weniger spenden.
Ich kann es noch nicht abschließend sagen, aber wir werden in diesem Jahr nicht weniger, sondern mehr Spendeneinnahmen als im vergangen Jahr verzeichnen. Wir sind selbst total erstaunt. Wir hatten schon bei Corona damit gerechnet, dass das Spendenaufkommen zurückgeht. 2021 passierte die Flutkatastrophe im Ahrtal, da gingen viele Spenden hin – auch wir halfen der Lebenshilfe in Sinzig. Aber: Unser Ergebnis war trotzdem gut. Die Leute haben fürs Ahrtal gespendet und trotzdem auch an uns. In Krisen sehen die Leute offensichtlich umso mehr auf den Nebenmann. Ein Beispiel: Im ersten Coronajahr kam ein Rentnerpaar auf uns zu, das geplant hatte, viel zu reisen. Durch den Lockdown hatten sie Geld für Reisen gespart und uns 10.000 Euro gespendet. Ihr Anliegen war, andere damit ebenso zum Spenden zu motivieren. Auch uns ist zu Kriegsbeginn bewusst geworden, wie gut es uns doch geht. Unsere Einrichtungen entwickelten viele Ideen für Hilfsaktionen und spendeten die Erlöse an die Ukraine. Krisen schaffen Chancen und Zusammenhalt!

Nicht so locker sitzt den Menschen derzeit das Geld für Bio-Lebensmittel. Haben Sie das auch gespürt?
Absolut. Wir haben im Hofladen und Biomarkt erst einmal profitiert durch Corona und konnten so andere Umsatzausfälle teils kompensieren. Die Leute konnten nicht mehr ausgehen, haben zu Hause gekocht, Nachhaltigkeit war auf einmal das große Thema. Jetzt spüren wir, dass das Geld nicht mehr ganz so locker sitzt. Die Kunden, die schon immer aus Überzeugung bio gekauft haben, sind weiter treu. Aber bei Lebensmitteln wird eben oft zuerst gespart. Ich möchte zuversichtlich bleiben, dass sich das Blatt wieder dreht. Schließlich investieren wir in zwei Projekte im Biobereich und sind überzeugt davon, dass ein bewusster Umgang mit der Natur letztlich auch uns Menschen dient.

Ein weiteres Thema bei der Lebenshilfe in diesem Jahr war das 50-jährige Bestehen der Siegmund-Crämer-Schule. Fast so alt wie die Schule ist das Platzproblem. Gibt es nun eine Lösung?
Dieses Schulgebäude wurde einst für 48 – maximal 60 Schüler – konstruiert. Aktuell sind wir bei 115. Vier Klassen werden deshalb in der Carl-Orff-Realschule unterrichtet, was keine Dauerlösung ist. Die Realschule braucht den Platz selbst. Deshalb setzen wir nun eine Containerlösung um – wie so viele Schulen. Wir stellen fürs nächste Schuljahr zwischen Rotem Kreuz und Blockhütten eine Containerlandschaft für sechs Klassen auf – mit Toilettenräumen und Rückzugsmöglichkeiten. Den erhöhten Platzbedarf haben wir nicht nur, weil wir mehr Schüler haben, sondern weil sich verhaltensbedingt die Bedarfe geändert haben. Die Schüler sind viel herausfordernder geworden. Wir sehen verstärkt fremdverletzendes und selbstverletzendes Verhalten bei Kindern. Für sogenannte Systemsprenger – das sind nicht nur Schüler – hat die Gesellschaft keine Plätze vorgesehen. Unsere Mitarbeiter stellen sich den neuen Herausforderungen, aber wir kommen an unsere Grenzen und müssten wahrscheinlich häufiger nein sagen. Aber was passiert dann mit den Menschen? Das ist ein Thema, das uns als Lebenshilfe bewegt. Die große Frage ist, wie die benötigte intensive Betreuung finanziert wird und wer sie leistet. Der Fachkräftemangel ist deutlich spürbar.

Im Sommer haben Sie nach Corona-Zwangspause wieder Parkfest gefeiert. Wie haben Sie das Feiern erlebt?
Ausgelassen! Ich möchte Dankbarkeit über alles schreiben. Ich bin dankbar für die Besucher, die geduldig in der Schlange standen, dankbar für alle Ehrenamtler der vielen Helferschichten, die ein Comeback der Feste erst möglich machten. Wir haben lange diskutiert, ob wir es machen. Hellhörig bin ich geworden, als es hieß, gerade die Menschen mit Behinderung hätten Angst vor Begegnungen. Das war der Punkt, an dem ich „Stopp“ zu den Bedenken gesagt habe. Wenn unsere Menschen mit Behinderung Angst vor Begegnungen haben, dann wird es Zeit, dass wir die Kurve kriegen, Zeit für Normalisierung. Und ich bin froh, dass wir so entschieden haben, Parkfest oder Adventsmarkt wurden total angenommen. Toll war auch der Partnerschaftsbesuch aus Polen. Diese Begegnungen sind so wichtig für alle Menschen, mit oder ohne Behinderung. Ich freue mich, 2023 wieder einen Veranstaltungskalender zu haben. Ich hoffe, dass wir uns dann endlich ganz von den Vorgaben und Coronaregeln lösen können. Die Bestimmungen sind bei uns bis heute noch streng, Masketragen und Testungen stehen weiter auf der Tagesordnung. Unsere Menschen mit Behinderung erleben die Verordnungen immer mehr als Diskriminierung. Dass sich das ändert, wäre mein Wunsch fürs neue Jahr.

Freuen können Sie sich auch auf die Special Olympics. Bad Dürkheim wird Host Town für eine Delegation von den Philippinen sein. Was ist der Beitrag der Lebenshilfe?
Mit der Stadt gestalten wir ein Tagesprogramm mit einer Elwetritsche-Rallye und dem Abschluss bei uns in der Lebenshilfe. Christine Schneider-Joseph von der Stadt leistet hier Großartiges. Es gibt eine Menge Bürokratie zu erledigen. Die Special Olympics in Berlin sind 2023 das größte Sportereignis weltweit. Da freuen wir uns drauf.

Zur Person: Sven Mayer

Sven Mayer (46) ist seit zehn Jahren Geschäftsführer der Lebenshilfe in Bad Dürkheim. Mit seiner Familie lebt er in Fußgönheim. In seiner Freizeit ist er mit seiner Familie viel auf Sportplätzen unterwegs. Die ganze Familie engagiert sich gerne ehrenamtlich. Mayer trainiert die Fußballmannschaft seines Sohnes. Abschalten kann er am besten beim Wandern in den Allgäuer Bergen, bei einem Rockkonzert oder mit einem guten Buch.

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