Wachenheim
Kulturspaziergang mit Fragen, Fluchten und Facetten
Heimat sei ein fragwürdiger Begriff, heißt es an einer Stelle des Rundgangs. Was auch bedeutet, dass er es allemal wert ist, hinterfragt zu werden. Bei den künstlerischen Darbietungen in Wachenheim erlebten die Besucher auf ganz unterschiedliche Weise dieses Nachfragen: ohne Heimat zu erhöhen oder zu überladen, vielmehr als lockeres Abklopfen, mal witzig und heiter, mal nachdenklich und hintersinnig.
Das Format der Veranstaltung hat Projektleiterin Coralie Wolff in Zusammenarbeit mit Beate und Hendrik Hoffmann organisiert. Es wird gefördert im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz und überzeugte auch in diesem Jahr mit Vielfalt, Offenheit und Überraschungen.
Gedichte, Gedanken und Geschichten
Gedanken- und Wortspiele brachte Hendrik Hoffmann in der Waldstraße 21 bei Familie Geibel unter dem Titel „Allerland ist das!“ zum Ausdruck. Dazu hatte der Wachenheimer Schauspieler Gedichte, Gedanken und Geschichten zusammengestellt. Verse von Bertolt Brecht und Mascha Kaléko waren ebenso dabei wie Romanauszüge aus „Die Familie“ von Andreas Maier. Am Beispiel der Nachkommen der „Schweigekinder“ erlebten die Zuhörer, wie trügerisch ein heimatliches Familienidyll in Wahrheit sein kann.
Hintergründig und schillernd gestaltet war „Die HeimkehrerSehnsuchtsReise“ in der Waldstraße 110, wo Katja Ivanova und Hanna Röhrich bei Familie Morell eigene Texte lasen und sangen. Was die jungen Schauspielerinnen über familiäres Erleben mit fürsorglicher „Babuschka“ oder über die Fallstricke der Liebe zwischen Nähe und Distanz zu Gehör brachten, berührte ihre Zuhörer spürbar.
„Florale Störfälle“
Von literarischen Gartenfluchten und rankenden Kämpfen las Schauspielerin Coralie Wolff in der Schlossgasse 12 bei Familie Altehoefer/Schulz vor. Ihre lebendige Art ließ „Florale Störfälle“ wie den ungeliebten Philodendron oder das Usambaraveilchen üppig gedeihen. Auch wo pflanzliche Wuchseigenschaften weniger glückten, gab es zwischen finalem Wegwurf und letzter Dünger-Chance manches zum Schmunzeln.
Abgründig und mit galligem Humor ging es im Bornweg 12 bei Familie Vogler-Erlewein zu. Teddybären-Idyll gegen bitteren Zank, Harmonie gegen Hass – all das prallt bei den Figuren von Autor William Trevor so heftig zusammen, dass der aufgestaute Zorn sich schließlich auf brutale Weise entlädt: Schauspieler Boris Ben Siegel las ausdrucksstark aus der Erzählung „Das Teddybären-Picknick“.
Kinderbuch auch für Erwachsene ansprechend
Heiterer und doch mit verschmitztem Hintersinn kam die Darbietung in der Schlossgasse 5 bei Familie Popp daher. Hier zeigte Anke Scholz vom Artisjok-Theater die Geschichte „Wie der Maulwurf beinahe in der Lotterie gewann“. Den feinen Humor und die witzigen Wendungen des Kinderbuchs, geschrieben von Kurt Bacharz, setzte die Figurenspielerin ansprechend um und machte es auch für erwachsene Zuschauer sehenswert.
Für die Veranstalter war der erfreulich große Zuspruch im zweiten Jahr des Kulturrundgangs ein Ansporn, ihn in Wachenheim dauerhaft zu beheimaten.