Bad Dürkheim
Kultur statt Koloration
Regionalliteratur – frisch verfönt – gab’s im Friseursalon „Wolf macht Haare“. Zwischen Waschbecken und Frisiertischen trug die Autorengruppe LitOff (Literatur-Offensive) eigene Texte vor. Haarige Anspielungen inklusive.
Kultur statt Koloration – sowas gab’s in Bad Dürkheim noch nicht. Die Resonanz bei der Veranstaltung im Friseursalon von Michael Wolf in der Schlosskirchenpassage hielt sich dennoch in Grenzen: Nur eine überschaubare Anzahl Besucher kam. Sie wurden belohnt mit einem Abend zwischen Skurrilität, Poesie und Kurzweil. Die LitOff-Aktivisten – Edith Brünnler, Nils Ehlert, Lothar Seidler und Anette Butzmann – boten zwei Stunden lang Wortkunst statt Wasserwellen. Den Kulturbeutel schnürte Lothar Seidler auf mit „Knarzara blink“, einer dschungelhaften Ein-Satz-Geschichte über eine Berliner Spreewald-Fähre. Der selbsternannte Zufallskurier, der sein Ziel immer erreicht/verfehlt, begegnete dem klassischen Chaos der Deutschen Bahn mit humorigem Kurzschnitt.
Seriös gab sich Musiker und Autor Nils Ehlert. Seine feuilletonistische Story „Rondo mit Frau Moll“ verortete den Frisiersalon als Werbeplattform und Trainingsraum für abgründige Schöngeister. Daneben zupfte und strich der Cellist sein Instrument. Im leeren Kühlschrank wohnt der Blues („Empty Fridge Blues“ von Gabriel Köppen) und im argentinischen Tango leidenschaftliche Melancholie. Ein Tänzchen dazu gab’s vom Figaro höchstpersönlich: Michael Wolf und seine finnische Tango-Partnerin Kristiina Iso-Kokkila aus Heidelberg schwelgten selbstvergessen über die Bodenfliesen. Und dann und wann ruckelte draußen ein später Passant mit Rollkoffer übers Pflaster.
Die Idee zur Lesung am ungewöhnlichen Ort hatte Anette Butzmann. Klar hatte die Mannheimer Kriminalautorin die Haare schön, denn Michael Wolf ist ihr Friseur noch aus Heidelberger Zeiten. Haare in Dürkheim macht Wolf seit zwei Jahren im ehemaligen Salon von Waltraud Dilg.
Einen spitzen Ypsilon-Schnitt setzten Anette Butzmann und Nils Ehlert nach der Pause mit einem Auszug aus ihrem gemeinsamen Regionalkrimi „Null und Eins“, der in der Heidelberger Rechtsmedizin und im südpfälzischen Wörth spielt.
Anekdoten im lockeren Plauderton gab Edith Brünnler zum Besten: „Gucken mich bloß mol aa, die Hoor net g’schdeilt“, outet sich die gestresste Jungrentnerin und berichtet über den unvermeidlichen Rentnerstress und Kleingeld-Chaos am Sparkassenschalter. „En Daach ohne Pälzisch is en Daach in de Hell“, weiß die preisgekrönte Mundart-Autorin, und verarbeitet das somnambule Horror-Szenario vom „Hochdeitsch-Dämon“ in einem leidenschaftlich vorgetragenen Rap. Worauf Nils Ehlert ein südamerikanisches Tänzchen streicht.
Die vielversprechende Premiere macht Lust auf mehr.