Weisenheim am Sand
Krippenlandschaft: Wimmelbild mit Weihnachtsengel
Vier Wochen im Jahr ist bei Familie Schädler Ausnahmezustand. Dann verwandelt sich das weitläufige Wohnzimmer in ein Panoramabild aus einem monumentalen Bibelfilm. Für ihre große Krippe haben die Schädlers zwischen Kamin und Terrassentür eine Modelllandschaft aufgebaut und mit etwa 80 handgeschnitzten Figuren bestückt.
Kniende Hirten, Holzbauern mit ihrer Fracht, rastende Wanderer, Dorfleute bei der Arbeit und über allem schwebt der Engel. Drunten im Tal melkt ein Junge eine Ziege. Eine Händlerin ist auf dem Weg mit Körben und Krügen: Idealtypische Figuren, angesiedelt in einer alpenländischen Landschaft, bevölkern die Szene. Zwischendrin tummeln sich Hühner, Hasen, Tauben, Gänse und Enten. Insgesamt 56 Tiere sind hier zu entdecken. Wimmelbild mit Weihnachtsengel. Rechts oben auf dem Kaminsims haben die Heiligen Drei Könige samt Kamel ihren Stammplatz. Unter ihnen befindet sich eine geheimnisvolle Höhle mit einem Einsiedler. Nur Pferd und Elefant sucht man hier vergebens.
„Der Aufbau dauert drei Tage“
Die Leidenschaft für Krippenbau hat bei den Schädlers eine gut 40-jährige Geschichte. Die beginnt 1980 bei einem Urlaub in Südtirol: Eigentlich wollten sie eine handgeschnitzte Madonna kaufen. Stattdessen wurde es mit Maria, Josef und dem Jesuskind sowie Ochs und Esel die Stammbesetzung im Stall. Diese Kernkrippe baute Wolfgang Schädler zuerst auf einer halben Tischtennisplatte mit Kunstrasen im Esszimmer auf. Als Stall mussten zusammengesteckte Rebknorzen herhalten. Jahr für Jahr ging es dann wieder in den Urlaub nach Südtirol und stets zurück mit neuen Figuren aus einer bestimmten Serie der sogenannten Kostner-Krippe im Gepäck. Geschnitzt, bemalt und in Teilen blattvergoldet werden die Figuren in Sankt Ulrich im Grödnertal aus Bergahornholz.
Auf mehreren Ebenen hat Wolfgang Schädler seine Krippe aufgebaut: „Der Aufbau dauert drei Tage und beginnt immer am Montag nach dem ersten Advent.“ Er habe keinen Plan, gehe lieber intuitiv und spontan vor. Stabile Kunststoffkisten bilden den Unterbau für eine begehbare Bühne, die aus einer Holzplatte besteht. Und weil mit den Jahren immer mehr Figuren dazu kamen, die gesehen und inszeniert werden wollen, begann der Krippenfreund, in die Höhe zu bauen. Zum Modellieren des Geländes hat er drei Säcke Rindenmulch geschichtet und mit quadratmeterweise Moos ausgelegt, Sand sowie Sandstein für Wege und Tannen- sowie Fichtenzweige für den Bodenbelag verbaut. Der erste Stall, noch aus Rebknorzen gefertigt, ist längst einem größeren Wurzelstall gewichen, den Schädler ohne Schraube und Draht aus Material vom Aquaristik-Bedarf zusammensteckt.
Mit zunehmender Größe der Krippe sei auch die Beleuchtung immer wichtiger geworden, berichtet Schädler. Zwölf Spots hat er verbaut, von der Decke und versteckt zwischen den Figuren. Unterschiedliche Lichtstimmungen scheinen die Figuren zum Leben zu erwecken und lassen den Blick schweifen.
Das Aufstellen der Figuren und damit das Kreieren lebensechter Szenen ist die Domäne von Ehefrau Gertrud Schädler: „Jede Figur hat ihre Geschichte“, erzählt sie. In ihrer Lieblingsfigur, Mutter mit Kind, erkenne sie etwas von sich selbst und ihrem Sohn Andreas wieder. Gertrud Schädler kümmert sich auch nach Weihnachten um die wertvollen Figuren, wickelt sie in Küchenpapier, ehe sie in Luftfolie sorgsam eingelagert werden.
Wolfgang und Gertrud Schädler verbringen die Abende gerne daheim mit Blick auf ihre biblisch-alpenländische Inszenierung. Ihre Kostner-Krippe machen die beiden auch für Interessierte zugänglich: Freunde kommen zu Besuch, auch die beiden Pfarrer und die Kinder vom katholischen Kindergarten. Da Wolfgang Schädler das Gestalten von Krippen auch nach Jahrzehnten noch Spaß macht, hat er zudem in der katholischen Kirche in Weisenheim am Sand mit zwei Helfern die Weihnachtskrippe aufgebaut.