Blickpunkt
Kriegsgegner als Staatsfeinde
Menschen rund um den Globus erklären sich solidarisch mit der Ukraine, spenden oder unterstützen Geflüchtete, die entsetzliches Leid durchgemacht haben. Auf der Kundgebung auf dem Schlossplatz in Bad Dürkheim war die Rede davon, dass es sich bei dem Angriff nicht um Russlands, sondern um Putins Krieg handelt. Doch wie geht es Russen in Deutschland? Ludmilla*, eine Russin, die seit über 20 Jahren im Landkreis Bad Dürkheim lebt, möchte aus Angst vor Repressalien ihren Namen und Wohnort nicht preisgeben. Ähnlich äußert sich Anna*, eine deutsche Freundin Ludmillas, die davon berichtet, was ihre russischen Freunde und Bekannten erzählen.
„Bei dem Gedanken an den Krieg in der Ukraine empfinde ich Entsetzen und Wut“, sagt Ludmilla (50), die sichtlich bewegt ist. „Wut vor allem deshalb, weil man kaum etwas dagegen machen kann“, sagt die Russin, die viele Familienangehörige in ihrem Heimatland hat. „Ich möchte meine Familie nicht gefährden“, fügt sie an.
Russisches Volk „sehr gespalten“
Ludmilla nennt das russische Volk im Moment „sehr gespalten“, denn „in den Großstädten wie Moskau und St. Petersburg sind wesentlich mehr Menschen gegen den Krieg als bei der Landbevölkerung, weil sie viel mehr Kontakte ins Ausland haben und sich von dort mit Informationen versorgen“. Wer nur das russische Staatsfernsehen schaue, bekäme ein ganz anderes Bild vermittelt. Da sei statt von Krieg von einer „Friedensoperation“ die Rede, um die Leute in den prorussischen Separatistenregionen Donezk und Luhansk zu schützen. Diese Regionen streben seit acht Jahren ihre Unabhängigkeit von der Ukraine an und wurden von Putin bereits anerkannt. Inzwischen gilt: „Wer demonstriert oder das Wort ,Krieg’ ausspricht muss damit rechnen, bis zu 15 Jahre ins Gefängnis zu kommen. Dann gilt man als Staatsfeind, Extremist, Terrorist oder als ausländischer Agent“, sagt Ludmilla.
Viele Menschen, darunter auch Künstler und Intellektuelle, die den Krieg ablehnen, hätten Angst und befürchteten, ihre Arbeit zu verlieren. Sich über westliche Medien zu informieren, sei mittlerweile schwierig geworden, auch weil Soziale Medien wie Facebook oder Instagram abgeschaltet sind. Und wird sie als Russin in der Pfalz seit dem Krieg anders behandelt als vorher? Nein, sagt sie.
Befürchtung: Krieg wird noch länger andauern
Ludmilla befürchtet, dass der Krieg in der Ukraine noch länger andauern werde, obwohl Putin ihn schnell mit mehr Waffengewalt beenden könne. Sie schließe aber auch den von so manchem befürchteten Dritten Weltkrieg nicht aus. Die 50-Jährige sagt, sie verbringe schlaflose Nächte, weil sie mit ihren Gedanken bei ihrer Familie in Russland ist, aber auch an die Bevölkerung in der Ukraine denkt, die gerade alles verliert. Sie ist der Meinung, dass Putin nur gestoppt werden kann, wenn Menschen aus seinem inneren Führungskreis erkennen, dass alles immer schlimmer werde, und die Machtverhältnisse in der russischen Führung neu aufgeteilt werden. Dass dies geschehe, ist aus ihrer Sicht jedoch äußerst unwahrscheinlich. „Mein größter Wunsch ist, dass der Krieg sofort beendet wird“, sagt sie dennoch.
Anna (70) hat viele Kontakte zu Künstlern in St. Petersburg und hört von ihnen, dass sie „geschockt“ sind, die kriegerische Eskalation bedauern, aber nicht wissen, was sie dagegen tun sollen. Mit wem sie auch spricht – alle wünschen sich nur Frieden. Aufgrund der anfänglich noch durchdringenden Informationen aus den westlichen Medien glaubten die Leute in ihrem russischen Bekanntenkreis, dass es ein Krieg und keine Friedensoperation ist, berichtet Anna.
Eine Bitte: Nicht alle Russen „über einen Kamm scheren“
Angesichts der drastischen Strafen, die Gegnern des Krieges drohten, gebe es aber nur wenig Proteste. Leute, die sich vor ein paar Tagen noch vehement gegen den Krieg ausgesprochen hätten, würden jetzt verstummen, beziehungsweise erklären, dass Putin rechtmäßig handle. Wer Listen gegen den Krieg unterschrieben hat, fürchtet nun, verhaftet zu werden.
Russische Medien sprechen laut Anna von einer „militärischen Operation“, um der Ukraine und dem Westen Vernunft beizubringen und ihnen zu zeigen, „wo es lang gehen solle“. Bilder von Zerstörung und Bombardierung werden von den russischen Medien als „Fakenews“ bezeichnet. Anna bittet darum, in Deutschland nicht alle Russen „über einen Kamm zu scheren“ und sie als böse Aggressoren darzustellen. Es gebe sehr viele Menschen in Russland, die gegen den Krieg seien.
In die Ukraine hat sie ebenfalls Kontakte: „Ich habe eine Freundin in Kiew, die ich früher über zwei Telefonnummern erreichen konnte. Die eine ist jetzt ungültig, die andere ist gesperrt.“ Auch Anna stehen wohl noch schlaflose Nächte bevor.