Freinsheim
Konstantin Wecker bekommt Hermann-Sinsheimer-Preis überrreicht
Nach einer langen Reihe von Literaten und Publizisten, zum Beispiel Hilde Domin, Walter Kempowski, Marcel Reich-Ranicki, Dieter Hildebrandt – um nur einige zu nennen – ging der Preis in diesem Jahr an einen Künstler, der in erster Linie als Musiker und Liedermacher bekannt ist: Konstantin Wecker. Gestern ging die Aufzeichnung der Verleihung auf dem Youtube-Kanal der Stadt Freinsheim online.Im mit Blumen geschmückten Saal des Von-Busch-Hofs erklärte Bürgermeister Matthias Weber, dass man die Verleihung nicht auf das nächste Jahr verschieben wollte und daher die Variante mittels Aufzeichnung gewählt habe. Die Themen Konstantin Weckers seien auch die von Hermann Sinsheimer gewesen. Der Schutz der Menschenwürde, die Pressefreiheit und die Freiheit von Kunst und Wissenschaft – darum sei es Hermann Sinsheimer gegangen, und damit befasse sich auch Konstantin Wecker, der ein „lauter Wecker“ sei und dafür sorge, dass man die um sich greifende Menschenverachtung auch bemerke und bekämpfe.
Weber war nach München gefahren, um Wecker den Preis persönlich in dessen Studio zu überreichen. Der Preisträger fühlte sich sichtlich geehrt, vor allem angesichts der illustren Vorgänger. Dieter Hildebrand sei er freundschaftlich verbunden gewesen und Reich-Ranicki habe ihn im Vorübergehen für seine Gedichte gelobt, ihn aber auch wissen lassen, dass er für seine Musik nichts übrig habe.
Lobrede aus Tel Aviv
Meistens hält der vorangegangene Preisträger die Lobrede auf den neuen, Herta Müller hatte aber abgesagt. Auf Wunsch Weckers sollte der Soziologe und Historiker Moshe Zuckermann der Laudator sein. Er wurde aus Tel Aviv zugeschaltet und wollte statt einer Rede lieber ein Gespräch mit seinem guten Bekannten Wecker führen. Fortan sahen die Zuschauer, wie Wecker sich mit Zuckermann, der auf einem Bildschirm zugeschaltet war, unterhielt. Beide beschäftigen sich mit Utopien: Zuckermann hält darüber Vorträge, Wecker singt darüber. Das Träumen von gerechten Zuständen, von einer Welt ohne Gewalt und Unterdrückung wolle man nicht aufgeben. Ein besonderes Kompliment machte Zuckermann dem Preisträger: Ihn habe oft gestört, dass bei Protestsongs die Musik banal und trivial gewesen sei. Das aber sei bei Wecker nicht der Fall, seine Musik sei „herzerwärmend“.
Dabei legt Wecker es darauf nicht an. Er plane nicht, „mir passieren meine Lieder“. Er singe, „weil ich ein Lied habe“. Das bringe er auch Studenten der Universität Landau bei, die bei ihm Songwriting als Fach belegt haben. Mit Zuckermann ist er sich einig, dass Poesie nottut, und man Schülern Gedichte nahebringen sollte. Sorgen machen sich beide um den Stellenwert der Kunst, besonders Wecker. Kultur sei „Nahrung für die Seele“, sie dürfe nicht als bloße Unterhaltung gelten. Er befürchtet, dass die Hochkultur durch den langen Lockdown Schaden nehmen könnte. Ihm persönlich fehle die „Umarmung des Publikums“ mehr, als er je vermutet hätte.
Musik und Vortrag im Rahmenprogramm
Begleitet wurde die Veranstaltung von dem Ensemble „Immergrün“ des Freinsheimer Saxophonisten Peter Stockmann. Evergreens wie „Die Gedanken sind frei“ erklangen in Jazztönen. Schauspielerin Anja Kleinhans las Erinnerungen Sinsheimers an seine Schulzeit in Freinsheim und seine erwachende Liebe zur Sprache.