Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Koffer aus der Gefangenschaft: Pfarrer bringt Familiengeschichte in bekanntes Museum

Heinrich Leiner ist noch keine 18 Jahre alt, als er als Wehrmachtsoldat kämpft. Sein Sohn, Norbert Leiner, findet heute, dass se
Heinrich Leiner ist noch keine 18 Jahre alt, als er als Wehrmachtsoldat kämpft. Sein Sohn, Norbert Leiner, findet heute, dass sein Vater damals wie 15 ausgesehen hat. Wie ein Kind in einer zu großen Uniform.

Ein alter Koffer, harte Jahre in Gefangenschaft und eine Recherche im Archiv: Norbert Leiner bringt die Geschichte seines Vaters ins Haus der Geschichte.

Von seinem Vater habe er seinen Humor geerbt, sagt Norbert Leiner. Das finden zumindest Freunde des Pfarrers, der bis zu seinem Ruhestand über 20 Jahre der katholische Seelsorger in Bad Dürkheim war. Geerbt hat der 73-Jährige vom Vater auch einen Koffer. Der sei ihm beim Ausräumen des Hauses seiner Eltern in die Hände gefallen. Da Leiner wusste, was es mit dem roten Koffer mit den Gebrauchsspuren auf sich hat, hat er sich von dem unscheinbaren Gegenstand nicht getrennt.

Den Koffer hat ein Mitgefangener von Heinrich Leiner aus Holz und Metall gebaut.
Den Koffer hat ein Mitgefangener von Heinrich Leiner aus Holz und Metall gebaut.

Dieser Koffer ist nicht besonders groß, kein Vergleich mit einem heutigen Reisekoffer. Das hölzerne Teil fällt eher in die Kategorie Handgepäck. Und viel hatte der Vater wohl auch nicht dabei, als er wieder in die Westpfalz zurückkam – nach viereinhalb Jahren in Kursk und Mariupol in russischer Kriegsgefangenschaft.

Mit 17 Jahren an die Front

Leiners Vater war einer von über elf Millionen deutschen Männern, die vor allem in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft gerieten. Und er ist natürlich nicht der einzige, der mit nichts als einem einfachen Koffer nach Jahren wieder zu Hause ankam. Dass sein Sohn nun aber viele Jahrzehnte später seine Geschichte recherchiert hat, macht den roten Koffer aber sogar interessant für ein ganz besonderes Museum.

Vor ziemlich genau 100 Jahren wurde Heinrich Leiner, der von Familie und Freunden auch Henner oder Heiner genannt wurde, in Waldfischbach geboren. Als er im Februar 1944 in den Krieg ging, war er also noch keine 18 Jahre alt. „Sieht aus wie 15“, sagt Norbert Leiner beim Blick auf das Bild seines Vaters in Wehrmachtsuniform. Die Uniform ist ein bisschen zu groß. „Kindergrößen hatten sie nicht“, sagt Leiner trocken. In Kriegsgefangenschaft ging er am 9. Mai 1945.

Norbert Leiner ging 2022 als Leitender Pfarrer der Pfarrei Heilige Theresia vom Kinde Jesus in Ruhestand.
Norbert Leiner ging 2022 als Leitender Pfarrer der Pfarrei Heilige Theresia vom Kinde Jesus in Ruhestand.

Harte Arbeit im Stahlwerk

Kriegsgefangenschaft hieß im Fall von Leiners Vater: schwere Arbeit im Stahlwerk am Asowschen Meer. Dürftig gekleidet und ohne Handschuhe hätten sie in der Kälte gearbeitet, so habe der Vater es beschrieben. Viele seien aus der Kriegsgefangenschaft nicht mehr zurückgekommen, weil ihnen der Überlebenswille gefehlt habe, ist der Pfarrer überzeugt. Bei seinem Vater sei es vor allem die Sehnsucht nach dessen Mutter gewesen, die ihn durchhalten ließ. Als er 1949 wiederkam, war es aber bereits zu spät für ein Wiedersehen. „Das war für ihn das Schlimmste, dass die Mutter tot war“, sagt Leiner.

Fünf Kinder in Pirmasens

Nach dem Krieg gründete Heinrich Leiner in Pirmasens mit seiner Frau, einer Südpfälzerin, eine Familie mit fünf Kindern. Der 23-Jährige, der als Schüler in den Krieg gegangen war, entschied sich gegen das Abitur und für die Arbeit. Er ging zur AOK wie ein Cousin. Alle waren sparsam, erinnert sich Leiner an seine Kindheit. Die Mutter habe einen Nutzgarten bewirtschaftet. „Ich bin bio aufgewachsen“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Menschen, die das mitgemacht hatten wie sein Vater, seien zähe Leute gewesen, beschreibt es Leiner heute.

Von Beruf „Schüler“: die Heimkehrer-Meldekarte von Heinrich Leiner.
Von Beruf »Schüler«: die Heimkehrer-Meldekarte von Heinrich Leiner.

Körperlich habe Heinrich Leiner die Gefangenschaft recht gut überstanden. Weil man ihm die Brille weggenommen hatte, gewöhnte er sich an, ohne Sehhilfe auszukommen, und brauchte erst in seinen Siebzigern wieder eine. Der 2008 verstorbene Vater arbeitete bis ins hohe Alter im Garten. Ganz losgelassen habe ihn die Zeit dennoch nicht – auch wenn er wenig davon erzählte.

Was es mit dem roten Koffer auf sich hat, war Norbert Leiner immer klar. Er wollte ihn für kommende Generationen sichern und nahm deshalb im vergangenen Jahr Kontakt mit dem Haus der Geschichte in Bonn auf. Das Museum bietet bei freiem Eintritt einen Überblick über die deutsche Geschichte seit 1945. Leiner kennt es gut – auch wegen eines Neffen in Bonn. Er mag das Konzept und freut sich, dass das Haus den roten Koffer übernommen hat.

Möglich gemacht habe das vor allem seine Recherche. Leiner hat im Bundesarchiv in Berlin nach den Akten seines Vaters gefragt, um dessen Geschichte nachvollziehen zu können. Bis zu einer Antwort vergingen Monate. Aber es habe sich gelohnt. „Ohne diese Informationen im Bundesarchiv in Berlin wäre der Koffer nicht im Haus der Geschichte gelandet“, sagt Leiner, der nun unter anderem dank der Heimkehrer-Meldekarte die Jahre der Gefangenschaft nachvollziehen kann.

Der Pfarrer im Ruhestand weiß, dass das Museum Hunderte von Rückkehrer-Koffern hat. Ob das Exemplar seines Vaters je ausgestellt wird, ist nicht klar. Leiner ist wichtig, dass der Koffer nicht auf dem Müll gelandet ist, sondern nun sinnvoll verwendet werden kann.

Wer der Mitgefangene war, der den Koffer aus einfachsten Mitteln anfertigte, ist bis heute unklar – wie vieles aus der Gefangenschaft seines Vaters im Dunkeln bleibt. Doch eine Geschichte hat sich Norbert Leiner eingeprägt: Als sein Vater schwer krank wurde, sei er gesund gepflegt worden. Und konnte nur so – mitsamt Koffer – heimkehren.

Heinrich Leiner
Heinrich Leiner
Das Bundesarchiv in Berlin fand Unterlagen über Heinrich Leiner.
Das Bundesarchiv in Berlin fand Unterlagen über Heinrich Leiner.
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