Wachenheim Klassik von einem anderen Stern: Spark in der Wachenheimer Kulturscheune
Der Name der klassischen Band ist Programm. Spark bedeutet Funke, und der sprang bereits nach wenigen Minuten über. „Wahnsinn“ entfährt es einer Besucherin während auf der Bühne gleich fünf gestandene Klassik-Virtuosen gerade Bach zerlegen und den Barock-Titanen vermischt mit Eigenkompositionen und Versatzstücken der Beatles völlig neu deuten.
Klassik anno 2022 bringt Meisterwerke zeitgenössischer Cover- und Sampling-Kunst hervor. Und die sprengt selbstredend Genre-Grenzen. E 20 Flöten, Geige und Bratsche, flankiert von Cello und Flügel auf der Bühne ließen alles erahnen, nur das nicht. Etwa Johann Sebastian Bach (1685-1750), den Barock-Titanen, mit dem Avantgardekomponisten und Neutöner Luciano Berio (1925-2003) zusammenzubringen und mit Stücken aus eigener Feder zu verknüpfen. Das beschert Hörabenteuer der Extraklasse.
Die Musiker lassen es richtig krachen
Denn die Kammermusiker sind eine Band und lassen es richtig krachen: Um die beiden Gründungsmitglieder Andrea Ritter an den Blockflöten und Daniel Koschitzki (Blockflöten, Melodica) hat sich mit Stefan Balazsovics (Violine, Viola) und dem Cellisten Victor Plumettaz eine teuflisch virtuose Crew gruppiert, die zuletzt von dem Wahlpfälzer Pianisten Christian Fritz kongenial ergänzt wurde.
Seit dem Echo Klassikpreis 2011 profilieren sich die Musiker als die „Fab Five“ der Neoklassik-Szene, spielen leidenschaftlich, ernsthaft, virtuos. Ihre neueste Produktion thront derzeit auf Rang fünf der Klassik-Charts. Ganz in Schwarz, dabei leger in Shirt und mit einem Hauch von Glamour, kommen die Fünf daher. Die Flötenfraktion besticht durch intensiv dialogisches Spiel, und auch Geige und Cello sind ständig in Bewegung.
Klangwelten zwischen Pop und Klassik
So entsteht ein komplexer schillernder Sound, in dem sich, vielschichtig überlagert, unterschiedliche Klangwelten mischen. Moderne Paraphrasen aus dem Wohltemperierten Klavier begegnen einem von asiatischer Weltmusik inspirierten Cello-Stück von Berio. In einem irrwitzigen Flöten-Solo entkoppelt Andrea Ritter in innovativer Technik Finger, Zunge und Atem und wuppt eine Riesenpartitur. Und Pianist Christian Fritz greift in „Neo Largo“ den Geist von Bachs f-Moll-Konzert (BWV 1056) kompositorisch auf. Und hin und wieder die Beatles: Themen, Melodielinien, Ohrwurm-Versatzstücke aus dem kollektiven Popgedächtnis, angefüttert mit Klassik und Avantgarde. Zwischendurch moderiert Flötist Daniel Koschitzki überaus charmant, plaudert aus dem Nähkästchen der Repertoiregestaltung und greift auch mal zur Melodica oder zum Bassett (Bass-Blockflöte).
Im Laufe des Abends verirren sich Töne im Geiste von Chopin, Rachmaninow, Schubert und Brahms in das „Wasserklavier“ von Luciano Berio. Das ist Crossover vom Allerfeinsten. Mit Furor, Rasanz und tänzerischer Dynamik grätscht Vivaldi in das a-Moll (BWV 1065) seines Bewunderers Bach. Die Sequenza VI von Luciano Berio wird zur frechen Hommage an das Solo-Capriccio von Paganini. Cellist Victor Plumettaz huldigt in „The Eternal Second“ den „Monatlichen Klavierfrüchten“ des Bach-Zeitgenossen Christoph Graupner. Und zwischendrin, quasi als roter Faden, entwachsen dem Soundlabyrinth immer wieder die Beatles: „Michelle“ trifft „Lucy In The Sky With Diamonds“ und nach „Eleanor Rigby“ heißt es „Help!“ und das Ganze kulminiert schließlich in Sebastian Bartmanns „B(e) to B(e)“.
Energie und Spiellust
Soviel Energie, soviel Spiellust war selten: In gut zwei Stunden haben es Spark verstanden, in der Kulturscheune bei offenen Toren die Atmosphäre eines Folk-Rock-Konzerts im Open-Air-Modus aufzubauen. „Wow“, „toll“, „unglaublich“, solcherart Statements hört man in diesem Konzertmilieu eher selten. Am Ende hält es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen, die Klassik-Gemeinde applaudiert im Stehen, und auch die Kinder im Publikum, die Hörer von morgen, klatschten begeistert. Und während sich nach der Show die Künstler unters Volk mischen, plaudern und CDs signieren, zieht es manchen Besucher mit einem Lied von Bach, Berio oder den Beatles auf den Lippen hinaus in die Sommernacht.