Bad Dürkheim
Katrin Tempels neuer Roman basiert auf Erlebnissen ihrer Tante
Wieder einmal versteht es Katrin Tempel, das Leben differenziert beschriebener Charaktere einfühlsam vorzustellen und in einen zeitgeschichtlich abwechslungsreichen Hintergrund einzubinden. Im Epilog verrät sie, wie sie den Stoff für ihren Generationenroman entdeckt hat: „Im Nachlass meiner Tante Lucie habe ich ein 200-seitiges Manuskript gefunden, in dem sie ihre Erinnerungen an das Kindheitsparadies im ostpreußischen Mandeln und ihre Mädchenjahre beschreibt“. Personen und Fakten hat Tempel für den Roman angepasst und erweitert.
Die Geschichte beginnt auf einer Apfelplantage in Wachenheim. Zur Beerdigung ihrer Mutter Luzie kommt die Modedesignerin Karen aus New York zurück auf das Apfelgut, das die Großmutter Marie nach dem Krieg in der Pfalz aufgebaut hatte. Sie musste 1944 allein mit ihren drei Töchtern die ostpreußische Heimat in Mandeln verlassen. Ihr Ehemann Reinhold wurde zum Volkssturm einberufen. Aus der Heimat nimmt sie Propfreiser von Apfelbäumen mit. Zunächst führt sie ihr Weg nach Flensburg, wo sie als unwillkommene Flüchtlinge bei einer Bauernfamilie untergebracht werden. Auch dort kann die Großmutter einen Garten anlegen. Katrin Tempel schildert die entbehrungsreiche Zeit in Schleswig-Holstein detailreich und gut nachvollziehbar.
Pendeln zwischen der Pfalz und Amerika
Nächste Station im Leben von Marie und ihren Töchtern ist die Umsiedlung in die Pfalz, wo sie bei einem verwitweten Winzer unterkommen. Die tatkräftige Großmutter entdeckt ein vernachlässigtes Grundstück mit alten Apfelbäumen, das mit den aus Ostpreußen mitgebrachten Propfreisern zum Grundstock für ihr eigenes Apfelgut wird. Luzie, ihre jüngste Tochter, hilft nur widerwillig bei der Arbeit und nutzt bald die Gelegenheit, ohne Abschied von der Mutter fort nach München zu gehen. Es ist die Zeit der Hippies und dem ungezwungenen Leben in Studentenkommunen. Luzie merkt jedoch bald, dass dieses Leben nicht zu ihr passt. Ihre ungeplante Schwangerschaft führt zur Heirat mit einem früheren Freund aus Wachenheim, der das Kind als eigenes annimmt.
Von Luzie hat ihre Tochter Karen den freiheitsliebenden Geist geerbt und kein Interesse, das Apfelgut weiterzuführen. Sie beginnt Mode zu entwerfen und will fort aus Wachenheim. Mit einem Touristenvisum reist sie nach New York. Anfangs hält sie sich mit einer selbst geschneiderten Öko-Kollektion über Wasser. Dabei lernt sie einen gut situierten Banker kennen, der sie heiratet und so aus der Illegalität erlöst. Nach Jahren als erfolgreiche Geschäftsfrau will sich Karen nicht mit dem Erbe in Wachenheim belasten, vermisst aber in ihrem Leben das Gefühl des Aufbruchs. Sie findet einen Kompromiss und beschließt, künftig zwischen ihrem Apfelcafé in Wachenheim und New York zu pendeln.
Der besondere Charme des Romans liegt darin, dass die Autorin immer wieder lokale Bezüge herstellt, wie beispielsweise den Tanzabend in der Diskothek Holzwurm. Die wendungsreiche Familiengeschichte dieser Frauen aus drei Generationen fesselt von Anfang an und verführt dazu, den Roman in einem Zug durchzulesen. Er erscheint am 1. September.
Lesezeichen
Katrin Tempel: „Apfelblütenjahre“ erscheint im Piper-Verlag, Klappenbroschur, 400 Seiten, 15 Euro.