Bad Dürkheim Im Vier-Viertel-Takt

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Kaum hat Kaiser Ludwig der Bayer dem Dorf im kurpfälzischen Zipfel, eingeklemmt zwischen den Territorien der Leininger im Norden und des Speyerer Bischofs im Süden, mit salbungsvollen Worten die Stadtfreiheit gewährt, da begannen die Wachenheimer in Vierteln zu denken. Womit nicht das hand- und mundgerechte Weinquantum gemeint ist, mit dessen massenhaften Konsum und der darauf erhobenen Abgabe (Ohmgeld) die frischgebackenen Bürger den Bau der Stadtmauer zu finanzieren gedachten.

Vielmehr bildeten sich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts vier in etwa gleich große Stadtquartiere heraus, sobald der Mauerring hochgezogen war. Der steinerne Wall blockierte 500 Jahre lang die weitere Ausdehnung der mindestens schon seit dem 7. Jahrhundert bestehenden Siedlung. In der Längsrichtung markierten Hauptstraße („Straßgass“) und Mittelgasse die inneren Viertelgrenzen, in der Querrichtung der Bachlauf (Mühlgasse/Amalie-Helfrich-Pfad, der Bach wird seit 1964 um die Stadt herumgeleitet). Von Süden nach Norden gesehen lagen westlich der Längslinie das Kirchviertel und das Holzviertel, östlich das Schlinzelviertel und das Lauerviertel. Das Kirchviertel im Südwesten wird begrenzt von Hauptstraße, Mühlgasse und Stadtmauer. Sein Name ist augenfällig erklärbar, das St. Georg geweihte Gotteshaus ist das prägende Gebäude dieses Distrikts. Schwieriger herzuleiten ist der Name des nordwestlichen Holzviertels; es heißt, dass durch das nördliche Stadttor (Holztor) der Bau-, Brenn- und Fassdaubenrohstoff aus dem nahen Wald in die Stadt geschafft wurde. Laut Spangenberger verläuft die Grenze des so benannten Areals vom ehemaligen Holztor (Weinstraße) entlang der westlichen Mauer bis zum Einlass des Bachs, den Bach entlang bis zur Mittelgasse, diese hinauf in die Hauptstraße und weiter zum Holztor. Das Lauerviertel war das Wohn- und Arbeitsquartier der Gerber (Lauer). Es wird begrenzt durch die östliche Mauer bis zum Auslass des Bachs an der Bleichstraße, vom Bachlauf bis zur Mittelgasse und von der Hauptstraße bis zum Holztor. Ins Reich der Spekulation begibt sich, wer die Herkunft des Namens Schlinzelviertel ergründen will; Etymologen bringen die Bezeichnung in Zusammenhang mit den Begriffen Schlingel und Schlitzohr – woraus sich selbstverständlich keine Aussagen über die kollektiven Charaktereigenschaften der früheren Bewohner im Südosten Wachenheims gewinnen lassen. Die Vierteleinteilung strukturierte die Verwaltung, das Grundstückskataster (Morgenbuch), die daran geknüpften Abgaben und nicht zuletzt auch den sozialen Kosmos des zur Stadt gekürten Fleckens. Im sogenannten Morgenbuch aus dem Jahr 1579 werden nach Darstellung Fritz Wendels an Häusern angegeben: Kirchviertel 41, Holzviertel 37, Schlinzelviertel 35, Lauerviertel 32. Zusammen 145 Bürgerhäuser. Dazu kamen noch die im Morgenbuch nicht eingetragenen (weil nicht abgabepflichtigen) Adelshöfe und einige sonstige freiadelige Häuser sowie die städtischen und kirchlichen Gebäude. Als Verbindungsleute zwischen den Bewohnern eines Viertels einerseits und den kommunalen Instanzen andererseits fungierten die Viertelmeister. Sie waren vom 15. Jahrhundert bis zum faktischen Ende der kurpfälzischen Herrschaft Ende des 18. Jahrhunderts Teil der Verwaltung. Sie verhandelten vor dem Rat über die Verhältnisse in ihrem Stadtviertel und leiteten die Bürgerversammlungen, deren Beschlüsse sie dem Rat übermittelten. Umgekehrt gaben sie Anordnungen des Rats an ihre Mitbürger weiter und hatten die Aufsicht bei Fron- und Wachdienst für die Stadt. Außerdem waren sie für die Bewirtschaftung der kurfürstlichen Wingerte verantwortlich, „das sie zum besten gebauet werden in fron. Darum sie jerlich von unserm gnäd. Herrn haben zu belonung 2 Malter Korn“. Die jeweiligen Viertelmeister wurden alljährlich an dem Tag bestellt, an dem die städtischen Ämter durch Schultheiß, Bürgermeister und Rat neu besetzt oder bestätigt wurden. Im Jubiläumsjahr 2016 wecken Festkomitee, Stadt und Vereine die Erinnerung an die alten Quartiersnamen. Das Schlinzelgassenfest im historischen Abschnitt der heutigen Bahnhofstraße zwischen Wein- und Grabenstraße ist erstmals am 28. Mai über die Bühne gegangen – leider mit einem alles verheerenden Wolkenbruch als Hauptdarsteller; dem Vernehmen nach soll es eine Neuauflage des Festes geben, unter hoffentlich weniger widrigen Wetterbedingungen. Eine Premiere im Wachenheimer Jahreskalender ist auch das Holzviertelfest am Sonntag, 2. Oktober, ab 11.30 Uhr. Die Mühlgässler, die Stadtmauer-Initiative, die Landfrauen, „Kunst im Dreieck“, der Heimatverein und Weingüter haben sich zusammengefunden, um gemeinsam zu einem unterhaltsamen Tag in den alten Gassen, vor dem Kolbschen Hof und an der Stadtmauer einzuladen. Nur an diesem Tag ist die Mauerpforte am Ende der Holzgasse geöffnet und gewährt Zugang zum Kirchweinwingert. Literatur —Fritz Wendel: Geschichte der Stadt Wachenheim an der Weinstraße, neu bearbeitet und ergänzt von Wolfgang Meyer und Michael Wendel, Herausgeber: Stadt Wachenheim, 2015 —Wachenheimer Geschichtsblätter, herausgegeben von Otto Spangenberger, gebundener Nachdruck sämtlicher Jahrgänge 1952 bis 1969, hrsg.v. Heimatverein Wachenheim, 2011

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