Bad Dürkheim „Ich habe Komiker“
Ich bin sehr zufrieden. Ich hatte kürzlich meinen 100.000. Zuschauer auf der laufenden Tour – da kann man nicht meckern. Nach 2015 kommen Sie jetzt zum zweiten Mal in den Saalbau. Damals waren die Neustadter eine Art Versuchskaninchen, Ihr Programm „Wild“ war da noch in der sogenannten Try-Out-Phase. Diesmal kommen Sie mit einem fertigen Programm – wobei sich ein Programm während einer Tour immer wieder verändert, oder? Das stimmt, da ändert sich schon sehr viel. Wenn jemand am Anfang reingeht und dann am Schluss, da hat er schon ein ganz anderes Gefühl, als wäre er in einem neuen Programm. Aber im Moment ist es festgeklopft, da ändern sich nur Nuancen – wobei ich aber weiter eifrig am Klopfen bin. Mit „Zapped - Ein TV-Junkie knallt durch“ haben Sie 1996 den Durchbruch geschafft. Seitdem: viele weitere Programme, Platten, Bücher und unzählige Menschen, die Sie unterhalten haben. Leben Sie das Leben, das Sie sich immer erträumt haben? Also das ist alles mehr, als je in meinem Kleinhirn vor sich ging. Als ich am Anfang in den 80ern gespielt habe, da war man froh, wenn man ein paar Zuschauer hatte. In den 1990er-Jahren war dann mein Ziel, dass ich 100 Zuschauer habe, die jeden Abend kommen. Da dachte ich mir, das wäre für mich das Größte überhaupt. Es ist anders gekommen, und beschweren kann ich mich nicht. Ist das manchmal noch surreal oder doch schon Business as usual? Ich lebe jetzt natürlich in dieser anderen Realität. Aber es ist wichtig, dass man immer was dafür tut. Ich strenge mich bei jedem Programm wieder so an wie vor 20 Jahren. Und irgendwie habe ich mittlerweile noch mehr Spaß, weil ich noch mehr weiß, was ich da mache. In Ihre Programme haben sich mittlerweile auch ein paar durchaus ernstere Themen geschlichen. Auch Politik. War das eine bewusste Entscheidung, oder hat sich das einfach so entwickelt? Ich habe auch in der 80ern schon Programme gemacht, die politisch waren – hat nur keiner mitbekommen, weil ich keine Zuschauer hatte (lacht). Ich hatte immer meine politischen Referenzen, mal mehr, mal weniger. Ich habe aber auch keinen Bock, zu lange über Politik zu reden. Was ich gerne mache: absurde Sachen, Politik oder Alltag, so hinstellen, dass es komisch ist. Dass die Leute darüber lachen. Das Lachen an sich ist doch schon ein tolles Gefühl. Es kursiert da eine Geschichte: Ein Konzert der irischen Rockband „U2“ in München Ende der 80er Jahre. Frontmann Bono verspielt sich zu Beginn eines Stücks zweimal auf der Gitarre, fragt daraufhin ins Publikum, ob jemand Gitarre spielen kann und auf die Bühne kommen will. Und schwupps, steht der damals noch gänzlich unbekannte Michael Mittermeier, der als Fan dort war, auf der Bühne und spielt mit „U2“. Danach sei Ihnen klar gewesen, dass Sie auf jeden Fall eine Bühnenkarriere anstreben. Dichtung oder Wahrheit? Wahrheit. Es war ein großer Moment für mich. Aber auf die Bühne wollte ich vorher schon. Ich hatte zu der Zeit mein erstes, ganz selbst geschriebenes Soloprogramm vorbereitet, habe in der Fußgängerzone gespielt und so Zeugs. Aber der Abend war schon so: Ich stand da oben und wusste – es gibt keine Alternative. Das war die große Offenbarung, denn ab dem Tag habe ich mich nie wieder gefragt, ob ich das Richtige oder das Falsche tue. Und warum wurde es eine Karriere als Komiker und nicht als Musiker? Mangelndes Talent? Meine Gitarrenfähigkeiten sind okay – so wie meine Sprachfähigkeiten. Ich habe am Anfang ja auch Musik gemacht, das war so ’ne Mischung. Ich habe eigentlich sogar mehr Lieder gesungen als gesprochen, aber dann wurde meine Musik immer schlechter und die Wortbeiträge wurden immer besser – ich habe das Gott sei dank erkannt. Die Frage haben Sie wahrscheinlich schon tausendmal gehört, trotzdem: Sind Sie privat auch ein Spaßvogel? Haben auch daheim stets einen Witz auf den Lippen? Logisch, ich wache morgens auf und sage zu meiner Frau: Kennst Du den schon? Nein, ich bin eigentlich ein normaler Mensch. Im Moment höre ich aber bei jedem dritten Satz von meiner Tochter: „Haha, sehr witzig, Papa.“ Aber das sind die Sprüche der Vorpubertät. Auch ganz beliebt: „Äächt jetzt?!“ Aber wirklich mit Doppel-Ä. Wenn man Sie auf der Bühne sieht, kann man durchaus denken: unbehandeltes ADHS ... Nein, ich habe Komiker, ziemlich schwere Krankheit. Bin deshalb aber nie zum Arzt gegangen und hab’ gesagt: Ich hab’ Komiker, können Sie mir das irgendwie weglasern? Was ein bisschen weniger geworden ist, ist das Zappeln. Ich denke da aber nicht zu viel drüber nach: Ich rede, wie ich rede, ich schau’, wie ich schau’ – Gott sei dank gefällt’s vielen Menschen. Zum Abschluss bitte noch ein paar Worte zu Ihrem neuen Programm „Lucky Punch - Die Todeswuchtel schlägt zurück“. Es ist ein Schwergewichtsunterhaltungsprogramm, sag’ ich jetzt mal. Da können sich die Neustädter sicherlich drauf freuen. Heißt es überhaupt Neustädter? Nein, Neustadter. Aber apropos: Neustadt ist eine Weinstadt. Sie als Bayer mögen wahrscheinlich lieber Bier ... Klar, als Bayer muss man ja sein Bier trinken, man ist quasi vertraglich verpflichtet, sein Soll für sein Leben zu erfüllen und abzuarbeiten. Aber ich trinke tatsächlich mehr Wein. Info Michael Mittermeier, 53 Jahre alt, stammt aus Dorfen in Oberbayern. Er hat in München Politik und Amerikanistik studiert, seine Magisterarbeit schrieb er 1994 über das Thema „Amerikanische Stand-up-Comedy“. Er ist verheiratet und hat eine elfjährige Tochter. Für seinen Auftritt im Neustadter Saalbau gibt es nur noch einige Restkarten.