Bad Dürkheim „Ich hab’ nie gefragt warum“
In Leistadt wohnt eine ganz besondere ältere Dame. Sie hat sich nicht in der Politik oder in der Wirtschaft hervorgetan und auch nicht durch soziales Engagement. Und doch leistet Ingeborg Haas-Seger täglich Beachtliches: Die 85-Jährige ist seit über 40 Jahren blind – und meistert doch noch selbstständig ihren Alltag. Für die Alleinstehende ist das selbstverständlich. „Ich komme mir vor wie ein achtes Weltwunder“, kommentiert sie die Bewunderung von Mitmenschen.
An einem verregneten Nachmittag in Leistadt. Ingeborg Haas-Seger steht in ihrer kleinen Küche und bereitet Kaffee und Tee. Ihre Bewegungen sind langsam, doch jeder Handgriff sitzt. „Ich weiß, wo alles ist, nur wenn etwas falsch gestellt wird, werd’ ich fuchsteufelswild“, sagt sie. Um sie herum altes Mobiliar, ein Gasofen, gusseiserne Lampen, eine Kuckucksuhr, Bilder vom Pfälzerwald und jede Menge Zimmerpflanzen. Langsam breitet sich die Dunkelheit in der Wohnung aus, doch die große schlanke Dame mit dem kultivierten Auftreten stört das nicht. Sie sieht es nicht. Denn für sie ist die Welt schon lange, sehr lange dunkel. Dann, im Wohnzimmer, beginnt sie zu erzählen. Davon, dass sie 1930 in Krefeld geboren wurde und lange in Viersen nahe Mönchengladbach lebte, ihre Eltern aber aus der Vorderpfalz stammten. Von einer behüteten Kindheit, die jäh vom Krieg unterbrochen wurde. Von ihrem Studium der Musik in Düsseldorf und Mannheim. Von ihrer missglückten Ehe mit einem Textilingenieur aus Berlin und ihrer Arbeit bei der Deutschen Bundespost. Und natürlich von jenem Tag im Kriegsjahr 1942, als sie im Schulsport einen Schlagball ins rechte Auge bekam ... „Man muss nicht gleich wegen allem zum Arzt“, habe ihr Vater nur gesagt. Eine verspätete Behandlung, zahlreiche Operationen wegen grünem und grauem Star und ebenso viele Ärztefehler später war die Netzhaut unwiderruflich kaputt, das Auge blind. Schlimmer noch: Auch das linke Auge erkrankte. Seit 1974 ist die Welt für Ingeborg Haas-Seger in Dunkelheit gehüllt. Mit ihrem Schicksal gehadert habe sie jedoch nie. „Es hat so sein sollen, ich hab’ nie gefragt warum“, sagt sie bloß. Nur der Tod ihrer älteren Schwester vor ein paar Jahren, die sie oft besucht hatte, traf die lebensfrohe Frau schwer. Es war die letzte verwandtschaftliche Bindung, die sie als Alleinstehende am Niederrhein hielt. Im Oktober 2011 war sie nach Leistadt gezogen – mit 81 Jahren und ohne jemanden in der Pfalz zu kennen. „Ich wollte zu meinen Wurzeln zurück“, nennt Haas-Seger als Grund für den späten Wohnortwechsel. Schon als Kind sei sie mit ihrer Familie jede freie Minute in die alte Heimat gefahren. Mit den Menschen hier fühle sie sich viel mehr verbunden; offen und direkt seien sie, so wie sie selbst. „Und die Luft ist hier besser“, fügt die blinde Dame hinzu, deren Leben so viel mehr von Gerüchen und Geräuschen bestimmt wird als das von Sehenden. Endlich scheint sie angekommen: „Ich bin ganz glücklich hier.“ Optimistin durch und durch, das ist Haas-Seger. Sie mag nicht jammern oder grübeln, wollte ihr Leben trotz Behinderung selbstbestimmt führen, aktiv bleiben. „Kurz bevor ich blind wurde, habe ich mir alles angeschafft, um meine Mitmenschen nicht belästigen zu müssen. Ich denke, das hab’ ich bis heute geschafft.“ Und wie: Mit ihren 85 Jahren macht sie noch fast alles allein: Sie kocht sich täglich, backt Kuchen, putzt ihre Wohnung („und wenn ich auf allen Vieren kriechen muss“) und hängt sogar Gardinen nach der Wäsche wieder auf – zum Verblüffen ihrer Mitmenschen, wie sie amüsiert erzählt. Wenn die Hausarbeit getan ist, lauscht sie Hörbüchern, pflegt ihre zahllosen Pflanzen oder spielt Klavier; eben alles, was auch ohne Augenlicht Freude macht. Auch vor Neuem schreckt sie nicht zurück: Seit kurzem hat sie einen Computer. „Man ist doch wirklich hinterm Mond, wenn man kein Internet hat“, sagt sie mit Überzeugung. Eine spezielle Sprachsoftware soll ihr das Augenlicht ersetzen, kleine Buchstaben aus der Backabteilung, die sie auf die Tastatur geklebt hat, helfen ihr, die richtige Taste zu erfühlen. Not macht eben erfinderisch. Natürlich braucht es bei solchen Dingen Hilfe. Und die bekommt Ingeborg Haas-Seger von ihrer Umgebung mehr, als sie sich je erträumt hätte. So liefert ihr der Dürkheimer Einkaufsmarkt „Nah und gut“ jede Woche, was sie an Lebensmitteln braucht. Und wenn es etwas im Haus zu tun gibt, helfen ihr die Nachbarn. „Sie sind ein Geschenk Gottes“, sagt die alte Dame gerührt. Dennoch fehlt ihr manchmal ein guter Freund. Jemand, der ihr vorliest oder mit ihr in den geliebten Pfälzerwald geht. Die meisten ihrer Bekanntschaften wüssten auf Dauer nicht mit einer Blinden umzugehen, erzählt sich bedauernd. „Dabei will ich nur wie eine normaler Mensch behandelt werden.“