Bad Dürkheim / Frankenthal
Hitlers Hengste: Was die Bad Dürkheimer NS-Kunst wert ist
Einen Marktwert von 1500 Euro schrieben Kenner der Frau mit den halblangen Haaren zu, die sich weit zurückgelehnt hat und so ihre nackten Brüste besonders deutlich hervortreten lässt. Doch bei der Versteigerung eines Stuttgarter Auktionshauses trieben die Bieter den Preis im Oktober 2019 fast in die doppelte Höhe: Der Hammer für das 30 Zentimeter lange Bronzefigürchen des Bildhauers Josef Thorak fiel erst bei 2800 Euro, so dokumentiert es die Preis-Datenbank des Online-Kunsthandelsdienstleisters Artnet.
Mysteriöses Verschwinden
Welche Verkaufserlöse dieses umfangreiche und nur gegen Gebühr zugängliche Auktions-Archiv für Thorak-Werke auflistet, müssen Fachleute der Bundeskunstverwaltung in den vergangenen Monaten besonders eifrig studiert haben. Sie verwendeten es, um einen Wert für zwei ganz spezielle Werke des 1889 geborenen Bildhauers ermitteln: seine lebensgroßen „Schreitenden Pferde“, die einst Hitlers Berliner Reichskanzlei zierten, lange als verschollen galten und im Mai 2015 bei einer Razzia in Lagerhallen eines Bad Dürkheimer Sammlers entdeckt wurden.
Gegen den betagten Unternehmer wurde anschließend jahrelang ermittelt. Denn nach dem Krieg hatte die Sowjetarmee mit den Kunstwerken ein Militärgelände in Brandenburg verschönert. Und von dort waren Hitlers Hengste und einige weitere Bronzestatuen ähnlichen Kalibers Ende der 1980er-Jahre plötzlich verschwunden – unter mysteriösen Umständen. Doch mittlerweile haben Berliner Ankläger entschieden: Falls der Pfälzer Sammler sich in diesem Zusammenhang etwa als Kunst-Hehler strafbar gemacht haben sollte, ist die Sache längst verjährt.
Prozess in der Pfalz
Dass der Mann seine Kollektion nun behalten darf, ist damit aber noch längst nicht abgemacht. Die Bundesrepublik hält sie für Staatseigentum, hat den Pfälzer auf Herausgabe verklagt. Weshalb das Landgericht in Frankenthal nun einen Prozess vorbereitet: Anfang nächsten Jahres, so die vage Prognose, könnte in einer Verhandlung geklärt werden, wem die Stücke nun wirklich gehören. Das allerdings kostet: Wer so ein Verfahren verliert, muss hinterher für Gerichtsgebühren und Anwaltshonorare aufkommen. Und wie hoch sie ausfallen, hängt vom Streitwert ab.
Ermitteln lässt der sich oft ganz einfach – zum Beispiel, wenn es um eine unbezahlte Rechnung geht: Dann ist der Streitwert einfach so hoch wie jene Summe, die der Kläger von seinem Schuldner einfordert. Komplizierter wird es, wenn stattdessen um einen Gegenstand prozessiert wird. Denn dessen Wert muss erst einmal bestimmt werden. Und das kann gerade bei Kunstwerken kompliziert werden – zumal bei Stücken, die so eng mit dem NS-Regime verknüpft sind wie zum Beispiel die zwei lebensgroßen Bronzepferde, die einst vor Hitlers Reichskanzlei standen.
Lieber diskrete Deals
Liebhaber gibt es zwar auch für solche Stücke, aber in Deutschland wickeln sie ihre Deals lieber diskret ab. Dass die Bad Dürkheimer Statuen spätestens seit der Razzia im Mai 2015 weltbekannt sind, dürfte ihren Wert bei derartigen Kunden also eher schmälern. Doch andererseits gelten Sammler aus den USA und dem Nahen Osten als unbefangener: Für sie könnten die Figuren wegen ihrer schlagzeilenträchtigen Vorgeschichte sogar besonders attraktiv sein. Und so haben die Frankenthaler Richter jetzt für ihren Prozess zwei Schätzwerte auf den Tisch bekommen, die meilenweit auseinanderliegen.
Der Bad Dürkheimer Sammler selbst hat laut Bundeskunstverwaltung den materiellen Wert seiner Bronzestatuen-Kollektion auf magere 50.000 Euro beziffert, während die Behörde vom gut Sechsfachen dieser Summe ausgeht: Sie kommt demnach auf exakt 308.500 Euro. Welche Beträge sie dabei für die einzelnen Statuen angesetzt hat, will sie allerdings nicht verraten. Doch die RHEINPFALZ kennt die Zahlen trotzdem: Auf die seit fünf Jahren bei der Bundespolizei in Bad Bergzabern eingelagerten Reichskanzlei-Rösser etwa entfallen jeweils 30.000 Euro.
Nackt in Hitlers Garten
Damit sind die beiden bislang am meisten beachteten Bad Dürkheimer Stücke die, für die nun der niedrigste Wert angesetzt ist. Mehr Geld als mit einem Thorak-Hengst wäre demnach mit der „Berufung“ des Bildhauers Arno Breker zu machen: der Statue eines muskulösen Jünglings, der unbekleidet und bedeutungsschwanger ins Leere starrt. Eine vergrößerte Variante dieses Werks des Bildhauers Arno Breker hätte wohl einen nie errichteten „Führerbau“ in Berlin zieren sollen, der Abguss aus dem Bestand des Pfälzer Sammlers wäre laut Bundes-Schätzung 57.700 Euro wert.
Damit liegt er knapp hinter zwei Frauenstatuen des Künstlers Fritz Klimsch, die auf jeweils 58.000 Euro taxiert werden: eine nackte „Galathea“, bei der Kunstgeschichtler bislang offen lassen, wo sie sich einst räkelte. Und eine „Olympia“, die einst den Garten der Reichskanzlei schmückte, aber mit gespreizten Beinen eher unpolitisch zu sinnieren scheint. Und damit so ganz anders wirkt als das sechste Stück, um das in Frankenthal prozessiert werden wird: ein kantiger Krieger, der entschlossen ausschreitet und den Arm gebieterisch emporreckt.
Fürs Parteitagsgelände
Als „Künder“, sagen Fachleute, sollte dieses Breker-Werk eigentlich auf eine Tribüne des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes. Nun gilt es als das potenziell teuerste Stück aus der Bad Dürkheimer Statuen-Kollektion: Ihm schreiben die Fachleute der Bundeskunstverwaltung einen Marktwert von 75.000 Euro zu.