Wachenheim
Hanami im Herbst
Hanami nennen die Japaner eine schöne Tradition, die nichts anderes bedeutet als das staunende Bewundern der Kirschblüte. Während die Pflanzen ihre volle Schönheit zeigen, feiern die Bewohner des Inselstaates große Feste – und schauen andächtig auf das, was die Natur jedes Jahr aufs Neue erschafft. Dem Pfälzer ist das recht vertraut. Das Feiern sowieso, aber auch das Blüten schauen. Vor allem die Mandelblüte lockt alljährlich tausende Blütenbewunderer an die Weinstraße.
Noch eine weitere Sache verbinden Pfälzer wie japanische Blütenfeste: Gefeiert wird im Frühjahr. Logisch, dann blüht es an allen Wegesrändern und auf allen Bäumen. Im Herbst beschäftigen sich die Menschen hier wie dort eher mit Erntedank und trüben Gedanken. Eigentlich! Denn in diesen Tagen vollzieht sich etwas Ungewohntes: Es blüht. Die Wachenheimerin Coralie Wolff hat so eine Entdeckung gemacht. „An der Auffahrt von Wachenheim kommend Richtung B271 steht ein blühender Kirschbaum“, schreibt sie und schickt ein Ausrufezeichen hinterher.
Denn gewöhnlich ist das schließlich nicht. „Es macht den Eindruck, als ob der Baum sein Letztes gibt. Es ist nur ein einziger Ast, der Blüten trägt. Die anderen Äste sehen aus, als ob sie der Trockenheit in diesem Sommer zum Opfer gefallen sind“, beschreibt Wolff ihre Eindrücke und endet mit einer interessanten wie poetischen Frage: „Gibt es das? Blühende Bäume im Herbst?“
Offensichtlich ja. Denn der Wachenheimer Baum ist längst nicht der einzige seiner Art. Auch andere Pflanzen treiben derzeit aus. Warum das so ist? Für Obstbaum-Experte Philipp Eisenbarth kann so etwas nach trockenen Sommern vorkommen. Wenn Gehölze vorzeitig das Laub abwerfen und früh in eine herbstliche Ruhezeit gehen und es dann wieder viel regnet, dann könne es passieren, dass die Bäume aufwachen und blühen, als ob Frühling wäre.
Es ist also so eine Art Frühlingserwachen zur falschen Zeit, was sich da gerade vollzieht und bei sich ändernden Temperaturen bald erledigt haben dürfte.
Vom „unbesiegbaren Sommer“, der in ihm auch im „tiefsten Winter“ wohne, schrieb einmal der französische Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus. Statt Sommer im Winter gibt es nun also einen kleinen Frühling im Herbst.
Und der tut vielleicht auch im übertragenen Sinne gut und hilft ein bisschen weg über trübe Gedanken. Auch wenn es nur ein vorübergehender Irrtum der Natur ist.