Kallstadt / Landau
Grundwasser: Warum die Stände sinken – und was ein Forscher rät
Herr Berkhoff, Sie forschen zum Thema Grundwasser. Wie hat sich denn der Grundwasserspiegel in der Vorderpfalz in den vergangenen Jahren entwickelt?
Für die Vorderpfalz liegen mir leider keine Werte vor. Aber in Rheinland-Pfalz sind die Grundwasserneubildungsraten in den vergangenen 20 Jahren um 25 Prozent gesunken, und dadurch sinken auch die Grundwasserstände. Auch wenn es regionale Unterschiede gibt, lässt sich das sicher bis zu einem gewissen Grad übertragen. In den durch die Landwirtschaft beregneten Ackerflächen der Vorderpfalz scheinen die Grundwasserstände jedoch stabil zu bleiben, da meist Rheinwasser für die Beregnung entnommen wird.
Welche Rolle spielen heiße Tage wie heute dabei?
Wichtig ist die Niederschlagsmenge. Durch den Klimawandel müssen wir mit längeren Dürre- und Vegetationsperioden auch in der Pfalz rechnen. In diesen gelangt kein Niederschlag ins Grundwasser. Von 860 Millimetern durchschnittlicher Niederschlagsmenge in Deutschland erreichen weniger als 190 Millimeter das Grundwasser. Der Rest verdunstet oder wird von der Vegetation verbraucht. Es werden zwar höhere Niederschläge, aber in Form von kurzen Starkregenereignissen erwartet. Das Wasser läuft dann vor allem als Oberflächenabfluss ab. Außer den Folgen des Klimawandels spielt die Übernutzung durch den Menschen eine wichtige Rolle.
Wodurch kommt die zustande?
70 Prozent unseres Trinkwassers stammen aus dem Grundwasser. Hinzu kommen Verbrauch durch Landwirtschaft, Bergbau und die Industrie. Was fehlt, ist ein Konzept, in dem klar steht, wie viel Grundwasser wir haben und wie wir es nutzen wollen. Dann könnten wir konkrete Maßnahmen daraus ableiten.
Welche zum Beispiel?
Sparen wäre schon mal gut. Dabei kann jeder Einzelne mitmachen: Beim Zähneputzen das Wasser nicht laufen lassen, einen Wasserspar-Duschkopf verwenden, weniger Fleisch essen oder weniger Klamotten neu kaufen zum Beispiel. Denn auch die Produktion eines neuen T-Shirts verbraucht unheimlich viel Wasser. Regional ist es wichtig, das Wasser möglichst lange in der Landschaft zu halten, damit es Zeit hat zu versickern, zum Beispiel durch bodenschonende Bewirtschaftung, Agroforst-Systeme oder Wiedervernässung von Mooren.
Was kann die Landwirtschaft beitragen?
Eine Möglichkeit besteht darin, Feldfrüchte anzubauen, die weniger Wasser brauchen und mehr Strukturen zu schaffen, die das Wasser in der Landschaft halten.
Wie sinnvoll ist der Einsatz von Zisternen oder Regentonnen im privaten Garten? Schließlich wird ja dadurch Wasser dem Grundwasser erst einmal vorenthalten.
Das stimmt schon, trotzdem sind solche Schritte sinnvoll, weil es nicht mehr nötig ist, für das Bewässern des Gartens den Trinkwasserhahn aufzudrehen.
Für wie dringlich würden Sie die Situation beim Grundwasser einschätzen?
Dringlich. Ein Rückgang der Grundwasser-Neubildung von 25 Prozent ist schon eine Menge. Wir müssen relativ rasch ins Handeln kommen. Durch den sinkenden Grundwasserspiegel fallen auch die Flüsse schneller trocken. Es gibt oft keinen Kontakt mehr zwischen Fließgewässern und Grundwasser. Dadurch versickert das Wasser einfach in dem Bereich dazwischen.
Sie sind auf die Erforschung der Fauna im Grundwasser spezialisiert. Welche Arten leben denn in unserem Grundwasser?
Das Grundwasser ist eines der größten kontinentalen Lebensräume. Dort leben natürlich viele Mikroorganismen, aber auch Krebstiere, Schnecken und Würmer. Es handelt sich um Tiere, die nur dort leben und sich speziell an diesen Lebensraum angepasst haben. Dort gibt es kein Licht, also haben die Tiere keine Augen mehr und auch keine Pigmente, sie sind quasi durchsichtig. Viele haben eine höhere Lebenserwartung als ihre Verwandten an der Oberfläche, werden dafür aber später geschlechtsreif.
Warum sind sie für uns interessant?
Sie erfüllen eine wichtige Dienstleistungsfunktion, indem die das Grundwasser sauber und frei von organischem Material halten. Außerdem sind sie ein wichtiger Bio-Indikator.
Was bedeutet das?
Die Lebewesen reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen im Grundwasser. Wenn wir beispielsweise besonders viele Tiere entdecken, kann das bedeuten, dass es irgendwo einen Eintrag von viel organischem Material gibt. Damit steigt die Gefahr, dass auch Schadstoffe ins Grundwasser gelangen.
Wird das Thema unterschätzt?
Ja, ich denke schon. In Rheinland-Pfalz wird das Grundwasser als Lebensraum kaum berücksichtigt, andere Länder wie Sachsen-Anhalt oder Baden-Württemberg sind da weiter. Dabei ist ein intakter Lebensraum wichtig für die Qualität des Wasser – und damit für die Menschen.
Termin
Sven Berkhoff ist Grundwasserforscher an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Molekulare Ökologie im Fachbereich Natur- und Umweltwissenschaften. Am Dienstag, 19.30 Uhr, referiert er im Zuge des Festivals „Voll das Leben“ im Mehrgenerationentreff in Kallstadt, Weinstraße 111, zum Thema „Grundwasser: Lebensraum und knapper werdende Ressource“.