Wachenheim
Gegenüber: Vorfahren ein Denkmal gesetzt
„Die Liebe zur Pfalz und zur mittelalterlichen Geschichte waren meine Beweggründe“, sagt Kunigunde Paetsch-Wollschläger über ihre Arbeit mit dem etwas sperrigen Titel „Kontinuität und Mobilität eines pfälzischen Adelsgeschlechtes – Neue Forschungen zu den von Altdorf genannt Wollschläger“. „Ich wollte diesem uralten Burgmannengeschlecht ein wissenschaftlich anerkanntes Denkmal setzen“, bekräftigt sie.
Die Geschichte ihrer Familie Wollschläger hat sie schon immer interessiert. Die frühere Lehrerin der Carl-Orff-Realschule hegte auch lange den Wunsch noch einmal zu studieren. Deshalb hat sie sich im Alter von 50 Jahren für das Geschichtsstudium an der Landauer Universität eingeschrieben. Um dabei noch Beruf und Familie gerecht zu werden, hat die Deutsch- und Englischlehrerin irgendwann nur noch in Teilzeit gearbeitet.
Für die Erforschung der Familiengeschichte habe sie einen genetischen Auftrag gehabt, sagt die gebürtige Paderbornerin. Einen Teil ihrer Kindheit hat sie in der Heimat ihres Vaters im damaligen Westpreußen, heute Polen, verbracht. Dort stand eine Burg der Deutschordensritter, auf der sich ihre Vorfahren ansiedelten. Doch dazu später mehr.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschlug es Kunigunde Wollschläger nach München, wo sie ihren Mann kennenlernte, mit dem sie 1970 in die Pfalz zog. „Das war Schicksal“, glaubt sie. Denn die Wiege derer von Altdorf genannt Wollschläger liegt in Landau-Godramstein. „Ich bin das Bindeglied zwischen der Pfalz und Westpreußen“, sagt sie. Seit 1976 lebt die 84-Jährige in Wachenheim, fühlt sich in der Heimat ihrer Ahnen zu Hause.
Paetsch-Wollschläger hat 1994 ihre Magisterprüfung abgelegt. Ihre Magisterarbeit wurde zur Quelle der Geschichte der Ritter von Altdorf, 1995 erhielt sie dafür den Pfalzpreis für Heimatforschung. 2001 hat sie ihre Dissertation angemeldet.
Jahrelang verfolgte sie die Spuren ihrer Ahnen. „Wir haben die Pfalz und das Elsass sehr gut kennen gelernt“, sagt sie. Ihr Mann hat sie bis zu seinem Tod im Jahr 2010 häufig bei Recherchen begleitet. Die Archivreisen nach Speyer, München, Wien, Straßburg oder Karlsruhe habe sie aber meist alleine unternommen, erzählt die Geschichtsforscherin. Sie sei fasziniert gewesen, habe sich von den alten Schriften losreißen müssen, aber die Arbeit sei auch sehr anstrengend gewesen. Viele Urkunden sind in anderen Schriften wie Mittelhochdeutsch geschrieben, mussten transkribiert werden. Sie erzählt aber auch vom regen Austausch mit Forscherkollegen und Archivaren.
18 Jahre bis zum Abschluss
Es hat über 18 Jahre bis zu ihrer Doktorprüfung gedauert – zwei Tage vor ihrem 84. Geburtstag im Juli letzten Jahres. In manchen Jahren habe sie nicht daran gearbeitet. Denn die Großeltern seien gern eingesprungen, wenn die Tochter Unterstützung brauchte. Zwischendurch hat sie Zeit für die Bauernmalerei gefunden. Ein Bauernschrank und bemalte Türen zeugen von ihrem Talent.
Umfang und Qualität der Arbeit sind eigentlich eher eine Habilitation, gibt Paetsch-Wollschläger zu. Aber an ihrer Uni sei die Reihenfolge einzuhalten. Der Ahnenforscherin ist nur das Ergebnis selbst wichtig. „Die Arbeit ist ein Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung des Rittertums und des Niederadels!“
Im Laufe der Jahre hat Paetsch-Wollschläger sich nicht nur einen reichen Wissensschatz angeeignet, kenntnis- und detailreich erzählt sie aus der Geschichte ihrer Familie. Sie hat sich viel Respekt erarbeitet. Zu Recht stolz berichtet sie, dass ihr wertvolle Originalurkunden ausgehändigt werden. Im Staatsarchiv Darmstadt hat sie zwei Urkunden von 1274 gefunden, die den Beinamen Wollschläger, manchmal Wollenschläger erklären. Er sei auf die Wolfsjagd zurückzuführen. Und sie habe Belege gefunden, dass die Familie sich im Turnier „wohlgeschlagen“ habe.
Mit Beinamen hätten sich die Zweige der Familie unterscheiden lassen. Als Grund für den Umfang ihrer Dissertation nennt sie ihre Untersuchungen zu den genannten Zeugen: „Alle Familien, die in irgendeiner Weise in den Urkunden auftauchten, wurden mit untersucht.“ So seien quasi als Nebenprodukt viele Einzelaufsätze entstanden, die im Heimatjahrbuch des Landkreises Bad Dürkheim veröffentlicht wurden. Ihre Arbeit könne künftig als Fundgrube für Verfasser von Chroniken und Familienforschungen herangezogen werden, sind doch viele Pfälzer Namen aus den Beinamen der von Altdorf entstanden.
Insgesamt habe sie viel Neues über die pfälzische Historie herausgefunden: „Jede Urkunde, die ich ausgewertet habe, ist ein Teil Dorf- oder Stadtgeschichte.“ Stolz ist sie darauf, im Archiv in Hagenau neue Erkenntnisse über die Abstammung der 1419 gestorbenen Susel von Altdorf, genannt Wollschläger geboren von Dürckheim gefunden zu haben. Ein Foto des Grabsteins im Elsässischen Froeschwiller findet sich in der Doktorarbeit.
Die Forscherin hat noch viel zu erzählen. „Ich könnte schreiben, bis ich 150 bin“, sagt sie lachend. Ihre Dissertation bezeichnet sie als Lebenswerk. Ihren Nachlass soll der Archivar in Speyer übernehmen. Sie hofft, dass andere an ihrer faszinierenden Familiengeschichte weiterforschen. Denn gibt es noch so viel zu entdecken.