Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Freinsheim: Sanierung der Stadtmauer eine Generationenaufgabe

Ein „Schaustück“, das ganz am Schluss gebaut wurde: das Eisentor.
Ein »Schaustück«, das ganz am Schluss gebaut wurde: das Eisentor. ARCHIVFoto: Franck

Die Sanierung der Stadtmauer wird zehn bis 15 Jahre in Anspruch nehmen. Etwa fünf Millionen Euro wird es kosten, die Schäden am Mauerwerk und an den Dächern auszubessern. Wie wird das die Stadt finanzieren?

Zu diesem Ergebnis kommt eine umfangreiche Studie zur Bauforschung sowie über statisch-konstruktive Gesichtspunkte, die am Donnerstag bei einer gemeinsamen Sitzung von Stadtrat und Bauausschuss präsentiert wurde. Für die städtischen Gremien dient sie nun als Grundlage, um die Sanierung des bekannten Freinsheimer Wahrzeichens in Angriff zu nehmen.

Christian Kayser sowie Helmut Maus, Geschäftsführer vom Büro Kayser & Böttges, Barthel & Maus, stellten die Studie im Ratssaal vor. Sie verdeutlichten, dass die Stadtmauer damit zu den am besten untersuchten Stadtmauern weit über die Pfalzgrenzen hinaus gehört. 136.000 Euro hat die Analyse gekostet. Die Stadt bekam 80 Prozent der Kosten bezuschusst. Seine Erkenntnisse gewann das Untersuchungsteam des Büros, das Niederlassungen in Mainz und München betreibt, unter anderem durch Vermessungen mittels Lasertechnik. Außerdem wurden die Außenflächen photogrammetrisch erfasst.

In einem Zug erbaut

Wie Kayser erläuterte, ist die 970 Meter lange kurpfälzische Befestigungsanlage keinesfalls ein „skurriles Konglomerat“ aus Natursandstein, sondern entstand nach einem strengen Plan vermutlich „in einem Zug“ im 15. Jahrhundert. Kayser vermutet, dass der kurpfälzische Hofbaumeister Lorenz Lechner hier seine Hände im Spiel hatte. „Für eine landesherrliche Großbaustelle wäre es merkwürdig, wenn er nicht dort als Baumeister beschäftigt gewesen wäre“, erläuterte der promovierte Ingenieur.

Einziges „sprechendes Element“ zur Bauhistorie ist das kurpfälzisch-wittelsbacherische Wappenschild am Vortor des Eisentores, das gemäß Inschrift 1514 fertiggestellt wurde. Es bildet den Schlusspunkt und die Krönung der Befestigung. „Es besticht durch eine brillante Präzision und war ein Schaustück, das die Besucher beeindrucken sollte“, so der Architekt, der diverse faszinierende Einblicke in die Art der Konstruktion von Türmen, Mauerabschnitten und der beiden Stadttore gab. Wobei die Stadtmauer laut Kayser eigentlich karg ausgestaltet ist. So fehlt ein durchgehender Wehrgang, woraus sich wiederum die dichte Taktung der Türme ergibt, die alle 45 Meter errichtet wurden.

Holz nur sparsam verwendet

Kein einziges mittelalterliches Stück Holz hat das Untersuchungsteam an der Stadtmauer mehr gefunden – ein Zeichen für die starke Zerstörung der Stadt während des pfälzischen Erbfolgekrieges im 17. Jahrhundert. Danach sei man wegen Holzmangels sehr sparsam vorgegangen, um die Schäden auszubessern – was Folgen für die Gegenwart hat. Insbesondere bei den Tordächern sieht Kayser dringenden Handlungsbedarf. Hier könne man sich zunächst relativ einfach mit Spanngurten behelfen. Verfaultes Fachwerk habe man auch beim Bachturm entdeckt. Hier sei die Verkehrssicherheit „nicht in dem gebotenen Maße vorhanden“.

Außerdem gibt es große Schäden am Mauerwerk, die vor allem auf das unsachgemäße Überfugen mit stark zementhaltigem Mörtel zurückzuführen sind: Denn im Gegensatz zum Kalkmörtel der Bauzeit verändert der Verschluss der Fugen mit neuem, dichtem Zementmörtel den Feuchtigkeitsgehalt des Mauerwerks, so dass es zu Absprengungen und Ausbrüchen von Mauerquadern kommt. In offenen Fugen können sich sogar teilweise kleinere Pflanzen ansiedeln.

Das Büro hat errechnet, dass die Mauerwerkinstandsetzung pro Quadratmeter etwa 338 Euro kosten wird. Für die Instandsetzung der Mauerabschnitte zwischen den Türmen (Kurtinen) müsse die Stadt mit Kosten von etwa 1,8 Millionen Euro rechnen, für die Arbeiten an den Türmen kämen noch einmal etwa 2,75 Millionen Euro hinzu. Jedoch sei die Dringlichkeit bei den Mauerabschnitten und Hochbauten unterschiedlich ausgeprägt, so dass die Gesamtinstandsetzung der Mauer über einen längeren Zeitraum von etwa zehn bis 15 Jahren „gestreckt“ werden könne. Zwei Jahre werde man wohl brauchen, bis die Finanzierung geklärt sei.

Als nationales Kulturdenkmal anerkennen lassen

Kayser empfahl der Stadt, für die Gesamtmaßnahme von etwa 4,5 bis 5 Millionen Euro nach Zuschüssen zu suchen, da man mit einzelnen Abschnitten von mehreren Hunderttausend Euro niemanden aufschrecken könne. Bei der Finanzierung sei es hilfreich, wenn die Stadt die Anerkennung der Stadtmauer als „Kulturgut von nationaler Bedeutung“ anstrebe. Dadurch sei es auch wahrscheinlicher an Bundesmittel zu kommen, die in der Summe meist denen des Landes entsprechen. Den letzten großen Anteil müsse dann die Stadt selbst leisten.

Bislang sei die Mauer „nur“ in der Denkmalliste von Rheinland-Pfalz eingetragen, die Baudenkmäler ohne Bedeutungsgewichtung aufführt. „Egal ob das fünf oder acht Millionen Euro kostet, das ist es uns wert“, sagte Arnold Wiegand (FWG) und erntete dafür Zustimmung in den beiden Gremien. Die Freinsheimer Stadtratsmitglieder votierten einstimmig dafür, die Studie als Grundlage für die Sanierung zu verwenden.

Kommentar

Mitreißend

Der Wert ihrer Stadtmauer wurde den Mitgliedern der politischen Gremien am Donnerstag deutlich vor Augen geführt. In einer mitreißenden Präsentation wurde ihnen klar gemacht, was für einen kostbaren Schatz sie besitzen und dass nun alles daran gesetzt werden sollte, ihn zu erhalten. Schön, dass der Vortrag in einem anderen Rahmen und mit mehr Details versehen demnächst öffentlichkeitswirksamer wiederholt wird. Wenn der Termin feststeht, sollten ihn sich die Freinsheimer unbedingt vormerken.

Dass die Sanierung eine Generationenaufgabe wird, ist angesichts der Dimension dieses eindrucksvollen mittelalterlichen Bauwerks nicht überraschend. Dass am Ende etwa 5 Millionen Euro dafür gebraucht werden, ist eigentlich fast lächerlich gering, wenn man sieht, dass man sich nebenan in Bad Dürkheim eine Therme für 34,8 Millionen Euro leistet. Da sollten die Freinsheimer doch mit einem vergleichbaren Tatendrang zu Werke gehen wie die mittelalterlichen Bautrupps.

Falls die Stadtmauer auch noch zum „Kulturgut nationaler Bedeutung“ eingestuft wird, dann können die Freinsheimer erst recht stolz auf ihr Wahrzeichen sein. Immerhin steht die Mauer dann gleich unterhalb der Stufe eines Unesco-Weltkulturerbes, womit sich der Speyerer Dom schmücken kann.

Steine ohne Halt: Mörtel rieselt aus den Fugen.
Steine ohne Halt: Mörtel rieselt aus den Fugen. Foto: Büro Kayser
Die Holzdächer sind in einem schlechten Zustand.
Die Holzdächer sind in einem schlechten Zustand. Foto: Büro Kayser
Mehr zum Thema
x