Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Ellerstadt unter der Tricolore“: Ein Forscher berichtet

Bernhard Sommer
Bernhard Sommer

Interview: Bei der Ahnenforschung stößt Bernhard Sommer auf Vorfahren, die um 1800 in Ellerstadt lebten. Er recherchiert – und berichtet am 14. November über die Ergebnisse.

Herr Sommer, was hat Sie bewogen, sich so intensiv der Zeit vor 200 Jahren in ihrem Heimatort anzunehmen?
Ich beschäftige mich mit Familienforschung. Meine Eltern sind vor etwa 50 Jahren nach Ellerstadt gezogen. Dass mein Vater dort auch Vorfahren hatte, was ich im Rahmen meiner Ermittlungen feststellte, war für die Familie überraschend. Sie lebten dort um 1800; das hat meine Neugier geweckt: Was war damals los in Ellerstadt?

Auf welchem Wege wurden Sie fündig?
Es gibt alte Akten im Gemeindearchiv, das jetzt im Landesarchiv in Speyer aufbewahrt wird. Außerdem habe ich noch Tagebücher von Bürgern aus den benachbarten Ortschaften gelesen. Sie geben ein sehr anschauliches Bild der Lage und der persönlichen Betroffenheit.

Es war ja keine friedliche Zeit ...
In der Tat. Schon die Jahre 1793 bis 1796 müssen bedrückend gewesen sein. Die Vorderpfalz war Ort wechselnden Kriegsgeschehens. In den drei Jahren verschoben sich die Fronten zwischen den französischen Revolutionstruppen und den Deutschen und ihren Verbündeten immer wieder. Nicht nur Ellerstadt war von den Gefechten betroffen.

Wie hat sich das auf die Bevölkerung ausgewirkt?
Die Truppen ernährten sich aus dem Land, also von den Lebensmitteln der Leute, die in der Folge darbten. Außerdem gab es weitere Gewalttaten. Äcker und Gebäude wurden zerstört, Männer wurden zur Zwangsarbeit herangezogen. Die Kirchenbücher geben Zeugnis von den gehäuften Todesfällen der Einwohner.

Es gab ja auch eine Friedenszeit in dieser Periode. Konnten die Vorderpfälzer sich da etwas erholen?
Die Pfalz wurde französisch, und das brachte die fortschrittliche Gesetzgebung des „Code civil“ (Napoleons Zivilrecht) und Religionsfreiheit mit sich. Andererseits wurden die Männer zur Wehrpflicht in der französischen Armee eingezogen. Sie fehlten dem Land nun als Arbeitskräfte.

Auch danach gab es noch kein Ende des Leidens?
Einen Höhepunkt des Kriegsgeschehens stellte der von den alliierten Truppen unter General von Sacken 1814 erkämpfte Übergang über den Rhein bei Mannheim dar. In der Folge zogen sich die französischen Truppen weiter zurück. Dabei kam es bei Ellerstadt zu einem Gefecht mit den nachrückenden Alliierten. Darunter litt natürlich auch die zivile Bevölkerung massiv. An dieser Stelle wurde mir deutlich bewusst: „Meine Vorfahren waren ja mittendrin.“ Und dann denke ich an das aktuelle Kriegsgeschehen in der Ukraine und Nahost und was die Bevölkerung dort erleidet. Das ist auch meine Absicht bei dem Vortrag: Ich möchte anhand vieler weiterer Details aufzeigen, wie es den einfachen Leuten durch diese massiven Einschnitte in ihr Leben erging.

Zur Person

Bernhard Sommer (45) ist in Ellerstadt aufgewachsen und heute Gymnasiallehrer für Musik und Deutsch in Baden-Württemberg.

Termin

Vortrag „Ellerstadt unter der Tricolore“, Dienstag, 14. November, 19 Uhr, Bürgerhaus Ellerstadt. Veranstalter ist der Verein Ortsgeschichte Ellerstadt. efl

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