Blickpunkt RHEINPFALZ Plus Artikel Eine Wachenheimer Familie in der Corona-Krise

Nadine Völpel hilft ihrem Sohn Marius bei den Matheaufgaben.
Nadine Völpel hilft ihrem Sohn Marius bei den Matheaufgaben.

Familien mit Kindern zählen zu den vielen Verlierern der Corona-Krise. Seit März sind Kindertagesstätten und Schulen für die meisten geschlossen. Das bringt viele Eltern an die Grenzen. So wie die Wachenheimer Nadine und Andreas Völpel. Ein Besuch.

„Als die Schule geschlossen wurde, dachten wir, dass das eine kurzfristige Maßnahme ist. Aber nicht, dass der Zustand über Monate andauern würde“, erinnert sich Nadine Völpel. Seit 9. März ist die Wachenheimer Grundschule für die beiden Kinder Valentin und Marius zu. Sie musste wegen eines Coronafalls an der Integrierten Gesamtschule, die im selben Gebäude untergebracht ist, früher schließen als die übrigen Schulen im Land.

Seitdem hat sich das Leben der Familie stark verändert. Andreas, der bei einer Bank arbeitet, pendelt im Zwei- Wochen-Rhythmus zwischen Arbeitsplatz und Homeoffice. Nadine hat die Krise beruflich hart getroffen. Vor vier Jahren hat sich die 42-Jährige als Architektin selbstständig gemacht, war gut im Geschäft. Etwa 30 Stunden in der Woche hat sie gearbeitet, die Kinder waren in Schule und Hort gut versorgt. „Jetzt habe ich noch einen Auftrag und arbeite wenn es hoch kommt fünf Stunden in der Woche“, erzählt die Architektin. Die Hilfen, die der Bund für Selbstständige bereitstellt und die über die Länder ausgezahlt werden, hat Völpel nicht beantragt: „In Rheinland-Pfalz gibt es die ja nur, wenn Betriebskosten anfallen. Das ist bei mir nicht so. Mein Büro zum Beispiel ist in einem Anbau unseres Hauses. Für den Lebensunterhalt wird nichts bezahlt.“ Ehemann Andreas formuliert es prägnant: „Etwas provokativ ausgedrückt sorgt die Hilfe dafür, dass die Firma überlebt, aber der Selbstständige verhungert. In anderen Bundesländern ist das anders.“ Zudem sei es sehr kompliziert, die Hilfen zu beantragen, erzählt Nadine. Gerade am Anfang habe sich vieles sehr schnell geändert. Nicht zuletzt aus Angst davor, sich durch eine falsche Angabe möglicherweise sogar strafbar zu machen, habe sie auf einen Antrag verzichtet. „Im Nachhinein war es gut, dass ich letztes Jahr nicht wie geplant ein eigenes Büro angemietet habe. Andererseits hätte ich dann Hilfsgelder bekommen“, überlegt die Architektin.

Keine Zeit für die Auftragsakquise

Normalerweise habe sie immer für drei bis vier Monate Aufträge im Voraus. Jetzt arbeitet sie gerade den letzten ab. „Eigentlich müsste ich Akquise machen“, erzählt die 42-Jährige. Doch dafür ist gerade keine Zeit. „Bei uns herrscht der tägliche Koordinierungswahnsinn. Wir gleichen alle zwei bis drei Stunden ab, was ansteht und versuchen, das irgendwie hinzukriegen“, sagt Nadine. Statt am Zeichenbrett oder auf der Baustelle ist sie meistens zu Hause und hilft ihren Söhnen bei den Hausaufgaben und dem neuen Lernstoff. Gerade beim siebenjährigen Valentin, der die erste Klasse besucht, ist das nicht immer einfach. „Bei ihm muss eigentlich immer jemand nebendran sitzen. Außerdem sind Lehrer die größeren Respektspersonen, da gibt es weniger Diskussionen“, sagt Andreas. So mussten sich beide unter anderem ins Würfelhaus einarbeiten – ein Konzept, mit dem Kinder das Rechnen lernen. Der Stoff ist das eine, das soziale Miteinander das andere. „Die Kinder vermissen ihre Freunde – und ihre Lehrer“, sagt der 44-Jährige.

Die Motivation bei den Kindern schwindet

Marius, der in die dritte Klasse geht, ist eigentlich ein sehr guter Schüler. „Doch seit den Osterferien schwindet die Motivation“, hat Nadine beobachtet. Zumal auch das Fußballtraining beim TuS Wachenheim bis auf Weiteres ausgesetzt ist. Der Neunjährige hat sich selbst einen Trainingsplan erstellt, um fit zu sein, wenn der Ball auch für die Kinder wieder rollen darf. Abwechslung bringt der Musikunterricht, der für beide Jungs online stattfindet. Ansonsten fahren Marius und Valentin viel Fahrrad, schauen aber auch mehr Fernsehen als sonst. Einen der knappen Plätze in der Notbetreuung der Schule wollten die Völpels nicht beantragen. Es gebe Familien, die diese Plätze dringender bräuchten – beispielsweise die von Pflegern oder Ärzten, sagt die Architektin.

Zwar könne man nicht erwarten, dass Vater Staat in einer solchen Krise eine Rundumbetreuung organisiere, sagt Andreas Völpel: „Aber das Thema Kinder fällt gefühlt durch den Rost“, formuliert er einen Eindruck, den derzeit viele Familien haben. Ähnlich ergehe es Soloselbstständigen oder Gastronomen. „Bei uns ist das Risiko verteilt, weil ich angestellt bin und Nadine selbstständig ist“, sagt er.

Im Juni dürfen Marius und Valentin wieder wochenweise für drei Stunden täglich in den Unterricht. Für die Völpels sollte das aber auch nicht zum Dauerzustand werden. Und wenn es nach den Sommerferien so weitergeht? „Das ist mein größter Horror“, sagt Nadine. Denn die vergangenen Wochen seien stark an die finanziellen, aber auch an die emotionalen Reserven gegangen. Mit ihrer Selbstständigkeit sei es auch kaum zu vereinbaren, nur alle zwei Wochen arbeiten zu können. „Ich muss ja auch raus auf Baustellen und kann nicht sagen, ich komme erst übernächste Woche wieder“, erzählt die Architektin. Ihr Wunsch an die Politik? „Dass es gelingt, wieder einen vernünftigen Unterricht und eine vernünftige Kinderbetreuung anzubieten. Denn sonst fürchte ich, dass viele Eltern bei der Betreuung wieder auf die Großeltern zurückgreifen werden. Und sie sind ja eigentlich diejenigen, die wir schützen müssen“, sagt Nadine.

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