Bad Dürkheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Fest in Rosa: Rekordbesuch beim „Rock im Wingert“

Die Spaßtruppe J.B.O. mit einem Gruß an Bad Dürkheim.
Die Spaßtruppe J.B.O. mit einem Gruß an Bad Dürkheim.

Das Festival im Trift-Stadion wird seinem Ruf als familientaugliche und hochkarätige Veranstaltung gerecht. Aber warum ausgerechnet in der Farbe Pink?

Schon als um 14 Uhr das musikalische Programm von „Rock im Wingert“ mit einem Gig von The Unknown, vier jungen Schülern der Dürkheimer Musikschule „Pop Factory“, eröffnet wird, befinden sich bereits rund 400 Konzertgäste auf dem Platz – so viele wie vorher noch nie um diese Zeit. Den vier Newcomern tut das gut. Sie rocken mit bekannten Coverstücken munter und unbekümmert drauflos und dürfen sich über viel Beifall – nicht nur von ihren Eltern, Betreuern und sonstigen mitgebrachten Unterstützern – freuen.

Nach einem raschen Umbau erklimmen vier weitere Lokalmatadoren aus dem Raum Dürkheim die Bühne: A.D.D., eine System-of-a-Down-Tributeband, benannt nach deren Song „American Dream Denial“, besteht aus Sänger Max Groh, Gitarrist Lucas Djamba, Bassist Nico Lutz und Schlagzeuger Lukas Keiber. Alle sind Lehrer, außer Lutz. „Der hat was Ernstes gelernt“, wie Groh abseits der Bühne lachend erzählt. A.D.D. machen sich den Umstand zunutze, dass die Original-Band kaum noch etwas von sich hören lässt. Ihre weltweit zahlreichen Fans warten schon Jahre darauf, endlich eine neue Platte der armenisch-stämmigen US-Amerikaner in den Händen zu halten oder sie wenigstens irgendwo live zu erleben. A.D.D. haben sich vorgenommen, diese Lücke zu schließen und mit die Musik ihrer Vorbilder am Leben zu erhalten. Im Wingert, wo sie ihre erste offizielle Show spielen, gelingt das hervorragend. Nummern wie „Chop Suey!“, „Toxicity“, „Aerials“ oder „Sugar“ kommen dermaßen gut an, dass bereits kurz nach Showbeginn erste Moshpits getanzt werden.

Während sich jetzt Pussy Sisster, eine Party-, Sleaze- und Glamrockband aus dem badischen Waghäusel, auf ihren Auftritt vorbereiten, strömen immer mehr Menschen auf das Festivalgelände – es werden noch 1500 bei der ausverkauften Veranstaltung. Erstaunlich daran: Dort, wo sonst, wie bei Metalkonzerten üblich, schwarze Kleidung dominiert, ist plötzlich Rosa angesagt. Kein Wunder, denn die meisten im Stadion sind wegen J.B.O., dem Headliner des Open Air, gekommen, und deren Markenzeichen ist eben die Farbe Rosa. Pussy Sisster lassen sich davon nicht beeindrucken und liefern eine Show ab, die sie in den 1980er-Jahren zu Topstars gemacht hätte. Sänger Alex Nad versteht es, im Stil von Axl Rose oder Jon Bon Jovi die Frauen zum Schmachten zu bringen. Seine Mitmusiker, Gitarrist Harry LaForce, Bassist Coma und Schlagzeuger Janis Hiemsch sind ständig in Bewegung und posen, dass besonders die Fotografen ihre Freude daran haben. Die Band absolvierte bereits fünf US-Tourneen durch 33 amerikanische Bundesstaaten und wurde bei einer ihrer Konzertreisen sogar vom deutschen Fernsehen begleitet. Ihre aktuelle Scheibe heißt „Here Are The Pussies“, aus der der Song „Love Is Gone“ stammt, der am Samstag besonders gut ankommt.

Zensur mit Tröten

Aus München sind Apron angereist, eine Gruppe, die durch Stilvielfalt und schräge Texte auffällt. Beispiel gefällig? Hier ein Auszug aus „Taktstock“: „Eins, zwei, Schlagstock. Ich schwing den Taktstock. Scheiß auf all die Eleganz und lutsch mein…“. Dort, wo die Punkte stehen, reckt Sänger Marco Singel den Arm nach oben und freut sich über den Lärm, der ihm jetzt als Zensurzeichen aus dem Publikum entgegenschlägt. Apron hatten zu diesem Zweck vorher Tröten in die Menge geworfen, die lautstark in Betrieb genommen werden. Das Apron heutzutage vieles von dem, was um sie herum passiert, nicht mehr mögen, erzählen sie mit „Gfflt mr ncht mhr“: „Heute dies und morgen das. Nichts und niemand ändert was. Alles nur noch Schall und Rauch, Scheiße, die der Mensch nicht braucht“. Bei ihren Zuhörern treffen die Bayern damit auf offene Ohren. Und mit teils recht derben Riffs verstehen sie es, die Fans zu begeistern und mitzureißen. Was die wenigsten wissen: Marco Singel bleibt zwar weiterhin Frontmann von Apron, hat aber gerade ein lukratives Angebot angenommen. Künftig wird er als Sänger der populären Gruppe Schandmaul in Erscheinung treten und damit mindestens europäische Bekanntheit erlangen.

Noch weiter südlich leben Living Theory. Die Linkin-Park-Tributeband hat ihr Hauptquartier in der Lombardei aufgeschlagen und besteht aus lauter hervorragend harmonierenden Profimusikern. Das Quintett existiert seit ungefähr zehn Jahren und hat mit Rob Marconi den perfekten Chester-Bennington-Klon in seinen Reihen. Genau wie dieser versteht es Marconi, von einer Sekunde auf die andere von melodischem Gesang zu kraftvollem Screaming überzuwechseln. Eine ebenso gute Figur als Band-Rapper, Gitarrist und Keyboarder macht Mike Suzzi als Mike Shinoda. Beide teilen sich den Job am Mikrophon, was genau wie bei ihren Vorbildern den Spannungsbogen erzeugt, der Songs wie „Crawling“, „Numb“, „One Step Closer“ oder „In The End“ so erfolgreich macht. Gitarrist Pietro Zamboni, Bassist Giorgio „JT“ Terenziani und Schlagzeuger Fabio Perini sind ebenfalls unverzichtbar, halten sich aber stets ein wenig zurück und überlassen Marconi und Suzzi gerne die Plätze im Rampenlicht. Die Italiener werden für ihre Performance überschwänglich gefeiert und loben das deutsche Publikum und besonders das aus Bad Dürkheim über den grünen Klee. Aus Zeitgründen müssen sie die Zugaben leider knapp halten, damit der Programmfahrplan nicht zu sehr ins Schwanken gerät.

Konfetti zum Blödsinn

Komplett aufgeheizt erwartet das Publikum die Ankunft der Comedy-Rocker J.B.O. aus dem fränkischen Erlangen. Was gibt es über diese Spaßtruppe noch zu erzählen, was nicht schon hundertfach gesagt wurde? Nun, zum Beispiel, dass die Sänger und Gitarristen Hannes „G. Laber“ Holzmann und Veit „Vito C.“ Kutzer sowie Bassist Ralph Bach und Schlagzeuger Wolfram Kellner in so namhaften Gruppen wie Fair Warning, Carswell oder Fiddler’s Green ihre Brötchen verdienten. Oder dass Veit Kutzer nebenbei auch als Gitarrenbauer arbeitet und Hannes Holzmann 2023 zusammen mit Tetzel von Asenblut beim West-Fest in Geiselwind aufgetreten ist.

In Bad Dürkheim spielt das alles aber keine Rolle, hier geht es nur um Musik und um Blödsinn. Die meisten Songs, die J.B.O. unter Schüssen aus der Konfettikanone präsentieren, stammen aus ihrer erfolgreichsten Veröffentlichung „Explizite Lyrik“ von 2001, darunter „Schlaf, Kindlein, schlaf“, „Mei Alde is’ im Playboy drin“ und „Walk With An Erection“. Ralph Bach trägt dazu rosa Brille, Holzmann rosa Jacke, die Bühne ist in rosa Licht getaucht und alle – Musiker und Publikum – sind rundherum glücklich und bestens gelaunt. Ein toller Abschluss für den Wingert-Rock, der vom Verein Rockwinzer perfekt in Szene gesetzt wurde und der im nächsten Jahr mit der Gruppe Völkerball als Topact fortgesetzt wird.

Die Italiener Living Theory werden überschwänglich gefeiert.
Die Italiener Living Theory werden überschwänglich gefeiert.
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