Bad Dürkheim
Dieter Müller-Schnitzbauer über die Gemeinsamkeiten von Pfingsten und dem ESC
Letzten Samstag hatte er Geburtstag: der Eurovision Song Contest, kurz ESC. 70 Jahre ist die wohl älteste Fernsehsendung Europas geworden. Das Motto: „United by Music“. Musik als Sprache, die alle verstehen und die Menschen zueinanderführt. Ein schöner Gedanke.
Nicht immer gelingt das, denn auch dieser Musikwettbewerb findet nicht jenseits des weltpolitischen Geschehens statt. So boykottierten in diesem Jahr gleich fünf Länder die Veranstaltung wegen der Teilnahme Israels. Unpolitisch war der Musikwettbewerb noch nie. Als er 1956 aus der Taufe gehoben wurde, war er das sogar im besten Sinne. In einer Zeit, in der die Menschen die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs noch am eigenen Leib spüren konnten, entschieden sich die Rundfunkanstalten der Länder, die noch kurz zuvor erbitterte Feinde gewesen waren, den „Gran Premio Eurovisione“, wie der ESC am Anfang hieß, ins Leben zu rufen.
Hochpolitisches Lied
Ganze sieben Länder Europas waren es zu Beginn, die ihre Teilnehmer nach Lugano entsandten. Jedes Land war mit zwei Beiträgen dabei, so auch Deutschland. Einen der beiden Interpreten kennt heute kaum noch jemand: Walter Andreas Schwarz. Als Jude, der den Holocaust überlebt hatte, schrieb er ein bemerkenswertes Lied: „Im Wartesaal zum großen Glück“. Dieser Beitrag war, auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, hochpolitisch.
Der Text des Liedes ist eine Art Gleichnis, das mit Sprachbildern aus der Seefahrt die Situation von Menschen beschreibt, die die Vergangenheit verklären und sich der Gegenwart entziehen: „Im Wartesaal zum großen Glück, da warten viele, viele Leute. Die warten seit gestern auf das Glück von morgen und leben mit Wünschen von übermorgen, und vergessen, es ist ja noch heute. Ach, die armen, armen Leute.“
Gibt es sie nicht auch in unserem Heute, diese „armen Leute“? Aus Angst vor der Gegenwart und ihren Herausforderungen verklären sie die Vergangenheit als „gute alte Zeit“ und werden anfällig für politische Rattenfänger, die ihnen mit scheinbar einfachen Lösungen für schwierige Fragen eine glorreiche Zukunft versprechen.
Menschen kommen zusammen
Am Sonntag feiern wir Pfingsten, den Geburtstag der Kirche. Für mich ist in der Botschaft dieses Fests schon vieles vorweggenommen von dem, was auch den Eurovision Song Contest im besten Sinne ausmacht: Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, mit verschiedenen Sprachen und Lebensentwürfen, begegnen einander, feiern miteinander und lernen voneinander.
Von den Anhängern Jesu wird erzählt, dass sie sich nach seiner Hinrichtung vor lauter Angst zurückzogen und die Türen verschlossen, eingesperrt in das Gefängnis ihrer enttäuschten Hoffnungen. Mitten hinein in diese Verzagtheit tritt Jesus als der vom Tod Auferstandene, gibt ihnen den Heiligen Geist und ruft sie heraus in seine neue Gegenwart.
Am Pfingsttag, damals schon ein großes Fest der Juden aus aller Welt, treten sie schließlich vor die Menge und predigen die frohe Botschaft von Gottes Liebe in einer Sprache, die alle verstehen. Bewegt durch den Geist Jesu wie durch einen Sturm. Diese Botschaft kann trotz aller Widerstände auch heute vieles erreichen: versöhnen statt zu spalten, integrieren statt auszugrenzen, lieben und leben lassen, statt zu hassen und zu vernichten. Vereint in der Kraft des Heiligen Geistes und ganz bestimmt auch: United by Music.
Der Autor
Dieter Müller-Schnitzbauer ist evangelischer Pfarrer im Ruhestand.