Bad Dürkheim Die Tugend ist weiblich

Ernst im Ausdruck: Die Figur wirkt in sich gekehrt.
Ernst im Ausdruck: Die Figur wirkt in sich gekehrt.

Hoch über der Weinstraße in Wachenheim steht auf einem Podest am schmuckreichen Giebel des Bürgerspitals die Figur der Klugheit. Sie ist dort oben nicht allein. Mit ihr verkörpern drei weitere allegorische Gestalten die weltlichen Tugenden, auch Kardinaltugenden genannt. Der Begriff taucht zum ersten Mal im vierten Jahrhundert auf. Doch schon über 400 Jahre vor Christus beschrieb ein antiker Dichter die vier Grundtugenden. War zunächst noch die Frömmigkeit dabei, wurde sie später von Platon durch die Tugend der Klugheit ersetzt. Das kunstvoll in Stein gestaltete Quartett des Bürgerspitals stammt aus der Zeit um 1885, als die repräsentative Villa feierlich eingeweiht wurde. In der gesamten Haushöhe springt der mittlere Frontteil leicht vor. Er wird von einem Schmuckgiebel gekrönt, auf dem stufenweise die Figuren aufgereiht sind. Ganz links steht die Figur der Klugheit. Sie gilt als Lenkerin aller Tugenden. In der Regel werden die Kardinaltugenden – es gibt noch Tapferkeit, Gerechtigkeit, Besonnenheit – als Frauengestalten dargestellt und mit bestimmten Kennzeichen versehen. Eines der typischen Attribute der Klugheit ist der Spiegel – als Symbol für den sich selbst reflektierenden Menschen. Vermutlich hält die Wachenheimer Giebelfigur in der linken Hand einen Spiegel, aber eindeutig erkennbar ist dies nicht mehr. Gelocktes Haar und die Kapuze eines Umhangs umrahmen das ebenmäßige Gesicht. Es wirkt ernst und in sich gekehrt. Das rechte Auge und die Wangen sind etwas beschädigt. Der Schönheit des Bildwerks tut das keinen Abbruch. Die Serie So manche Gesichter, die uns umgeben, bergen alte oder neuere Geschichten. Wir erzählen sie.

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