Bad Dürkheim „Die meisten Verbrechen sind absolut banal“
Bis Ende vergangenen Jahres war Joe Bausch Gefängnisarzt. Außerdem ist er Schauspieler und vor allem bekannt als der Rechtsmediziner im Kölner „Tatort“. Und er ist Buchautor. Nach Mannheim kommt er zu einer Lesung und sprach vorher über seine Bücher und das Knastleben.
Es wird eine sehr unterhaltsame, sehr lebendige Lesung. Ich rede frei und lese zwischendurch immer wieder. Also, ich erlebe, dass es mir in den Lesungen gelingt, dass die Menschen sich natürlich schon erschüttern lassen, aber im nächsten Moment auch etwas von mir erzählt bekommen, wo man gemeinsam schmunzeln oder lachen kann. Dann verträgt man auch die Härte besser. Was sind das für Geschichten, die Sie in „Gangsterblues“ erzählen? Einen Teil der Geschichten hatte ich schon ein Stück weit skizziert, lange bevor ich wusste, dass ich mal schreiben würde. Andere sind mir sehr intensiv im Gedächtnis geblieben. Das sind Geschichten, die man nicht vergisst. Ich habe davon die ausgesucht, die thematisch zu den Entwicklungen und Sachverhalten passen, die im Knast eine Rolle spielen. Alle Geschichten, die im Buch sind, haben irgendwie eine spezielle Bedeutung, jedenfalls für mich. Aber ich glaube, dass sie auch beim Leser ankommen. Mein erstes Buch war ja so gebaut, dass ich Sachverhalte und Zusammenhänge erläutert habe und dazu jeweils ein oder zwei kürzere Geschichten erzählt habe. Jetzt war es die Idee des Verlags, nur noch Geschichten zu schreiben, die aber alle einen sachlichen Zusammenhang und mit Entwicklungen und Problemstellungen in den Gefängnissen zu tun haben. Sind die Namen und Fakten im Buch nur aus Datenschutzgründen verfremdet oder auch, um die Geschichten ein bisschen spannender zu machen? Na ja, beides. Ich muss sie natürlich anonymisieren, damit keiner sagt, der erzählt hier meine Geschichte. Das Zweite ist, ich muss sie auch fiktionalisieren. Manchmal musste ich sie noch ergänzen, manchmal habe ich auch aus zwei oder drei Handlungssträngen eine Geschichte gemacht. Die meisten Verbrechen sind ja absolut banal. Da ist nichts Dramatisches. Das sind allein noch keine schönen Geschichten. Also muss man versuchen, diejenigen auszusuchen, die eine gewisse Fallhöhe haben und in denen außergewöhnliche Menschen oder außergewöhnliche Begegnungen eine Rolle spielen. Wie viele solcher Geschichten tragen Sie denn mit sich herum? Da gibt es natürlich eine Fülle. Ich bin 32 Jahre in verschiedenen Gefängnissen unterwegs gewesen, und ich bin auch jemand, der sich Zeit nimmt zuzuhören. Mich hat das immer interessiert, was Menschen antreibt und was sie zu Mördern werden lässt. Mir geht es darum, wie die Täter von ihren Taten erzählen, wenn sie länger zurückliegen. In der Untersuchungshaft wird ja bagatellisiert und verleugnet, aber wenn die Täter erst einmal eine Distanz von fünf, zehn Jahren oder länger haben, reden sie anders darüber. Gibt es auch Geschichten, die Sie lieber verschweigen, etwa weil Sie sie niemandem zumuten wollen? Absolut. Es gibt Geschichten, die will man eigentlich niemandem erzählen. Es gibt welche, die sind noch härter. Es sind ja hier schon harte Sachen dabei, aber es war nicht mein Ansinnen, die noch en détail auszuwalzen und sozusagen die Blutlache noch mit dem Teelöffel auszuheben. Ich glaube, dass die Fantasie der Menschen sowieso viel heftiger ist, als alles, was wir uns an Sprache aus den Rippen quälen können. Weil, viele Sachen machen einfach nur sprachlos. Könnten Sie sich vorstellen, auch mal ein „Tatort“-Drehbuch zu schreiben? Na klar, und das nicht nur für Köln. Ich berate ja auch die Autoren, die den „Tatort“ Münster erfunden haben, und da kriegt man natürlich Ideen. Zwei oder drei Geschichten habe ich schon skizziert. Die liegen als Exposé oder szenisches Treatment vor. Für Köln oder Münster oder halt da, wo es passt. Werden Sie sich als Rentner noch mehr aufs Schreiben oder Schauspielern verlegen, oder planen Sie anderes? Ich bin jetzt sieben Monate im Ruhestand, wie es so schön heißt. Dabei war ich jetzt so viel unterwegs wie selten in meinem Leben zuvor, zu Vorträgen, zu Lesungen, zu Dreharbeiten. Insofern ist von Ruhestand nicht viel zu spüren. Ich bin ja immer gerne Arzt gewesen. Ich bin ja nicht im Knast gesessen und habe schon seit Jahren darauf gewartet, dass es endlich vorbei ist, sondern ich habe bis zum letzten Tag gearbeitet, als müsste ich am nächsten Tag wiederkommen. Insofern fehlen mir manchmal schon meine medizinischen Tätigkeiten. Worauf ich gut verzichten kann, ist dieses ganze Institutionelle, das man auch machen musste und das einem auch ganz viel Energie genommen hat. Die kehrt jetzt gerade mit Macht zurück und lässt sich positiv umsetzen für andere Sachen. Was steht in naher Zukunft an? Der Verlag ist an einem nächsten Buch interessiert. Im Laufe der nächsten zwölf Monate bin ich damit beschäftigt. Für Sat.1 Gold haben wir jetzt die fünfte Staffel von „Im Kopf des Verbrechers“ fertiggestellt, und es gibt noch die Idee für ein anderes Format im ZDF, das wir dieses Jahr noch beginnen wollen. Und ich plane für den Herbst nächsten Jahres ein Theaterstück, das ich gerne spielen würde: „Oui“ von Gabriel Arout, von dem ich überzeugt bin, dass es in diese Zeit gehört und, leider Gottes, wieder aufgeführt werden muss. Das ist die Geschichte zweier Menschen, die sich 1944 in der Todeszelle der Gestapo begegnen. Beiden hat man versprochen, wer den anderen umbringt, der bleibt am Leben. Das habe ich vor vielen Jahren mit Ingo Naujoks gespielt und hätte damals nicht gedacht, dass es jetzt in seiner Aussage wieder so aktuell werden würde. Ich bin gerade dabei, einen Kollegen zu finden, mit dem ich gut harmoniere. Gibt es auch längerfristige Pläne? Also, ich habe einen Plan für die nächsten zwei Jahre und dann wird es vielleicht plötzlich etwas Neues geben, das mir viel Freude macht. Ich bin als Arzt in Afghanistan, Swasiland und auf den Philippinen gewesen, und jetzt gibt es die Idee, für 14 Tage nach Haiti zu gehen, um da ein Gesundheitsprojekt zu unterstützen und bekannter zu machen. Es gibt immer neue Herausforderungen, und darauf freue ich mich. Weil, anders als bis vor sieben Monaten habe ich jetzt nicht nur meine 30 Urlaubstage, sondern bin etwas mehr Herr meiner Zeit, und das ist natürlich großartig. Termin Joe Bausch liest heute um 20 Uhr im „Ella & Louis“ im Mannheimer Rosengarten.