Bad Dürkheim Der Koffer und das Meer
Gebannte Stille im Haus Catoir, als die weit gereiste Künstlerin in den Saal kommt: Petra Wolfram vom Mimikry Figurentheater aus Köln trägt in ihrem schweren Koffer eine ganze Geschichte auf die Bühne. Am Donnerstag zeigte sie mit der Vorstellung „Die Insel der blauen Fledermäuse“, was sich aus einem einzigen Gepäckstück entwickeln und entfalten kann.
So bringt man Spannung in eine muntere Schar von Kindern ab vier Jahren: Während die Figurenspielerin auf der sonst leeren Bühne langsam den Koffer öffnet, weiß noch niemand, was in ihm steckt. Doch dann entsteht vor den Augen des Publikums eine schöne Insellandschaft mit hohen Felsen und weißem Strand, umgeben von blauen Meereswellen. Behutsam öffnet Petra Wolfram eine Felswand, um darin verborgene Bewohner zu zeigen. Aber mit aller Vorsicht, denn Fledermäuse sind scheue, empfindliche Wesen. So zaubert sie eine stimmungsvolle Atmosphäre hervor. Von den blauen Fledermäusen, die auf der Insel leben, lernen die Zuschauer ein besonders lebhaftes Flattertier namens Berta kennen. Nicht nur das Bühnenbild aus Schaumstoff, auch die beweglichen Tischfiguren, die je nach Bedarf auch als Handpuppen geführt werden, gestaltet die Spielerin selbst. Handlung und Texte stammen ebenfalls von ihr. Das Mimikry-Theater beweist damit den Mut, auch einmal auf die Zugkraft eines bekannten Titels zu verzichten und damit weniger Zuschauer zu riskieren. Im Haus Catoir jedoch kein Problem – dort haben die Veranstalter ohnehin nicht über zu geringe Resonanz zu klagen. In offener Spielweise führt Petra Wolfram ihrem interessierten Publikum vor, wie eines Tages eine Gruppe grell gekleideter Touristen auf die Insel kommt. Aus ihrem Boot steigen schrille, laute und irgendwie bekannte Typen aus. Die Figurenspielerin zeigt die bunte Schar nicht als böswillige Störenfriede, wohl aber als gedankenlose Besucher, die bei der Abreise sogar vergessen, das kleine Feuer am Strand wieder zu löschen. Wirkungsvoll beleuchtet wird sogleich die schlimme Folge: Lichterloh brennt es auf der Insel und züngelnde Flammen fressen sich an den Felsen empor. Manchmal kommt rettende Hilfe von ganz unerwarteter Seite. In einer der vorausgehenden Szenen hat Petra Wolfram die weniger freundliche Begegnung der jungen Berta mit einer verirrten grauen Fledermaus namens Detmold gezeigt. „Alles was schön ist, ist blau“, so ablehnend äußerte sich Berta gegenüber dem anders Aussehenden und vertrieb den netten, grauen Flattermann. Doch der leistet nun unverdrossen Beistand in ihrer großen Not. Und mal ehrlich: Ob blau, ob grau – was tut das schon zur Sache? Das stellt auch die blaue Berta fest, als sie von Detmold gesund gepflegt wird. Unaufdringlich führt das Bühnenspiel vor Augen, wie sie aus ihrer beengten Sichtweise heraus findet. Dass das Schöne nur blau sein kann, das gehört für Berta nun endgültig ins „Früher“. Und als schließlich ein graublauer Fledermaus-Winzling aus der Felsenhöhle auftaucht, ist das erst recht sehr lange her.