Bad Dürkheim
Depression? Von wegen! Die „Art Gallery“ blickt positiv in die Zukunft
„Wir kommen gut an in Bad Dürkheim“, zieht der 66-Jährige eine überraschend positive Bilanz dieser für viele so schwierigen Zeit. Ein Blick auf die hohe Frequenz an Wechselausstellungen, die seit 2020 trotz häufiger Lockdowns und anderer Beschränkungen in der in zentraler Lage am Bad Dürkheimer Stadtplatz heimischen „Art Gallery“ realisiert werden konnten, scheint das zu bestätigen. Auch aktuell läuft seit Ende Januar wieder eine neue Schau, und auch danach ist der Zeitplan bis Jahresende eng getaktet. „Am Anfang hatten wir alle vier bis fünf Wochen eine neue Ausstellung. Jetzt strecken wir es ein bisschen auf sechs“, erklärt Hesse.
Lieber Vielfalt als Stammkünstler
Als eine Folge der immer noch eingeschränkten Reisemöglichkeiten stelle man allerdings im Moment vor allem eigene Werke aus, ergänzt der frühere BASF-Vertriebsleiter. „Eigen“ bedeutet dabei: die Werke von „zwei Künstlern und mir“, wie Hesse lacht. Die zwei Künstler sind seine Ehefrau Isolde und sein Freund und Partner Günter Hornung, mit dem zusammen er vor zehn Jahren in ihrem Heimatdorf Gerolsheim (Verbandsgemeinde Leiningerland) die Regio-Art begründete, eine Kunstmesse, bei der bis zur Corona-Wende einmal jedes Jahr rund 60 regionale Künstler ein Wochenende lang ihre Arbeiten präsentieren konnten. Als Hesse dann in den Ruhestand trat, war die Zeit reif, den nächsten Schritt zu wagen und eine eigene Galerie zu eröffnen. Die 75 Quadratmeter einer ehemaligen Damenboutique in Bad Dürkheim erwiesen sich da als geradezu optimal.
„Im Unterschied zur Regio-Art können wir hier Einfluss nehmen auf das Programm“, beschreibt der gebürtige Lambrechter dabei einen wichtigen Unterschied. Das Konzept sehe grundsätzlich keine Stammkünstler vor. „Dadurch erhalten wir die Vielfalt, wenn es auch etwas mehr Aufwand bedeutet.“ Dafür, dass das tatsächlich gelingt, sprechen Ausstellungstitel wie „Tierisch beste Freunde“ oder „Peng! Pop-Art und Comic“ und ebenso die Liste der Künstler, die bislang ausgestellt wurden. Regionale Größen wie der Kaiserslauterer Bernd Klimmer oder der Lustadter Bildhauer Peter Brauchle waren darunter, aber auch Vertreter aus anderen Ecken der Republik oder gar der Welt wie der Berliner Landschaftsmaler Oliver Reiland, die Lahrerin Marianne Hopf mit ihren imposanten Island-Bildern, die Pop-Art-Künstler Michele di Sarno aus Frankfurt und Maximilian Otte aus Wien oder die junge Mexikanerin Paulina Nino mit ihren symbolhaften Frauenportraits.
Kurgäste sind eine ganz wichtige Kundengruppe
In der derzeit laufenden Schau, die den Titel „Abstract & Monochrome Art“ trägt, dominieren allerdings die Werke der drei Gerolsheimer, die sich dabei einmal mehr als echte künstlerische Chamäleons erweisen. Gewiss, die Gemälde und Mischtechniken, die sie zeigen, sind abstrakt, wobei Isolde Hesse offenbar eher für die informelle und Günter Hornung mehr für die konstruktiv-konkrete Richtung steht. Aber auch das ist vermutlich eher dem Zufall der Auswahl geschuldet, wie beide ja nachweislich auch ganz anders können: gegenständlich, figurativ, was frühere Ausstellungen bewiesen. Isolde Hesse experimentiert zudem gerne mit Epoxidharz. Ehemann Günter, der sich im Unterschied zu beiden Vorgenannten im Grunde gar nicht als Künstler sieht – „Wenn Sie verheiratet sind, mit jemandem, der sich für Kunst interessiert, tun sie das irgendwann auch“, sagt er bescheiden –, ist unter anderem mit einem Materialbild aus Farbe, Papier und Epoxidmasse vertreten. Daneben zerschneidet er gern Fotos und verfremdet sie zudem durch gitterartig angeordnetes Flechtwerk. Von der Sigismundsäule in Warschau zum Beispiel, von wo aus er drei Jahre lang für die BASF das Osteuropa-Geschäft betreute, bleibt so nicht mehr allzu viel Erkennbares übrig.
Das Programm bis zum Jahresende steht
In Polen kamen die Hesses auch erstmals mit dem Werk des Bildhauers Dariusz Zielinski in Berührung, dessen skurrile Bronzefigurinen jetzt in der aktuellen Schau einen ordentlichen Kontrapunkt zum abstrakten Rest-Programm setzen, zu dem unter anderem auch noch zwei großformatige Action-Paintings eines Künstlerinnenkollektivs auf Frankenthal gehören. An einem von dem Warschauer Bildhauer geschaffenen Miniatur-Kontrabassisten prangt an diesem Tag bereits ein roter Punkt. „Der wurde gestern verkauft an einen Kurgast, der zur Reha da ist“, berichtet Hesse. Überhaupt bildeten Kur- und Wochenendgäste eine wichtige Kundengruppe. Aber auch Kunstfreunde aus der Umgebung seien inzwischen auf die von Hornung und ihm gemeinsam betriebene Kunsthandlung aufmerksam geworden. „Eine Galerie, die nur sehr teure Werke anbietet, würde in Bad Dürkheim keine Zukunft haben“, schränkt Hesse allerdings sofort ein. „Die Leute, die so etwas suchen, fahren lieber gleich nach Frankfurt.“ Große Gewinne mache man dabei ohnehin nicht als Galerist. Immerhin gelinge es aber bislang ganz gut, die Betriebskosten zu decken.
Dass das so bleibt, dafür soll auch 2022 ein ambitioniertes Ausstellungsprogramm sorgen: Nach dem Ausflug in die Abstraktion folgt ab 24. März Industrial Art mit Werken unter anderem von Moritz Echterhoff (Lengerich), der aus alten, vor sich hin rostenden Werkzeugteilen witzige Tierskulpturen erschafft. Ab 5. Mai steht „Flower Power“ an unter anderem mit Bildern der in Stuttgart lebenden Russin Natalia Simonenko. Ab 16. Juni planen Hesse und Hornung die erste von zwei neuartigen Gruppen-Ausstellungen, bei denen nicht zuletzt Künstlerinnen und Künstler aus dem Pool der Regio-Art eine Plattform bekommen sollen. Die wird nach Hesses Auskunft nämlich auch 2022 unter die Corona-Räder kommen. Stillleben, Interieurs, eine Solo-Schau des Malers Eckhard Besuden (Allensbach) sowie Mystic- und Sci-Fi-Art stehen unter anderem auch noch auf dem Programm – viel Arbeit also, die der Ruheständler im Unruhestand und sein drei Jahre jüngerer Partner, der noch voll im Berufsleben steht, aber gerne auf sich nehmen. „Wir haben Spaß daran, ein Konzept umzusetzen, das erfolgreich ist“, sagt Hesse. Ob es klappt, werde man daran sehen, „ob es uns in zehn Jahren noch gibt“.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Abstract & Monochrome Art“ läuft noch bis 12. März in der „Art Gallery am Stadtplatz“ 8 in Bad Dürkheim. Öffnungszeiten: donnerstags und freitags 14–18.30 Uhr und samstags 10–16 Uhr. Weitere Infos unter www.art2-go.de.