Bad Dürkheim Dann geht alles ganz schnell
„Gott sei Dank!“ Sven Stiegler lacht, als er nach der gelungenen Entschärfung vor seinem Neubau steht. Vor genau einer Woche war hier die amerikanische Weltkriegsbombe gefunden worden. Jetzt enthält das Teil zwar nach wie vor 250 Kilo Explosivstoff, ist aber um zwei Zünder leichter und damit ungefährlich. Die Bombe liegt auf der Straße – fertig zum Abtransport. Stiegler schüttelt „Bombenentschärfer“ Horst Lenz die Hand. Dass „wegen mir“ Gönnheim evakuiert werden musste, darüber kann er jetzt lachen. Ein Stein sei ihm vom Herzen gefallen, sagt er. Noch knapp vier Stunden zuvor war dem 35-Jährigen gar nicht zum Scherzen zumute. 9 Uhr, Lina-Sommer-Weg Stiegler wirkt angespannt. Die Presse ist da – zum Bombe gucken. Geduldig versorgt der Gönnheimer Kamerateams mit Informationen. Eine Woche hat er schlecht geschlafen. Bis auf etwa einen Meter kommt er an die Ursache seines Schlafmangels heran. Die Bombe im Garten ist von seinem Haus im Rohbau durch eine Scheibe zu erahnen. Viel ist allerdings nicht zu sehen – Erde und eine Folie decken die Bombe ab. Komisch fühle er sich, sagt Stiegler, bevor er mit Frau, Kindern und Hund zu Freunden fährt. 10 Uhr, Schwabenbachhalle Es geht geordnet zu: Alle 35 Menschen, die in der Notunterkunft ein paar Stunden überbrücken wollen, müssen eine Registrierkarte ausfüllen. „Wenn jemand die Halle verlassen will, wird dies mithilfe eines Barcodes auf der Karte erfasst“, erklärt Truppführer Stephan Wirth. So könne man Angehörigen oder der Polizei Auskunft darüber geben, wer sich gerade in der Halle befinde. Meist ältere Menschen sind hierher gekommen. Die Schnelleinsatzgruppe (SEG) „Logistik und Betreuung“ des Katastrophenschutzes unter der Leitung von Stefan Fickeisen hat um sieben Uhr damit begonnen, die Halle als Notunterkunft vorzubereiten. Rund 50 Menschen des SEG und des DRK stehen bereit. 10.30 Uhr, Sperrzone 19 Trupps durchkämmen seit 10 Uhr das Dorf. Polizei, Feuerwehr und Ordnungsamt sind unterwegs. Die meisten Einsatzkräfte stellt die Feuerwehr. 60 Wehrleute aus der VG Wachenheim und mehr als 20 aus den Verbandsgemeinden Freinsheim, Maxdorf, Dannstadt-Schauernheim und aus Bad Dürkheim. In Zweierteams ziehen die Feuerwehrleute durch den 1500-Seelen-Ort. Etliche Gönnheimer haben die Rollläden runtergelassen – zur Sicherheit. Die Wehrleute klopfen an den Fenstern. Finden werden sie niemanden. Nahe Gönnheim wird ein Landwirt auf dem Feld entdeckt und aus dem Gebiet begleitet. Einmal wird die Feuerwehr zu einer Türöffnung gerufen – ein Fehlalarm. 11 Uhr, Sperrzone Die Feuerwehr verlässt Gönnheim, die Polizei folgt etwas später. Die fünf Mann vom Kampfmittelräumdienst werden bald die einzigen Menschen im Ort sein. Zumindest offiziell. Ob sich jemand in seinem Haus geschickt versteckt, können Polizei und Feuerwehr nicht kontrollieren. Zwei Leute versuchen – ob aus Unwissenheit oder fehlender Einsicht – in den Ort zu kommen: Ein älterer Mann mit Hund und ein Radfahrer. Dem Radler muss sich ein Polizist in den Weg stellen. Beide gelangen nicht ins Sperrgebiet. 11.30 Uhr, Schwabenbachhalle Familie Zamani aus Afghanistan, die seit drei Jahren in Gönnheim lebt, vertreibt sich die Zeit mit „Mensch ärgere Dich nicht“. Die Familie um Aasad Zamani (37), der von der guten Organisation der Evakuierung beeindruckt ist, muss sich am Ende dem achtjährigen Erfan geschlagen geben. Der Junge bringt als Erster alle vier Steine „nach Haus“. Noch eine weitere Flüchtlingsfamilie ist in der Schwabenbachhalle. Bei Sprachproblemen stehe heute ein Übersetzer bereit, berichtet Gönnheims Beigeordnete Heike Ditrich (FWG). Auf eine schnelle Entschärfung hofft Ursula Siemons, Vorsitzende des Gönnheimer Gesangvereins, die mit ihrem Mann die für den Sonntag geplante Weihnachtsfeier der Sänger vorbereiten möchte und dabei jetzt unter Zeitdruck geraten ist. 12 Uhr, Schwabenbachhalle Die Entschärfung läuft: Bechtel isst eine Weißwurst und wartet auf den erlösenden Anruf aus der Feuerwehreinsatzzentrale in Wachenheim. Für die Männer vom Kampfmittelräumdienst gibt es Frikadellen. Gespendet hat das Essen Supermarktbetreiber Sven Stiegler. Gekocht haben die Frauen und Männer von SEG und DRK. Susanna Schürch (88), vermutet, dass im Sommer 1944 an einem Tag drei Bomben abgeworfen worden sein müssen. Eine sei in unmittelbarer Entfernung ihres damaligen Aufenthaltsortes im Gartenweg explodiert und hätte einen großen Krater hinterlassen, eine andere Bombe habe die Gasleitung zwischen Gönnheim und Friedelsheim zerstört. Für den ehemaligen Marinesoldaten Albert Ebert (92), der mit seiner Frau Helma (89), vom Fahrdienst in die Halle chauffiert wurde, besteht kein Grund, sich Sorgen zu machen: „Die haben das schon oft gemacht und werden das auch heute hinkriegen.“ 12.25 Uhr, Bombe ist entschärft Und wirklich: Es hat geklappt. Keine 15 Minuten hat die Entschärfung gedauert. Neben den über 80 Wehrleuten waren 22 Polizisten, rund 50 Leute von SEG und DRK, etwa zehn Verwaltungsmitarbeiter, Gemeindearbeiter und natürlich fünf Männer vom Kampfmittelräumdienst im Einsatz. Rund 180 Menschen. 12.45 Uhr, Lina-Sommer-Weg Horst Lenz vom Kampfmittelräumdienst hört nach gelungener Entschärfung eine ähnliche Frage wie Sven Stiegler: „Sind Sie jetzt erleichtert?“ „Besser als vorher“, sagt er trocken. Glaubt man seinen Worten, dann war die Entschärfung für ihn und sein Team nicht spannender als Schrauben drehen. Die Aktion „wesentlich besser“ als gedacht. Das Werkzeug blieb überwiegend ungenutzt. Hatte die Kälte einen negativen Einfluss auf die Entschärfung? „Dat is nur unangenehm“, sagt Lenz, der eine weitere Zigarette raucht. Die erste gab`s direkt danach, genau wie den Anruf bei seiner Frau. Und die war bestimmt mindestens so erleichtert wie die Gönnheimer.