Freinsheim
Dachsbauten im Bahndamm: Wie gravierend sind die Schäden?
Mal kommt ein Dachs alleine den Bahndamm herunter, mal sind es zwei Tiere, in manchen Nächten besucht scheinbar eine ganze Familie Grimbart den Garten einer Freinsheimerin. Die 82-Jährige ist Anwohnerin am Bahndamm, ihr Garten grenzt an die Böschung. Die ist Ende Juli zugewachsen, breite Gänge zeigen an, wo sich die Tiere ihren Weg in den Garten bahnen. Eine Wildkamera dokumentiert die nächtlichen Besuche.
„Ich verstehe das nicht“, sagt die Seniorin ungläubig. „Warum spricht niemand von der Bahn mal mit den Anwohnern? Die Dachse kommen seit Jahren in meinen Garten und seit einer Rodung des Bahndamms 2022 und Markierung der Bauteneingänge auf der mir gegenüberliegenden Dammseite ist nichts mehr passiert.“ Laut ihren Beobachtungen ist die Population sogar eher gewachsen seit die Bahnstrecke zwischen Freinsheim und Bad Dürkheim von 2021 bis 2022 wegen der Dachshöhlen aufwendig saniert wurde. „Das habe ich damals schon prophezeit“, meint die Anwohnerin trocken.
Anfrage an Deutsche Bahn führt ins Leere
Bereits im Herbst 2022 habe sie sich mit ihren Beobachtungen schriftlich an die Deutsche Bahn gewandt. Die antwortete, dass eine dauerhafte Vergrämung der Dachse nicht möglich sei. Stark geschädigte Stellen zwischen Freinsheim und Grünstadt seien saniert worden, und die Schäden in Freinsheim, die die Seniorin anprangert, seien für eine Sanierung zu gering. „Müssen die Schäden durch die Dachse erst so groß werden, dass wieder eine Strecke für den Verkehr gesperrt werden muss?“, fragt sie sich daher.
Und wir die Bahn. Die antwortet, dass ihr durchaus Dachsbauten entlang der Strecke bekannt seien. Die Population werde regelmäßig von Fachkräften inspiziert. Generell werden die Dämme von der DB InfraGO, die sich um das Schienennetz kümmert, freigeschnitten, Dachsbauten bei Bedarf mit sogenannter „Flüssiger Erde“ verfüllt, und Abschnitte mit umfangreichen Schäden grundlegend saniert, wie der Abschnitt zwischen Bad Dürkheim und Deidesheim. Der Abschnitt in Freinsheim, an dem die Seniorin wohnt, wurde gerodet und „in unserer Vegetationsprogramm aufgenommen (...), um weiteren Aufwuchs zu verhindern“, sagt eine Bahnsprecherin. Die Freinsheimerin meint: „Da wird doch die Verantwortung bloß hin- und hergeschoben.“
Dem Zweckverband ÖPNV Rheinland-Pfalz Süd sind entlang des gesamten Haardtrandes zwischen Monsheim und Wissembourg weitere Dachsbauten in Bahndämmen bekannt, die drohten den Verkehr zu beeinträchtigen. Ihr Sprecher, Fritz Engbarth-Schuff, fordert von der DB InfraGo daher kurzfristige Sanierungen, wo das möglich ist, sowie eine mittelfristige Planung, wie das Problem der Dachsbauten in Bahndämmen in den Griff zu bekommen ist. „Wir haben hier einen Zielkonflikt: Einerseits brauchen wir die Diversität, und Bahndämme sind Biotope für Vögel und andere Tiere, andererseits ist ein stabiler Bahnverkehr wichtig für den Klimaschutz und die nötige Mobilitätswende“, erklärt Engbarth-Schuff.
„Wichtig ist eine vorausschauende Planung für Sanierungen, die mit uns im Hinblick auf Schulferien und große Feste abgesprochen ist“, so Engbarth-Schuff. Was sich nicht wiederholen dürfen sei ein Desaster wie auf der Strecke zwischen Bad Dürkheim und Neustadt mit der vorgezogenen Vollsperrung. Allerdings, und hier nimmt Engbarth-Schuff die Deutsche Bahn in Schutz, sei das Problem mit der wachsenden Dachspopulation in Bahndämmen auch nicht von der Bahn verursacht und liege nicht allein in ihrer Verantwortung. „Es fehlen Gutachten, warum die Dachse verstärkt Bauten in Bahndämmen anlegen, das war vor 20 Jahren noch nicht so. Hier fehlt eine interdisziplinäre Betrachtung des Themas vonseiten des Naturschutzes, des Tierschutzes und der Verkehrsplanung.“ Ein solches Gutachten habe der ZÖPNV schon vor Jahren gefordert, als erste Dachsbauten bei Landau Streckensanierungen erforderlich machten.
Engbarth-Schuff fordert „gemeinsame Lösung“
Denn, so seine Einschätzung, Dachse seien Tiere, die sich eben neue Bauten suchten, im Zweifel erneut entlang des Bahndamms. Und das Abtragen von Dämmen und das Verfüllen mit einem Injektionsgemisch wäre entlang der gesamten Haardt wohl kaum zu stemmen. „Die Bahn muss was tun, aber das Problem kann man nicht nur der Bahn anlasten. Es braucht eine gemeinsame Ursachenforschung , Lösung und möglicherweise präventive Maßnahmen“, so seine Einschätzung.
Derweil finden sich im Garten der Freinsheimer Seniorin weiterhin beinahe nächtlich Dachse ein und laben sich an Regenwürmern. Dabei graben sie auch kleine Löcher, manche am Rand des Areals nutzen sie als Toilette. „Denn Dachse sind reinliche Tiere“, weiß die 82-Jährige. Angeschafft hat sie sich die Wildkamera übrigens nicht wegen der Dachse: Vielmehr wollte sie wissen, wer ihr die Mirabellen stibitzt, deren Kerne sie morgens unterm Obstbaum fand. „Das war aber nicht der Dachs, sondern der Fuchs“, weiß die Freinsheimerin zu berichten.