Bad Dürkheim Buchtipp: „Loyalitäten“

Der neue, bewegende Familienroman „Loyalitäten“ (173 Seiten, DuMont Verlag, Köln) der französischen Autorin Delphine de Vigan hat Sigrid de Raaf, Leiterin der Stadtbücherei Bad Dürkheim, tief beeindruckt. Als Buch des Monats empfiehlt sie ihn heute. Der Roman kann in der Bibliothek ausgeliehen werden: Delphine de Vigan, die für ihre Romane, darunter „Nach einer wahren Geschichte“, mit dem Prix des Libraires und dem Prix Renaudot ausgezeichnet wurde, eroberte mit ihrem neuen Titel „Loyalitäten“ erneut die französischen Bestsellerlisten. Dabei sind ihre Bücher keine leichte Kost, sie thematisiert Gewalt in der Familie und in der Gesellschaft, Gewalt gegen sich selbst und in ihrem neuen Buch ein kindliches Trauma, entstanden durch eine zerstörte Familie. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der zwölfjährige Theo, ein guter, jedoch stiller Schüler. Seine Eltern sind geschieden, eine Woche lebt er bei seiner Mutter, eine Woche bei seinem Vater. Doch was einst zum Wohle des Kindes vereinbart wurde, ist nun völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Mutter, gefangen in ihrem Hass auf den Vater, verbissen und unglücklich, nimmt nicht wahr, wie es ihrem Sohn geht. Der Vater, ein Ingenieur, ist arbeitslos, hochgradig depressiv und medikamentenabhängig. Er kann sich nicht um seinen Sohn kümmern, vielmehr scheinen die Rollen vertauscht. Theo wagt es nicht, Hilfe zu holen, denn der Vater fordert Schweigen ein und Loyalität. Hélène, Theos Lehrerin, spürt, dass mit Theo etwas nicht stimmt. Als Kind wurde sie jahrelang misshandelt, ohne dass ihre Umgebung etwas davon merkte, so dass sie die fast unmerklichen Anzeichen von Theos Kummer wahrnimmt. Sie weiß, „dass Kinder ihre Eltern schützen und dieser Pakt des Stillschweigens sie manchmal das Leben kostet“. Denn Loyalitäten sind „leise gemachte Versprechungen, Gruben, in denen wir unsere Träume begraben“. Freundschaft findet Theo bei Mathis. Doch dessen Loyalität wird auf eine harte Probe gestellt, denn Theo begegnet seiner Verzweiflung mit heimlichem Alkoholkonsum und bewegt den Freund dazu, mit zu trinken. Doch dabei überschreitet er die Grenzen immer mehr, denn er möchte das Stadium erreichen, in dem das Gehirn in den Ruhezustand, den der Bewusstlosigkeit, übergeht. Dazu braucht man vier Gramm Alkohol im Blut. Aus Loyalität schweigt Mathis. Auch dessen Mutter Cécile spürt, dass Theo Schwierigkeiten hat, sie ist jedoch zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt. Doch was bedeutet Loyalität wirklich? Für den Schulleiter, der nicht auf Hélènes Wahrnehmungen eingeht, ist Loyalität gegenüber dem System Schule wichtiger. Mathis schweigt über Theos Trunksucht, dieser über den „schlimmen Zustand“ seines Vater. Für die handelnden Personen – und auch für den Leser – stellt sich die Frage: Wie lange soll man schweigen und „loyal“ sein? Die Autorin fordert dazu auf, hinzusehen, auch wenn es unbequem ist. Ein authentischer Roman, der den Finger in die Wunden legt – lesenswert!