Wachenheim
Beim Wachenheimer Kulturspaziergang konnte man „Kleine Heimaten“ entdecken
Manche Worte stecken voller Emotionen, Widersprüche und Zweifel. Auch der Begriff „Heimat“ wurde vielfach belastet und überhöht. Wenn aber „Kleine Heimaten“ zum Hören und Sehen einladen, dann umschifft man solche Gefahren. Am Samstag und Sonntag lockten künstlerische Darbietungen in private Wachenheimer Anwesen, bei denen es ungezwungen und hintersinnig um ein großes Thema ging. Die Veranstaltung wurde von Projektleiterin Coralie Wolff zusammen mit Beate und Hendrik Hoffmann organisiert und vom Kultursommer Rheinland-Pfalz unter dem Motto „Kompass Europa: Ostwind“ gefördert.
Die Kunst wird in privaten Anwesen präsentiert
Hoch über der Altstadt bauscht sich eine weiße Wolke auf. Ein Maler träumt davon, von ihr ein Bild zu malen, das jeden Betrachter freundlich stimmt. Vor der mittelalterlichen Stadtmauer im Garten der Familie Zalik liest und spielt Anke Scholz vom Artisjok Theater die Geschichte „Malermär“. Darin schildert Joachim Walther, zu DDR-Zeiten als freier Schriftsteller tätig, den Lebensweg eines erfolgreichen Malers.
Es geht um Wünsche, Erfüllung und um die Gier nach Besitz. Eindrucksvoll führt Anke Scholz vor, wie der Maler über unzählige Aufträge seinen eigentlichen Lebenstraum vergisst, für den die weiße Sommerwolke steht. Hintergründig erscheinen dazu die ausgestellten Bilder im Garten: Fotograf Bernd Stoll lässt mit ihnen die greifbare Wirklichkeit verschwimmen und zerrinnen. Noch weiter vom Gegenständlichen lösen sich die Bilder des kalifornischen Malers Michael Amesbury, die man im nahen Atelier Artefakt sehen kann.
Beim Spaziergang taucht unweigerlich der Aspekt der Veränderlichkeit auf. „Es gibt keine Heimatkonstante“, stellt Hendrik Hoffmann im Mühlviertel fest. Der Schauspieler komponiert im Hof der Familie De Norre ein literarisches Heimat-Menü aus Texten von Rilke bis Brecht. Dabei knüpft er Fäden in die Gegenwart, etwa wenn er aus Kehlmanns Roman „Tyll“ liest.
Szenen der deutsch-deutschen Geschichte
Dessen geschichtliche Kulisse ist der Dreißigjährige Krieg. Wie schnell scheinbar sichere Strukturen zerbrechen können, das erahnen die Zuhörer bei den eindringlichen Schilderungen, die an heutige Kriegsschrecken denken lassen. Das Ende eines Systems kann aber auch positiv sein: 1989 kam Theatermacher Boris Ben Siegel aus dem Erzgebirge auf Umwegen in die Pfalz. Für ein Theaterprojekt hat er mit Menschen gesprochen, die das deutsch-deutsche Fluchtgeschehen erlebten.
Aus daraus entstandenen Protokollen liest er vom Suchen nach Heimat, nach Zugehörigkeit und Selbstfindung. Gespannt hört man ihm auf der Balkonterrasse der Familie Goerg zu. Während der Ausblick über Wachenheims Dächer zur Rheinebene geht, taucht mehrfach die Frage auf, wo der Osten beginnt.
Wie die meisten beteiligten Anwesen ist auch der kleine Garten der Familie Steinmetz sonst nicht einsehbar. Hier liest die Mainzer Autorin Gisela Winterling unter dem Titel „In einer Ferne warte ich auf mich“ eigene Gedichte. Sie spielt mit Annahmen und Bedingungen, zerpflückt Worte und verkehrt sie ins Gegenteil. Im Experimentieren mit Texten verfremdet sie auch populäre Gedichte. So wird Eichendorffs „Mondnacht“ gründlich umgestellt, wobei der Zauber der Worte neu erklingt.
Eine anheimelnde Mondnacht hatte das kühle Wochenende zwar nicht zu bieten, doch an der Stadtmauer gaben Sängerin Christiana Sarsah und Pianist Harald Stein ein lauschiges Abendkonzert mit beschwingten Jazzrhythmen.