Bad Dürkheim
Bad Dürkheim: Wie Handwerker um Nachwuchs werben
Mit Kalenderhelden und mehr Geld gegen Nachwuchsmangel? Das Ausbildungsjahr ist gerade gestartet, doch wieder bleiben auch in der Region Ausbildungsplätze unbesetzt.
„Wir haben hier immer noch ein Problem, weil wir bei der Vergütung nicht mit der BASF oder einer Bank mithalten können“, räumt Klaus Seiferlein, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südliche Weinstraße, ohne Umschweife ein, wenn er über die Attraktivität des Handwerks spricht.
Seiferlein rechnet für sein Zuständigkeitsgebiet Südpfalz-Neustadt und Bad Dürkheim mit etwa 450 neuen Ausbildungsverhältnissen zum Monatsende: „Eine Vielzahl von Verträgen liegt noch auf Halde, müssen noch erfasst und bearbeitet werden.“ Dieser Prozess dürfte erst Ende September abgeschlossen sein.
Seiferlein wirbt in seiner Rolle als Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KWH) Südpfalz mit den Städten Landau und Neustadt sowie den Landkreisen Germersheim, Südliche Weinstraße und Bad Dürkheim für die Belange der knapp 900 organisierten Betriebe. Und die suchen Nachwuchs.
Aufschlag auf Vergütung
„Wir werden auch das Geld sprechen lassen“, kündigt er an. So gebe es mittlerweile beispielsweise im Fleischerhandwerk, das allerdings nicht bei den Südpfälzern, sondern in der Vorderpfälzer Organisation angesiedelt ist, einen monatlichen Aufschlag auf die Ausbildungsvergütung. Und bei den Dachdeckern oder im Elektrohandwerk beispielsweise steht nach seinen Angaben ab dem neuen Lehrjahr ein Gehaltsaufschlag an. So verdienen nach Angaben der Kreishandwerkerschaft Dachdeckergesellen beispielsweise im ersten Lehrjahr ab 1. Oktober 2886 (aktuell 2804) Euro brutto, im zweiten 3045 (aktuell 2960) Euro.
Denn interessant für die angehenden Handwerker sei langfristig das, was im Berufsleben gezahlt wird. Hier verspricht Seiferlein die Möglichkeit, auch mit Weiterbildung voranzukommen.
Wichtig sei in der Phase des Entscheidungsprozesses für die Berufswahl, das Signal, das Eltern und Schulen den jungen Leuten setzen: Immer noch münde die Unentschlossenheit bei der Berufswahl in einen längeren Schulbesuch, doch das Handwerk könne eine Alternative sein. Deshalb setzen die Betriebe mittlerweile auf Schul- und Berufsmessen, wie gerade vergangene Woche an der Dürkheimer Carl-Orff-Realschule mit dem Handwerkertag: „Wir müssen uns bei den jungen Leuten bewerben!“
„Aber Geld ist im Berufsleben nicht alles“, weiß der studierte Jurist Seiferlein aus Erfahrung. Punkten könne ein kleinerer Handwerksbetrieb etwa mit einem guten Betriebsklima, gewissen Freiheiten und Wertschätzung.
Der Handwerker als Held
So etwa auch im kleinen, aber feinen Gönnheimer Betrieb „Holz-Artistik“. Firmenchef Stephan Schäfer ist aktuell auf der Suche nach Nachwuchs. Die Lehrstelle für einen Tischler ist unbesetzt. Schäfer sucht für seinen Betrieb mit drei Mitarbeitern, der sich in einem Anwesen aus dem 16. Jahrhundert befindet, einen jungen Menschen mit einem qualifizierten Schulabschluss, der unter anderem über räumliches und technisches Verständnis und vor allem Liebe zum Werkstoff Holz mitbringt.
Vom Lehrling lernen
Wichtig sei auch ein gutes Image, das den Handwerksberuf attraktiver gegenüber dem Job in der Industrie machen soll. „Der Handwerker, der im Winter die defekte Heizung oder das kaputte Dach nach einem Sturm repariert, der ist doch ein Helfer, eigentlich ein Held“, beschreibt Seiferlein die neue Kampagne, die die Kreishandwerkerschaft zur Nachwuchswerbung einsetzt: Ein Baustein ist ein Kalender, der Schreiner oder Elektriker in Szene setzt. Die außergewöhnliche Werbung für die Handwerksberufe – sie orientiert sich an den mittlerweile verbreiteten Feuerwehrkalendern.
Seiferlein appelliert aber nicht nur an die Schulabgänger, sondern auch an die Handwerksbetriebe, aktiv zu werden: „Wir müssen selbst ausbilden, um qualifizierten Nachwuchs in die Betriebe zu bekommen“, sagt er. Und von der Ausbildung im eigenen Betrieb profitiere nicht nur der angehende Handwerker, sondern auch der Chef: „Das ist doch Wissenstransfer.“ Die Berufsausbildung an den Berufsschulen orientiere sich an den neueste Entwicklungen. Darauf zu verzichten, sei unklug: „Bei den neuen Medien können Meister oft vom Lehrling lernen.“