Freinsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Aus für die Marktschwärmer: „Am Ende mehr Frust als Lust“

Verkaufen nicht mehr lange frisches Obst und Gemüse von regionalen Anbietern: Peter und Gabi Gründling im Vereinsheim des FV Fre
Verkaufen nicht mehr lange frisches Obst und Gemüse von regionalen Anbietern: Peter und Gabi Gründling im Vereinsheim des FV Freinsheim.

Nach sechs Jahren hört Gabi Gründling mit ihrer Marktschwärmerei in Freinsheim auf. Warum ist die Kombination aus Online-Shop und Bauernmarkt gescheitert?

„Es macht keinen Sinn mehr.“ Gabi Gründling wirft nach sechs Jahren mit ihrer Marktschwärmerei in Freinsheim das Handtuch. Das Prinzip, Verbraucher und regionale Lebensmittelerzeuger mit Hilfe einer Online-Plattform vor Ort zusammen zu bringen, sieht sie für die Region als gescheitert an. Seit ein paar Wochen habe sie sich zu dem Schritt entschlossen. „Ich habe immer weniger Kunden, während das Angebot an Obst und Gemüse saisonal bedingt gerade besonders üppig ist“, sagt die 63-Jährige. Da habe sie sich gar nicht ausmalen wollen, wie sich die Situation im Herbst darstelle, wenn das Angebot hauptsächlich auf Wurzelgemüse zusammenschrumpfe. „Da wollte ich lieber vorher die Reißlinie ziehen“, sagt sie. Seit einiger Zeit laufe das Geschäft schlechter.

Ihr Umzug vom alten Spritzenhaus in Weisenheim am Berg in die Stadt Freinsheim zum Vereinsheim des Fußballvereins im Herbst 2022 sei ein Versuch gewesen, an mehr Kunden heranzukommen. Geholfen habe das aber nur zu Beginn. „Mit den Preisen bei Aldi und Lidl kann ich eben nicht mithalten“, bekräftigt sie. Doch überteuert sei das Angebot auch nicht gewesen. In der Region seien schließlich auch viele Menschen in der Lage, sich regionale Lebensmittel leisten zu können, findet Gründling. Doch leider werde hierzulande am ehesten an Lebensmitteln gespart. Umso mehr freue sie sich über ihre Stammkunden: „Es gibt treue Kunden, die haben zwischen 150 und 250 Bestellungen abgeholt.“

Mangold im Fokus

Für ihre 301. Verteilung am kommenden Mittwoch ab 17 Uhr hat sie fast 600 Produkte von 18 Erzeugern freigeschaltet, erzählt Gründling. Sie macht online auf diversen Kanälen Werbung für das eine oder andere Produkt und schlägt gleich noch Rezepte vor. So lenkt sie diese Woche den Blick auf Mangold, mit dem sich die griechische Pastete Spanakopita herstellen lässt. Geliefert wird der Mangold vom Freinsheimer Thailaden Oberholz für 2,50 Euro pro 500 Gramm.

Seit Beginn an dabei sind der Gemüsehof Schuch oder die Bio-Metzgerei Micol aus Ludwigshafen, berichtet Gründling. Joghurt und Milch gibt es vom Klostergut Hahnerhof in Enkenbach-Alsenborn. Viele Anbieter seien auf sie zugekommen, weil sie die zusätzliche Vermarktungsmöglichkeit geschätzt hätten. Doch mittlerweile hätten einige Erzeuger noch nicht einmal ihre Spritkosten erwirtschaften können. „Auch für die Hofläden ist die Situation ja schwierig geworden“, muss Gründling feststellen.

Inflation hat alles erschwert

Während Corona sei die Marktschwärmerei noch gut gelaufen. Da hätten die Einkäufer den Gang in den Supermarkt lieber vermieden, hätten gerne online bestellt und bezahlt, um einmal pro Woche Obst, Gemüse, Fleisch, Wurst oder Eier abzuholen, so Gründling. 50 bis 60 Kunden hätten damals in der Kartei gestanden. Danach, als es los gegangen sei mit höheren Preisen durch die steigende Inflation, seien es nur noch etwa 30 Kunden gewesen, dann noch weniger. Für Geld habe sie die Marktschwärmerei nie betrieben, betont die Weisenheimerin. „Dafür hat eher mein Weltretterherz geschlagen“, sagt sie. Denn schließlich habe sie als Steuerberaterin – seit 1994 mit eigener Kanzlei in Bad Dürkheim – ein festes Standbein. So habe sie als Freiberuflerin auch nur mit viel Mühe eine Ausnahmegenehmigung bei der Anmeldung des neuen Marktschwärmer-Gewerbes bekommen. „Ich wollte das eben unbedingt machen, weil ich von dem System überzeugt war. Ich bin es auch heute noch, auch wenn ich in letzter Zeit mehr Frust als Lust empfunden habe“, gibt die 63-Jährige zu.

Das Konzept der Marktschwärmer, das 2010 in Frankreich entwickelt wurde, habe sie überzeugt. Der deutscher Ableger der Marktschwärmer ist ein Unternehmen mit Sitz in Berlin, das die Online-Plattform zur Verfügung stellt und deshalb auch am Umsatz der einzelnen Schwärmereien zu beteiligen ist. Bei den Marktschwärmern verbleiben dem Erzeuger, der den Preis für seine Produkte selbst bestimmen kann, am Ende 81,65 Prozent seiner Einnahmen. 8,35 Prozent gehen an den Gastgeber, 10 Prozent erhält die Plattform. Bei der Auswahl der Betriebe gilt: Bio ist erwünscht und Regionalität ein Muss.

Immer mehr Marktschwärmer geben auf

„Ich bin nicht alleine“, tröstet sich Gründling. Immer mehr Marktschwärmer würden in Deutschland vom Markt verschwinden. „Als ich gestartet bin, waren es fast 200, jetzt sind es keine 80 mehr.“ Am 24. September wird Gründling zum letzten Mal mit ihrem Mann Peter in Freinsheim die online bestellten Lebensmittel verteilen. Einen Tag vor dem sechsten Geburtstag ihrer Marktschwärmerei. Gründling hofft, dass ihre Kunden genauso wie sie selbst den Marktschwärmer-Erzeugern auch nach der Schließung weiter die Treue halten.

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