Bad Dürkheim Aufbruch in neue Klangwelten
Ein Meister der Improvisation in seinem eigenen Klanguniversum, das ist der in den USA geborene Organist Chris Jarrett. Den Zuhörern bot er am Samstagabend in der Protestantischen Kirche in Wachenheim einen akustischen Einblick in sein Programm „New Journeys“, ein Aufbruch in neue Welten.
Chris Jarrett lebt seit 1985 als Berufsmusiker in Deutschland. Er unterrichtete mehrere Jahre an der Universität Oldenburg und komponiert Opern und Oratorien. Hauptsächlich ist er als Solo-Pianist aktiv, wobei seine Liebe der Jazz-Improvisation gehört, die ihn auch mit seinem Quartett „Four Free“ und dem Chris Jarrett Trio verbindet. Wer jedoch an diesem Abend ein herkömmliches Orgelkonzert erwartet hatte, wurde bereits nach den ersten Tönen eines anderen belehrt. Hier improvisierte ein Virtuose der zeitgenössischen Musik eine seiner monumentalen Tonschöpfungen. Für die Konzertbesucher bedeutete dies: „Augen zu, Ohren auf, Kopfkino an“. Nur auf diese Weise ließ sich so ganz individuell ein Zugang zu den Kompositionen gewinnen. Die Voit-Orgel von 1883 erlebte an diesem Abend eine ganz neue Art von Musik und bewies, dass sie auch ungewohnten Anforderungen gewachsen ist, wenn ein Musiker das Herz hat, mit seinem Spiel in ungeahnte Dimensionen vorzudringen. Zu Beginn waren es die hohen Pfeiftöne, der irritierende gläserne Klang, der sich allmählich steigerte und der den Zuhörern die Ohren öffnen sollte. Vor dem geistigen Auge erschien eine langsam Fahrt aufnehmende Lokomotive in stampfend vorwärts drängendem Rhythmus, einem zur Hölle fahrenden Geisterzug gleich. Chris Jarrett setzte Harmonien gegeneinander, ließ sie auflaufen und wirbeln. Er schaffte Tonbrücken, über die der Klang hin und her wanderte in die Kulisse einer großen Oper. Wer ihn am Spieltisch der Orgel beobachtete, sah einen Musiker, der hoch konzentriert Schwerstarbeit leistete, mit vollem Einsatz in seine Komposition versank. Nach der Pause unternahm Chris Jarrett eine weitere Klangreise, begann hier leicht und luftig, geradezu frühlingshaft, um gleich darauf umzuschwenken und das Bild des lebhaften Verkehrs auf der 5th Avenue in New York heraufzubeschwören. Daraus ergab sich ein kraftvolles farbenprächtiges Bild, zusammengesetzt aus einer ungeheuren Tonvielfalt. Die Reise ging weiter, und es tauchten orientalisch angehauchte Melodienfetzen auf, die nach und nach in einem dunklen Strudel verebbten und in ein Klanggewitter mündeten, einer Geisterbeschwörung gleich. Doch das Publikum ließ sich einfangen und spendete lang anhaltenden Beifall für dieses außergewöhnliche Konzert. |dox