Bad Dürkheim
Aphoristik: Auch in der Corona-Pandemie lässt es sich mit Worten spielen
Herr Professor Quadbeck-Seeger, wie sind Sie durch die Corona-Krise gekommen?
Sehr gut. Die Ruhe tut mir gut. Das Leben ist für mich angenehmer geworden. Da ich als Nebenfach mit tiefem Interesse Anthropologie studiert habe, beobachte ich jetzt alles unter diesem Gesichtspunkt: Wie verhält sich die Menschheit in solchen Situationen? So etwas gab es noch nie und ist deshalb doch wahnsinnig spannend.
Sie als Wissenschaftler gefragt: Würden Sie sagen, dass die Maßnahmen der Politik richtig waren? Hat Frau Merkel alles richtig gemacht zusammen mit den Innenministern?
Ich glaube ja. Wobei man sagen muss: Es ist ein großes, menschheitsumfassendes Experiment. Und Experimente zeichnen sich dadurch aus, dass man nicht weiß, was herauskommt. Von meinem Gefühl her war bisher alles richtig. Nun heißt es weiter aufpassen. Schlimm finde ich allerdings das Verhalten der „Coronarren“, wie ich die Ignoranten am liebsten nenne.
Sehr schöne Überleitung: Vor der Pandemie haben Sie ein neues Buch veröffentlicht – mit neuartigen Aphorismen. Können Sie kurz skizzieren, was das Besondere daran ist?
In dem Buch geht es um sogenannte Aphonitionen. So bezeichne ich Wortschöpfungen, die wie durch eine Sprachchemie entstehen. Ich gehe dabei mit Wörtern um wie mit Molekülen und dabei kommen überraschend neue Begriffe heraus.
Das Buch wird als Ihr Magnus Opum gesehen, Ihr Hauptwerk ...
Ja, so wird es gesehen. Alle meine Aphorismen-Freunde sagen das. Ich selbst habe es nicht so empfunden, weil es während einiger Jahre entstanden ist. So etwas muss wachsen. Das chemische Denken hat mir geholfen. Mein Ansatz ist quasi synthetisch: Wo passen Wörter und Silben so zusammen, dass Neues entsteht.
Wie viele Leute beschäftigen sich in Deutschland mit der Aphoristik?
Es gibt einen Förderverein für das Deutsche Aphorismen-Archiv. Der hat gerade ein Preisausschreiben durchgeführt, an dem sich 444 Aphoristiker beteiligt haben. Es sind also rund 500 Interessierte, die Aphorismen schreiben und sie auch veröffentlichen wollen. Die Community ist somit überschaubar. Der Aphorismus als Sprachform hat jedoch eine lange Tradition und geht auf Hippokrates zurück. Später kamen die französischen Moralisten, auch in der deutschen Sprache hat der Aphorismus tiefe, verzweigte Wurzeln. Aphorismen sind knapp formulierte Anweisungen und Gedanken. Schon in der Bibel sind viele zu entdecken. Heute finden wir sie oft auch als Kalendersprüche und gelegentlich sogar in der Werbung.
Ich bin immer wieder angetan, ja: beeindruckt von Ihrem Sprachgefühl. Beispiel: Meine Vaterlandsliebe gilt der Muttersprache. Einfach großartig. Wo kommt das her? Das kann man doch nicht lernen!
Vermutlich nicht. Am Rande: Ich war früher in der Schule in Mathematik gut, aber mehr Spaß gemacht hat mir die deutsche Sprache. Ganz früh schon. Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich Arzt werde oder Jurist, ich aber bestand unbedingt auf der Chemie. Bei einer Berufsberatung wurde mir auch noch dringend zu Jura geraten – mit der Begründung: Er kann logisch denken und hat Sprachempfinden. Zu Hause gab es dann aufregende Diskussionen. Ich habe dann den Atlas genommen und mir den entferntesten Studienort gesucht, es war München. Ich kannte niemanden dort, aber ich hatte meine Ruhe.
Sie haben Karriere gemacht bei der BASF, man kann nicht sagen, dass es eine falsche Entscheidung war.
Ja, das stimmt.
Fehlt Ihnen die BASF?
Natürlich immer weniger. Aber ich nehme Anteil, was da läuft. Auch an der Chemie als solcher. Es kommen viele Herausforderungen auf sie zu. Manchmal möchte man sogar noch dabei sein. Außerdem beschäftige ich mich weiterhin mit Molekül-Modellen. Dazu gibt es einige Videofilme auf Youtube.
Sie haben nach der Flucht in Verden (Aller) gewohnt und in München gelebt. Was bedeutet Ihnen die Pfalz?
Unglaublich viel. Den Menschen, die hier leben, sollte die Schönheit der Pfalz wirklich immer bewusst sein. Nur ein Aspekt: An der Haardt entlang fährt man doch wie durch eine Weinkarte.
Im Jahr 2014 standen Sie für einen Moment im Rampenlicht – während der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Was denken Sie heute darüber?
(Lächelt). Das war, als der damalige Assistent von Joachim Löw, Hansi Flick, meinen Aphorismus „Ein guter Anfang braucht Begeisterung, ein gutes Ende Disziplin“ als Motto für die Mannschaft ausgab. Das war vielleicht die schönste Anekdote in meinem Leben. Wir wurden dann ja auch 2015 zum Länderspiel gegen Australien auf dem Betzenberg in Kaiserslautern eingeladen. Fußball hat mich nie tiefer interessiert, höchstens die Länderspiele.
Aber spannend war der Fußball für mich immer deshalb, weil man nirgends sonst die Phänomene der Gruppendynamik so unmittelbar sieht und miterleben kann. Das macht dann richtig Spaß.