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Bad Dürkheim

Herxheim am Berg: Hochzeit unter Hitler-Glocke

Von Stephan Alfter

„Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“: Bis heute ist die Glocke aus dem Jahr 1934 im Einsatz. Eigentümer ist die Gemeinde Herxheim am Berg. Bürgermeister Ronald Becker sieht kein Problem in der Nutzung.

„Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“: Bis heute ist die Glocke aus dem Jahr 1934 im Einsatz. Eigentümer ist die Gemeinde Herxheim am Berg. Bürgermeister Ronald Becker sieht kein Problem in der Nutzung. ( Foto: Hass/Frei)

Ein eingemeißeltes Hakenkreuz findet sich an der nördlichen Seite des Kirchturms von Herxheim am Berg.

Ein eingemeißeltes Hakenkreuz findet sich an der nördlichen Seite des Kirchturms von Herxheim am Berg. ( Foto: Hass/frei)

Unverkennbares Zeichen der Nazi-Herrschaft: ein Hakenkreuz an der Herxheimer Kirche in Nahaufnahme.

Unverkennbares Zeichen der Nazi-Herrschaft: ein Hakenkreuz an der Herxheimer Kirche in Nahaufnahme. ( Foto: Ladwig)

Blickpunkt: Im Alltag vielfach unbemerkt, befinden sich um uns herum bis heute sichtbare Überbleibsel der Nazi-Zeit. Bundesweit läuft gerade eine heftige Debatte über den Umgang mit Wehrmachtsandenken. Dazu passt bei uns die Frage nach einer Glocke aus dem Jahr 1934. Sie ist Adolf Hitler gewidmet und ruft in Herxheim am Berg zum Gottesdienst.

Eric Hass weiß fast alles über Herxheim am Berg. Meist braucht man ihm nur ein Stichwort zu nennen, dann ist der Mann geistig schon auf dem Weg durch die Trampelpfade der Ortsgeschichte. Der Hobbyhistoriker ist bekannt für die Ausführlichkeit seiner Darstellungen und selbst, wenn es um die eigene Familie geht, nimmt er kein schönendes Blatt vor den Mund. So beschreibt er etwa seinen Opa Emil als „leider eifrigen SA-Mann“, der in der dunklen Zeit zu einer aktiven NSDAP-Mannschaft unter dem Ortsgruppenführer und Bürgermeister August Kissel gezählt habe. Zu Hass’ ebenso traurigen wie authentischen Geschichten gehört auch jene, dass sein Großvater mit anderen Dorfnazis der Familie Mangold das Leben schwergemacht habe, die nach einem Zwischenfall in der Speyerer Straße im Jahr 1935 einem Juden Unterschlupf gewährt hat.

Bronzeglocke mit Hakenkreuz

Unabhängig von diesem Vorgang war im Ort ein Jahr zuvor die Protestantische Kirche St. Jakob saniert worden, nachdem sie in Folge eines Eifersuchtsdramas, das die RHEINPFALZ im Jahr 2010 näher beleuchtet hat, abgebrannt war. Im Glockenturm hängt seither eine im Dezember 1934 eingeweihte Bronzeglocke mit Hakenkreuz, versehen mit einem für die damalige Zeit üblichen Nazi-Spruch. Unter falscher Verwendung eines Apostrophs steht dort: „Alles fuer’s Vaterland – Adolf Hitler“. Es handelt sich laut Hass um die kleinste und einzig verbliebene von drei NS-Glocken. Ein Bildmotiv von damals zeigt alle drei auf einem Pferdewagen vor der Kirche. Die sogenannte Polizeiglocke, die als Warnsignal genutzt wurde, überlebte das spätere Einschmelzen zum Zweck der Waffenproduktion im Zweiten Weltkrieg als einziges Exemplar.

Zwei Glocken ersetzt

Seit nunmehr 83 Jahren ruft sie die Herxheimer Bürger am Sonntagmorgen zum Gottesdienst – nach dem Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft zusammen mit zwei Glocken neueren Datums. Zusammen erklingen alle drei außerdem zu Ostern, zu Weihnachten und nicht zuletzt zur Konfirmation. Das geht aus der Läuteordnung hervor, die uns Pfarrer Helmut Meinhardt zur Verfügung gestellt hat.

 

Organistin will Glocke abschalten

Dass man unter der Hitler-Glocke bis heute sogar eine Ehe schließen kann, ärgert manche Menschen. Sigrid Peters aus Weisenheim am Berg gehört zu denen, die sagen, dass man die Glocke sofort abschalten müsse. Ihr sei erst jetzt bewusst geworden, „was da läutet“, schreibt sie in dieser Woche an die RHEINPFALZ. Gelegentlich sei sie als Organistin in der Kirche tätig gewesen. „Sowas muss gewusst werden“, plädiert sie für einen offeneren Umgang mit der ältesten Herxheimer Glocke. „Ins Museum damit“, findet sie. Sie sehe das Thema auch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um Wehrmachtsandenken, die in deutschen Kasernen gefunden wurden.

Ortsbürgermeister widerspricht

Das sieht Ortsbürgermeister Ronald Becker anders. „Ich sehe keinen Grund, die Glocke zu entfernen“, sagt er. Tatsächlich ist bis heute nicht die Kirche Eigentümer der Glocke, sondern die Gemeinde und insofern Ronald Becker ihr oberster „Dienstherr“. Es handelt sich also – wie zur Zeit des Nazi-Regimes – um eine politische Glocke, die nach Darstellung von Pfarrer Meinhardt von Glockensachverständigen tontechnisch in die Klangkulisse der anderen beiden integriert worden sei, um im Ort keine Misstöne zu haben.

Becker spricht von einer historischen Glocke, die aus einer anderen Zeit komme. „Das sind Sachen von damals, die heute noch benutzt werden“, formuliert er pragmatisch. Einen aufklärenden Hinweis auf die Glocke mit dem Hakenkreuz hält er nicht für notwendig, wie er gestern sagte. Er sei bereits einige Male auf die Glocke angesprochen worden, eine größere Aufmerksamkeit habe das Thema seit der Feier zum 1000. Jahrestag der Grundsteinlegung der Kirche im Jahr 2014 aber nicht erlangt.

Hakenkreuz im Gesims

Den aktuellen Anlass für eine Berichterstattung über die Polizeiglocke bot unter anderem ein Foto, das RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Sigrid Ladwig in der vergangenen Woche zufällig geschossen hat, als sie die Herxheimer Jakobskirche ins Bild nahm. An der nördlichen Seite des Turms versteckt sich an einem oberen Eckstein im Gesims ein eingemeißeltes Hakenkreuz. Zur Beantwortung der Frage, zu welchem Anlass das Nazi-Symbol dorthin gelangt war, musste einmal mehr Eric Hass Auskunft geben. Seine prompte Antwort: Ein unbekannt gebliebener Maurer habe das Symbol der Nazi-Herrschaft 1934 dort angebracht. Die Zeit des Nationalsozialismus, so Hass, habe aber noch mehr Spuren hinterlassen an der Herxheimer Kirche. Das von Ladwig fotografierte Hakenkreuzsymbol sei nur eines von mehreren.

Eric Hass sucht Mitstreiter

Bei einem dieser weiteren Hakenkreuze ist sogar der „Schöpfer“ bekannt: Jakob Schildknecht. Dieser sei laut Hass ein „überzeugter Nazi“ gewesen – genauso wie sein Opa Emil. Ausführlich behandelt wurde die Nazi-Zeit in Herxheim am Berg in einer Dokumentationsausstellung im Jahr 2005. Seither tagt einmal im Monat der „Historische Stammtisch“. Eric Hass freut sich hier über weitere interessierte Mitstreiter, wenn er sich wieder auf den Weg über die Trampelpfade der Ortsgeschichte macht.

 

Mail-Kontakt von Eric Hass: heriesheim@aol.com

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