Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Tragödie in Kirchheim: Polizei erwartete Routineeinsatz

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Abgeschirmt: Spurensicherung nach den tödlichen Polizeischüssen in Kirchheim. Was die Spuren am Tatort verraten, hält die Staatsanwaltschaft unter Verschluss.

Was am vergangenen Freitag mit ihren tödlichen Schüssen auf einen Angreifer endete, muss für zwei Polizisten zunächst wie ein Routineeinsatz ausgesehen haben. Denn neuen offiziellen Angaben zufolge waren sie zu einem Familienstreit geschickt worden, der vermeintlich nur mit Worten ausgetragen wurde. Doch in Kirchheim (Kreis Bad Dürkheim) trafen sie auf einen 25-Jährigen, der gerade seine Mutter umgebracht hatte.

Die Beamten in der Grünstadter Polizeiinspektion müssen sich auf einen Routineeinsatz eingestellt haben, als am Freitag um 8.07 Uhr ihr Notruf-Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung: eine 56-Jährige, die Angst vor ihrem eigenen Sohn hat. Denn der 25-Jährige soll Drogen genommen und daraufhin einen psychotischen Schub erlitten haben. So ein Wahnzustand kann Menschen Bedrohungen vorgaukeln, die es gar nicht gibt. Und das kann sie aggressiv machen. Doch was genau die Anruferin über den Zustand ihres Sohnes sagte, behalten die Ermittler derzeit für sich. Allerdings wird mittlerweile erkennbar: Die Polizei kann nicht davon ausgegangen sein, dass die Frau oder andere Menschen in akuter Todesgefahr schweben. Denn in so einem Fall wäre ein größerer Alarm ausgelöst, vielleicht sogar eine „Lebensbedrohliche Einsatzlage“ ausgerufen worden. So wie es im Januar in Ludwigshafen geschah, als ein Mann mit seinem Messer auf einen Filialleiter der Post-Bank losgegangen war und sich anschließend drohend vors Rathaus-Center stellte, bis ihn dort eine Beamtin mit einem Schuss ins Bein außer Gefecht setzte.

Es sollte nur um „verbale Streitigkeiten“ gehen

Damals waren jede Menge Polizeiautos herbeigerast, die Beamten hatten schwere Schutzausrüstung angelegt, ihre Maschinenpistolen ausgepackt und sich dann an die Gefahrenzone herangepirscht. Nach Kirchheim hingegen wurde zunächst nur ein einzelner Streifenwagen beordert. Und dessen Besatzung war auf einen Familienzwist eingestellt, bei dem es noch nicht einmal zu Handgreiflichkeiten gekommen sein sollte: Den beiden Beamten wurde laut Staatsanwaltschaft gesagt, es gehe um „verbale Streitigkeiten“ zwischen einem Sohn und seiner Mutter. Von wo aus die 31-jährige Polizistin und ihr 56-jähriger Kollege dann gestartet sind und wie lange genau sie für die Fahrt nach Kirchheim gebraucht haben, halten die Behörden geheim. Offizielle Begründung: Kriminelle sollen nicht erfahren, welche Routen die Polizei bei Streifentouren und auf dem Weg in den Einsatz wählt. Also bleibt es bei der Angabe, dass die Beamten „nach wenigen Minuten“ vor Ort waren. Da hatte die Mutter durch Faustschläge und eine Stichwaffe schon tödliche Verletzungen erlitten, die ihr der eigene Sohn zugefügt haben muss. 

Die Beamten haben sechsmal abgedrückt

Mit einer Schere ist er den Ermittlungen zufolge dann auch auf die beiden Polizisten losgegangen, die dabei verletzt wurden und das Feuer auf ihn eröffneten: Sieben Schussverletzungen zählten Gerichtsmediziner später an der Leiche des 25-Jährigen, weil ein Projektil seinen Oberarm durchschlagen und so zwei Wunden verursacht hat. Mittlerweile ist sich die Staatsanwaltschaft sicher: Die Beamten haben insgesamt sechsmal abgedrückt. Unter Verschluss halten die Strafverfolger hingegen, was vor Ort gesicherte Spuren zum Beispiel über Schussbahnen verraten. Derzeit allerdings spricht viel dafür, dass die Polizisten so gehandelt haben, wie es ihnen in der Ausbildung antrainiert wird. Angesichts einer Stichwaffen-Attacke bleiben Einsatzkräften allenfalls Sekunden, um den potenziell tödlichen Angriff abzuwehren. Pfefferspray scheidet dafür in der Regel von vornherein aus: Zu unsicher ist, ob es schnell genug oder überhaupt wirkt. Also müssen die Beamten sofort schießen. Fernseh-Kommissare stoppen Gegner dann gerne mit einem einzelnen, vermeintlich nicht-tödlichen Schuss in dessen Bein.

Jetzt gelten sie formal als Beschuldigte

Doch in Wirklichkeit ist es nahezu unmöglich, auf einen heranstürmenden Angreifer mit einer Pistole so punktgenau zu zielen. In Trainingszentren wie dem in Enkenbach-Alsenborn (Kreis Kaiserslautern) lernen die Polizisten daher, in so einem Moment dorthin zu schießen, wo ein Mensch die größte Trefferfläche bietet: auf den Oberkörper. Und auf den sollen sie so lange feuern, bis der Angreifer zusammenbricht. Denn selbst nach einem tödlichen Treffer können Täter unter Umständen noch sekunden- oder gar minutenlang weiterwüten, ehe ihre Kräfte nachlassen. Trotzdem gelten die zwei Polizisten derzeit zumindest formal als Beschuldigte, die mit den Schüssen ihrer Dienstwaffen einen Menschen rechtswidrig getötet haben könnten. Für die Ermittlungen gegen sie sind jetzt ihre Kollegen von der Ludwigshafener Kriminalpolizei zuständig. Die sind am vergangenen Freitag um etwa 8.30 Uhr alarmiert worden – rund 20 Minuten, nachdem in der Grünstadter Polizeiinspektion das Notruf-Telefon geklingelt hatte. 

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