leoS NATURREICH Streuobstwiesen: Refugien für eine üppige Artenvielfalt
Heute werden zur Obsterzeugung in der Regel Plantagen mit niedrigstämmigen Bäumen angelegt, die eine einfachere und reichere Ernte versprechen. So sind die Streuobstwiesen mit ihren alten Apfel- und Birnensorten, den Zwetschgen, Quitten und Kirschen idyllische Refugien geworden, die meist nicht von Obstbauern, sondern ihrer Artenvielfalt wegen von Naturschützern oft in mühsamer Handarbeit gepflegt und bewirtschaftet werden.
Wertvoll für die Natur
Auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung kaum noch eine Rolle spielt, für die Natur sind Streuobstwiesen in der weithin überformten Nutzlandschaft heute von unschätzbarem Wert. Wie wichtig die jetzt im Frühling wunderschön blühenden Oasen für die Natur sind, belegen Zahlen des Naturschutzverbands Nabu: Allein in den hochstämmigen Streuobstwiesen Deutschlands gibt es dem Nabu-Bundesfachausschuss Streuobst zufolge weit über 5000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sowie rund 6000 Obstsorten. „Damit sind die Streuobstwiesen insbesondere nördlich der Alpen Hot Spots der Biologischen Vielfalt“, erklärt Markus Rösler, Sprecher des Nabu-Fachausschusses.
Wichtiges Kulturerbe
Im März wurden die Streuobstwiesen in die deutsche Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Begründung der Unesco: „Seit Mitte des 20. Jahrhunderts gehen die Streuobstbestände in ganz Europa zurück. Damit schwindet nicht nur ein kultureller Erfahrungsraum für den Menschen, sondern auch ein ökologisch wertvoller Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten.“ Lebendig gehalten werde der Streuobstanbau durch ehrenamtliches Engagement. Elementarer Bestandteil des Streuobstanbaus in Deutschland sei die Biodiversität, heißt es weiter. Und: „Streuobstwiesen sind artenreiche Biotope, die zahlreiche Tier- und Pflanzenarten beherbergen. Sie sind aus einer landwirtschaftlich-kulturellen Entwicklung hervorgegangen und direkt an menschliches Wissen gebunden.“
Die Unesco-Juroren bedauern, dass viele Bestände im 20. Jahrhundert gerodet worden seien, was zum Verlust größerer Flächen von Streuobstwiesen geführt habe. „Heute gefährden weniger Rodungen als das schwindende Wissen, fehlende Fertigkeiten und Wertschätzung, der hohe Arbeits- und Zeitaufwand und die mangelnde Rentabilität den Bestand.“ Mit 250.000 bis 300.000 Hektar gibt es in Deutschland nach Angaben des Nabu noch die größten Streuobstbestände Europas.
Neuer Aktionstag
Um einmal mehr auf diese Bedeutung aufmerksam zu machen, initiieren Naturschutzverbände am Freitag, 30. April, erstmals europaweit den „Tag der Streuobstwiese“. Die Idee dazu stammt aus Österreich, sie wird jedoch international von vielen Organisationen begrüßt. Nach Auskunft des Nabu soll der Aktionstag künftig jeweils am letzten Freitag im April seinen festen Platz im Kalender finden. Mitmachaktionen und Veranstaltungen gibt es zwar aufgrund von Corona (aktuell) kaum im Terminkalender, aber Information wird groß geschrieben. Und Streuobst-Initiativen finden sich auch in der Pfalz, etwa bei Ortsgruppen des Naturschutzverbands Nabu, beim BUND oder der Pollichia. Diese, aber auch Kindergärten und Schulen, Keltereien und Tourismusregionen sollen laut Nabu diesen Tag nutzen, um auf Streuobstwiesen als Ort der Biodiversität, der Obstvielfalt, der Erwerbsgrundlage, des Genusses und der Erholung hinzuweisen.
Symbolkraft in Sachen Streuobst
Ein kleines Zeichen in Sachen Streuobst setzt auch das Haus der Nachhaltigkeit in Johanniskreuz: Insgesamt zwölf Bäume alter Streuobstsorten wachsen rund um das Infozentrum. „Sie sollen bei uns eher symbolisch auf den Artenreichtum dieser extensiven Form der Landnutzung um die Dörfer im Pfälzerwald hinweisen“, informiert Leiter Michael Leschnig. Die Bäume beziehungsweise deren Früchte tragen Namen wie Grasblümchen, Herrgottsapfel und Roter Bellefleur oder verweisen wie der Leistadter Rotapfel auf ihre ehemals vor allem lokale Bedeutung. Leschnig: „Im Frühjahr erfreuen sie uns Menschen mit ihren Blüten und die Insektenwelt mit reichlich Nektar und Pollen. Im Herbst verschenken wir diese besondere Ernte an unsere Gäste.“
Förderung der öffentlichen Hand
Aus Umweltgründen stehen Streuobstwiesen allerdings durchaus auch längst im öffentlichen Interesse – Fördergelder aus öffentlichen Töpfen für die extensive Bewirtschaftung inklusive. Und dank des Verbands der Obst- und Gartenbauvereine gibt es sogar eine offizielle – zugegeben recht sperrig ausfallende – Definition des Begriffs Streuobst: „Streuobstanbau ist eine Form des extensiven Obstbaus, bei dem großteils starkwüchsige, hochstämmige und großkronige Obstbäume in weiträumigen Abständen stehen. Charakteristisch für Streuobstbestände ist die regelmäßige Unternutzung als Dauergrünland.“ Daneben gibt es laut Definition Streuobstäcker mit „ackerbaulicher oder gärtnerischer Unternutzung, Streuobstalleen sowie sonstige linienförmige Anpflanzungen“. Häufig seien Streuobstbestände aus Obstbäumen verschiedener Arten und Sorten, Alters- und Größenklassen zusammengesetzt, sie sollten eine Mindestflächengröße von 0,15 Hektar umfassen. „Im Unterschied zu modernen Dichtpflanzungen mit geschlossenen einheitlichen Pflanzungen ist in Streuobstbeständen stets der Einzelbaum erkennbar.“
In Aktion: Initiativen und Projekte rund um das Thema Streuobst
Hilfe bei Mahd und Ernte
Der Erhalt von Streuobstwiesen ist Naturschützern zufolge ein wichtiger Beitrag zum Artenschutz – aber pflege- und durchaus auch kostenintensiv. Denn die Flächen rund um die Bäume müssen von Bewuchs frei gehalten werden. Auch müssen die Früchte im Herbst in der Regel von Hand geerntet werden, so dass stets auch Erntehelfer gesucht sind. Unterstützer sind daher zumeist willkommen, wobei Corona auch hier derzeit für ausgedünnte Terminkalender sorgt. Streuobst-Initiativen gibt es etwa in Ortsgruppen von Naturschutzverbänden wie Pollichia, Nabu oder BUND (zum Beispiel Speyer und Kusel.
Projekt »Life-Biocorridors«
Mitmach-Aktionen plant in der Regel außerdem das Projekt „Life-Biocorridors“ des Biosphärenreservats Pfälzerwald-Nordvogesen, Info: 06325 955246, c.kramer@pfaelzerwald.bv-pfalz.de, Web
Interessengemeinschaft Streuobst
Die Interessensgemeinschaft Streuobst Rheinland-Pfalz, kurz IG Streuobst ist ein offener Zusammenschluss von Streuobst-Aktiven und -Interessierten. Ziel der Initiative seien die Förderung, der Erhalt und die Belebung der heimischen Streuobstkultur und die Wahrung der biologischen Vielfalt, etwa durch Öffentlichkeitsarbeit. Info. Auch diese Initiative kann mit Spendengeldern unterstützt werden.
Streuobstkurs der Landfrauen
Jeder kann zum Erhalt von Streuobstwiesen beitragen und sich dabei gleichzeitig einen besonderen Genuss gönnen: Wer Produkte wie Saft, Marmelade oder Mus kauft, die aus Streuobst hergestellt sind, oder Streuobst selbst verarbeitet, hat schon etwas für den Erhalt der Artenvielfalt getan. „Obstgenuss von Streuobstwiesen – generationsübergreifend erleben“. Unter diesem Motto steht ein Kursangebot der Landfrauen Pfalz. In einer Broschüre dazu gibt es viele Informationen, Adressen und leckere Rezepte rund ums Thema. „Das Thema Streuobst wird in unseren Kursen genussvoll verarbeitet. Wir zeigen, wie reich die Natur uns diesen Tisch deckt und was wir daraus alles zaubern können“, heißt es in der Ankündigung. Termine sind bei der Geschäftsstelle Kaiserslautern zu erfragen: 0631 35790030, info@landfrauen-pfalz.de, Info
