Musik RHEINPFALZ Plus Artikel Zum 70. Geburtstag des englischen Sängers Paul Young

Paul Young bei seinem Auftritt m Kulturzentrum Kammgarn in Kaiserslautern.
Paul Young bei seinem Auftritt m Kulturzentrum Kammgarn in Kaiserslautern.

Paul Young war ein Mann der zweiten Reihe: der Linie, in der sich entscheidet, ob Popmusik Bestand hat. Eine Karriere, die sich der Aufgeregtheit verweigert hat.

Als die Achtziger begannen, war Pop auf Expansion programmiert: größere Gesten, grellere Bilder, lautere Behauptungen. Paul Young stellte sich quer – nicht demonstrativ, sondern instinktiv. Seine Stimme, ein heller Bariton mit einer leichten Rauigkeit, trägt von Beginn an jene Mischung aus Wärme und Distanz, die ihn unverwechselbar macht. Sie klingt nach jemandem, der weiß, dass Gefühle nicht ausgerufen, sondern ausgehalten werden müssen.

Als Frontmann der Bands Kat Kool & The Kool Kats und Q-Tips tingelt Young in den 70ern unentwegt über die Live-Bühnen. Seinen Durchbruch als Solokünstler feiert er dann 1983 mit dem Album „No Parlez“. Es ist kein Ausrufezeichen, sondern ein leiser Eintritt. In Marvin Gayes „Wherever I Lay My Hat“ - mit jener Zeile, die besagt, „that's my home“– singt Young diese Worte nicht mit Besitzanspruch, sondern mit einer vorsichtigen Offenheit, die den Satz zugleich bestätigt und infrage stellt. Es ist Pop, der nicht festlegt, sondern offenlässt. Der Song wird in Youngs Version weniger zur Hymne als zur schwebenden Selbstvergewisserung – und erreicht Platz eins der britischen Charts.

Historisch interessante Kreuzung

Die nächste Single aus dem Album ist „Come Back And Stay“. Sie stammt von Jack Lee, der die Nummer für seine Punkpop-Band The Nerves geschrieben hatte und dessen „Hanging On The Telephone“ bereits 1978 Blondie in die Charts verhalf. „Come Back And Stay“ setzt Young international ins Rampenlicht. In Deutschland ist der Song sieben Wochen nicht vom ersten Platz der Charts zu verdrängen.

Musikalisch steht Paul Young an einer historisch interessanten Kreuzung. Er gehört zur Generation britischer Sänger, die den amerikanischen Soul nicht imitieren, sondern übersetzen. Man hört Einflüsse von Motown, von klassischem Rhythm & Blues, aber sie werden durch eine britische Zurückhaltung gefiltert, die Pathos meidet. Young phrasiert ökonomisch. Er lässt Pausen zu, dehnt Silben nicht zur Schau, sondern zur Bedeutung. Seine Stimme arbeitet im Bereich der Emotion.

Diese Kunst der kontrollierten Nähe kulminiert 1985 in „Everytime You Go Away“. Der Satz, „every time you go away, you take a piece of me with you“, wird bei Young nicht zum melodramatischen Höhepunkt, sondern zum stillen Befund. Er singt ihn fast sachlich – und gerade deshalb trifft er. Der Schmerz wird nicht ausgestellt, sondern eingeräumt. Popmusik als Protokoll einer Verletzung, nicht als deren Inszenierung.

Interpret im klassischen Sinne

Im Rückblick erscheint Young damit als Interpret im klassischen Sinne. Er war nie der Autor, der seine Biografie in jedem Song ausstellt. Stattdessen verstand er sich als Anwalt des Materials. Seine größten Erfolge stammen aus fremden Federn, doch in seiner Interpretation werden sie zu persönlichen Aussagen – ohne dass er sie vereinnahmt. Diese Haltung erinnert an große Sänger aus Jazz und Soul, bei denen das Lied größer ist als das Ego. Youngs Kunst besteht darin, sich hörbar zurückzunehmen.

Auch ästhetisch widersetzte er sich der Übertreibung. Während viele Zeitgenossen ihre Identität über Mode, Frisuren oder stilistische Brüche definierten, blieb Young erstaunlich konstant. Seine Eleganz war nie modisch, sondern funktional. Diese Haltung übertrug sich auf die Musik: Arrangements, die der Stimme Raum geben; Produktionen, die modern klingen, ohne sich anzubiedern.

Gelebte Zeit

Dass diese Zurückhaltung kein Mangel, sondern ein Programm war, zeigt sich besonders jenseits der Chartjahre. Youngs spätere Arbeiten – stärker dem Blues, dem Jazz und der handgemachten Musik zugewandt – wirken nicht wie ein Altersstil, sondern wie eine logische Fortsetzung. Er kehrt nicht zurück zu den Wurzeln, weil er sie nie verlassen hat. Wenn er singt, klingt es nach gelebter Zeit, nicht nach musealer Erinnerung.

In einer Popgeschichte, die gern zwischen Genies und Epigonen unterscheidet, fällt Paul Young aus dem Raster. Seine Songs drängen sich nicht auf; sie warten. Man hört sie nicht, um etwas zu fühlen – sondern um genauer zu fühlen. Oder, um es mit einer seiner zentralen Zeilen zu sagen: Es geht nicht darum, wo der Hut liegt. Sondern darum, was bleibt, wenn man ihn abnimmt.

Auch mit 70 hat Paul Young nicht vor, in Rente zu gehen. Eine Tournee ist geplant von April bis Juni, allerdings ohne Konzerte in Deutschland. Sein letztes Album „Behind The Lens“ ist 2023 erschienen.

x