75. Berlinale
„Yunan “ führt einen Syrer auf eine Hallig
Munir (Georges Khabbaz) ist ein in Hamburg lebender Autor, der in einer Krise steckt. Zur Ruhe kommen möchte der gut 50-Jährige, den eine Schreibblockade, eine unerklärliche Kurzatmigkeit und die fortschreitende Demenz seiner Mutter in der alten Heimat aus der Bahn werfen.
In gewisser Weise ist er ein Spiegelbild seines Autors, des Filmemachers Ameer Fakher Eldin. Dieser ist ein 1991 in Kyiw geborener, aber auf den von Israel beanspruchten Golanhöhen aufgewachsener Syrer, der später nach Tel Aviv zog und seit 2020, als sein erster Film erschien, in Deutschland lebt. Kino ist seine Leidenschaft, seit er als Kind heimlich, ohne Ton, Filme im Fernsehen schaute, wenn die Eltern schliefen. Später war er Dauergast in Tel Avivs Kinemathek, hier liefen die Klassiker mit Ton. Dennoch setzt er, ein Fan von Tarkowski, Angelopoulos und wohl auch Béla Tarr, wie „Yunan“ nahelegt, auch in seinem Berlinale-Debüt vor allem auf beredtes Schweigen. Und auf heftiges Atmen – wie Munir leidet Fakher Eldin selbst an nicht organisch bedingter Atemnot, sagte er im Vorfeld der Premiere.
Eine Schreibblockade
Sein Filmheld Munir ringt einerseits damit, dass die richtigen Worte für sein Romanprojekt nicht kommen wollen. Aber sein Leiden hat auch mit der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit zu tun, auch wenn Fakher Eldin keineswegs offensichtlich vom Umgang mit Geflüchteten in Deutschland erzählt.
Hilfreich ist aber zu wissen, dass der Filmtitel „Yunan“ auf den biblischen Jona verweist, der einer Stadt den Untergang verkünden soll, sich aber erst nach seiner Zeit im Bauch eines Wals dazu bereit fühlt – und da die Stadtbewohner einsichtig sind, wird ihre Heimat sogar verschont.
Warten auf die Flut
In „Yunan“ besucht Munir eine Hallig: Langeneß. Hier kommt er bei der zunächst etwas reservierten Gastwirtin Valeska (Hanna Schygulla) unter. Ihr Sohn Karl (Tom Wlaschiha) hält Distanz. Valeska aber nimmt den stillen Munir, den der Lebensmut zu verlassen scheint, unter ihre Fittiche. Sie rät ihm, doch mal das Gegenteil von schnell atmen zu versuchen. Und nicht so scheu zu sein. Karl sei nur so reserviert, weil sie Munir sein Fahrrad gegeben hatte, ein Erbstück des verstorbenen Vaters.
Tatsächlich begegnet Munir keine Feindseligkeit. Karl jedoch taut erst auf, nachdem sich Munir auf einen kleinen Ringkampf mit ihm einlässt. „Sie müssen nicht allein sitzen“, lädt Karl ihn darauf in die friesische Kneipengemeinschaft ein, die inbrünstig „Fresenhof“ von Knut Kiesewetter schmettert. Worauf Valeska auch eine CD mit arabischen Klängen abspielt. Zwischen dieser Annäherung aber liegt, schließlich sind wir auf einer Hallig und bei Jona: eine Flut.
Fast wie bestellt, habe es beim Dreh im Oktober 2024 auf Langeneß tatsächlich „Land unter“ gegeben, berichtet der Regisseur. Und ihm gelingen wahrhaft tief beeindruckende, meditative Bilder der steigenden Wassermassen, der untergehenden Wiesen und des weiten Himmels.
Der Wal in der Wüste
Ein Wal taucht in der zweiten Erzählebene des Films auf, einem Hirtenmärchen, das einst Munirs Mutter erzählte. Ein stummer Schäfer und seine ebenfalls stumme, traurige Frau sind die Protagonisten. Er ging fort und kehrte wieder, ohne wirklich weg gewesen zu sein, heißt es darin über den Schäfer „ohne Mund, ohne Nase, ohne Ohren, so wie der Mond“. Und ein halbvolles Glas, das nie eingeschenkt wurde, gehört ebenfalls zur rätselhaften Erzählung, die Fakher Eldin mit Sibel Kekilli als auch verführerisch lächelnde Schäfersfrau in einer Wüstenödnis vergegenwärtigt.
Um die Frage, wie Heimat sich ändern kann, also geht es, um das Finden neuer Zuversicht, auch im Exil. Und ums Loslassen. „Yunan“ erzählt dies als wahrhaft internationale Produktion – beteiligt sind neben Deutschland unter anderem Kanada, Katar, Jordanien, Saudi-Arabien – vielleicht zu ambitioniert und zu deutlich. Dennoch verzaubert der Film vor allem mit seinen starken Bildern und dem stimmig gewählten Hallig-Personal, wenn auch Hanna Schygulla sich in ihrer Rolle nicht vollends wohl zu fühlen scheint.
Ein Bär mag möglich sein. Stärkere Anwärter auf die Hauptauszeichnung sind aber die beiden Filme aus Südamerika. „The Blue Trail“ aus Brasilien ist ein Roadmovie, in dem die 77-jährige Teresa auf große Fahrt geht: In der leichten Dystopie von Gabriel Mascaro müssen alle Alten Brasiliens nun nicht mehr mit 80, sondern mit 75 in eine „Kolonie“ ziehen und dürfen nichts mehr selbst entscheiden. Doch Teresa hat noch Träume: Sie möchte einmal in einem Flugzeug fliegen. Und, was sie selbst erstaunt: ein Schiff über den Amazonas steuern. „The Blue Trail“ mit der großartigen Denise Weinberg ist ein Film über eine späte Emanzipation, der ebenfalls mit überraschenden Bildern fasziniert – und einem schön warmherzigen Ton.
Auch „El Mensaje“ (Die Nachricht) aus Argentinien ist ein Roadmovie und beobachtet sein Personal mit liebevollem Blick: Porträtiert werden Myriam und ihre Enkelin Anika, die über Land fahren und Hoffnung verkaufen: Anika könne mit Tieren kommunizieren, entlaufenen Katzen, verstorbenen Hunden oder auch einer Schildkröte. Ein Betrug? Nicht unbedingt, denn Myriam und Anika – der Film gibt sparsam nur je zwei „Visionen“ der beiden wieder – nehmen ihre Aufgabe ernst.
Melancholie herrscht dennoch vor auf dieser schier ewigen Reise durchs Land: Anikas Mutter lebt in einer Einrichtung für psychisch Kranke. Filmemacher Iván Fund erklärt hier nichts, lässt in seinem bestechend in Schwarz-Weiß fotografierten Film viel Raum für eigene Gedanken. Und so bewundert das Publikum bald diese Schicksalsgemeinschaft, zu der noch ein früherer Schauspieler, zuständig fürs Finanzielle, gehört. Viel braucht es nicht, um voranzukommen, zeigt „El Mensaje“. Nur ein wenig Glaube daran, dass alles besser werden kann.