Kulturförderung
Wo der Schuh drückt
15,5 Millionen Euro will Rheinland-Pfalz für sein Corona-Hilfsprogramm „Im Fokus“ ausgeben, gerichtet an Kultureinrichtungen und Künstler. 7,5 Millionen Euro gibt es für je mit 2000 Euro dotierte Künstler-Arbeitsstipendien (Punkt 1). Antragsberechtigt sind die rund 5200 Künstler, die im Land Mitglieder der Künstlersozialkasse sind, informierte das Kulturministerium auf Anfrage. 4,5 Millionen Euro umfasst der Topf „Neustart“ für vom Land bereits geförderte Einrichtungen (Punkt 2). Wie hoch hier eine Förderung ausfallen kann und wofür, ist nicht festgeschrieben, teilte das Ministerium mit. Es werde im Einzelfall entschieden. Zwei Millionen Euro sind für Vereine in Existenznot vorgesehen (Punkt 3), maximal gibt es 12.000 Euro. Und bis 10.000 Euro aus einer Million Euro können Kultureinrichtungen aller Art beantragen, die ins Digitale investieren wollen (Punkt 4). Mehrfachförderungen sind ausgeschlossen. Also gilt es für Vereine und Künstler zu überlegen, welche Hilfe am besten passt. Punkt 5 (500.000 Euro) wiederum betrifft allein Programmkinos, Punkt 6 (schon vergeben) den Umgang mit veränderten Kultursommerprojekten.
Zwei Hürden bei Vereinshilfe
Dieter Krücken, Projektleiter des Kinder- und Jugendzirkus Pepperoni in Rockenhausen, wollte umgehend Vereinsförderung beantragen: „Die Situation ist bedrohlich für uns.“ April bis Juli ist die Hochsaison des Vereins, der mit seinen vier hauptamtlichen Kräften vor allem in Ganztagsschulen arbeitet, Projekttage organisiert und Ferienangebote macht. „Wir zittern um unsere Ferienspielaktionen“, sagt Krücken. Normalerweise buchten vor allem Kommunen die Programme, noch sei offen, ob sie im Sommer laufen können.
Derzeit fließen noch Gelder aus Schul-Etats, da die Verträge fürs ganze Schuljahr gelten und man auch Notbetreuung mache. Doch Krücken sorgt sich um die Zukunft: Man könne kaum weitermachen, sollte der Betrieb nächstes Schuljahr nicht regulär stattfinden und keine neuen Verträge abgeschlossen werden können. „Unsere Verdienstausfälle sind das Problem“, unterstreicht er. Und diese decke bisher kein Hilfsprogramm ab. So habe man auf die „Im Fokus“-Vereinshilfe gehofft, wo man diese geltend machen kann. Doch darf sich „Pepperoni“ gar nicht bewerben: „Im Fokus“ unterstützt nur gemeinnützige Vereine, die nicht umsatzsteuerpflichtig sind. Und der Zirkus ist umsatzsteuerpflichtig. Krücken hofft nun, dass dieser Passus noch gestrichen wird: „Das würde uns total helfen.“
Einen anderen Haken der Vereinshilfe beklagt der Landesmusikverband: Nur Vereine, die bereits Ansparungen vollständig verbraucht haben, sind antragsberechtigt. „Unsere Vereine geraten gerade in größte Not. Im Sommer generieren Vereine und Musiker durch Auftritte und Einnahmen bei Festen ihren finanziellen Grundstock, um dann mit Rücklagen den Winter bis zur ersten Hälfte des neuen Jahres finanziell abdecken zu können“, führt dazu Präsident Achim Hallerbach aus. Mit den Rücklagen finanziere man Anschaffungen, Mieten und Gehälter. Müssten sie aufgelöst werden, ginge das „an die Fundamente unserer Vereine“. Hallerbach befürchtet ein Vereinssterben.
Das Programm „Neustart“
Einrichtungen, die zum Beispiel als Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Soziokultur und Kulturpädagogik Rheinland-Pfalz bereits jährlich bezuschusst werden – wie auch der Zirkus „Pepperoni“ – können jedoch auch Hilfe aus dem „Neustart“-Programm beantragen. Wie viele Kulturermöglicher genau damit gefördert werden können, lässt sich laut Kulturministerium „derzeit noch nicht beziffern, weil wir erst einmal mit den betreffenden Einrichtungen die Bedarfe definieren müssen“, ergab eine Anfrage. Die Zahl der „antragsberechtigten Einrichtungen dürfte – unter Vorbehalt – bei rund 100 liegen“. Im Schnitt stehen also theoretisch 45.000 Euro pro Einrichtung bereit; eine mögliche Alternative für Dieter Krückens „Pepperoni“. Zumal eine kleine Umfrage bei drei anderen Pfälzer Berechtigten ergab: Nur ein Verein möchte vorerst diese Hilfe nutzen.
1500 Euro hat der Neustadter „Kulturverein Wespennest“ beantragt, erläutert der dort fürs Finanzielle zuständige Hans Eber-Huber. Der Verein sei wie viele andere derzeit in finanzieller Notlage. Alle Konzerte, Kleinkunstabende oder Seminare im Haus in der Friedrichstraße mussten ausfallen. Dort organisiert der Verein in der Gaststätte Konfetti und im Raum darüber Veranstaltungen, vermietet diesen auch teils an Theatergruppen, Zauberer oder politische Gruppen. „Diese Einnahmen sind weggebrochen. Im März hätten wir die Räume jeden Tag belegt gehabt.“
Auch die „Akkordeonale“ im Saalbau und das ab heute geplante Kulturweinfest auf der Haardt mit dem Festival „Stimmen der Welt“ mussten ausfallen. Mit dem Ausschank dort konnte ein Großteil der übrigen Konzerte der Saison finanziert werden. „Das hat uns übers Jahr immer gerettet.“ Denn es gebe „keine Kleinkunstveranstaltung, bei der man nicht draufzahlt“, zählt er Gagen, Gema-Gebühren, Steuern, Hotel- und Technikkosten auf. Hinzu kämen eigene Miet- und Nebenkosten, Versicherungen. Als Mitglied der LAG Soziokultur bekomme das Wespennest zwar 10.000 Euro Zuschuss jährlich vom Land, zudem 3000 Euro von der Stadt. „Das haut aber immer gerade so hin.“
Derzeit fielen zwar einige Kosten weg, doch blieben ja die Fixkosten und die Werbeausgaben, Flyer und Plakate waren schon lang gedruckt. Und man möchte zwei Projektmitarbeiter doch mit Aufwandsentschädigungen unterstützen. Der Verein selbst arbeitet ehrenamtlich. Aus „Neustart“ beantragte Eber-Huber mit 1500 Euro jedoch bewusst keine hohe Summe: „Es gibt Häuser, denen geht es viel schlechter.“
Sorge bereitet ihm aber die Zukunft. Für Herbst und für 2021 seien bereits Verträge mit Künstlern gemacht, bei denen mit einem normal großen Publikum kalkuliert wurde, fürs Konfetti mit 90, fürs Kino Roxy mit 170 Besuchern. Konzerte sind nun zwar ab 27. Mai wieder möglich. Doch sind Auflagen zu erwarten – sie werden gerade erarbeitet –, wodurch man die Räume wohl nur zu einem Drittel füllen könne. „Da fliegt uns die ganze Finanzierung um die Ohren“, sagt Eber-Huber. Pro Konzert könnten sich „bis 2500 Euro Miese“ ergeben. Daher hofft er, dass es in diesem Fall noch weitere Förderungen gibt. „Da müsste das Land noch etwas zugeben.“
Andere Mitglieder der LAG Soziokultur wie der Kunstverein Ludwigshafen, dessen Jugendkunstschule vom Land mitfinanziert wird, haben weniger Einbußen. „Wir haben Alternativprogramme gemacht, also Päckchen für die Eltern und Kinder gepackt“, berichtet Stefanie Schubert. Zusatzgeld aus dem „Neustart“-Topf sei dafür aber nicht notwendig. „Das rechnen wir über die Jahresförderung ab“, sagt sie und freut sich, dass in der Jugendkunstschule nun wieder Unterricht erlaubt ist.
Keine Zusatz-Förderung will auch der Förderverein des Badehaisel Wachenheim stellen, „andere drückt der Schuh mehr“, sagt der zweite Vorsitzende und Programmgestalter Felix Hammann solidarisch. Man habe ja das Badehaisel für einen symbolischen Betrag von der Stadt gepachtet. Und die Jahresförderung vom Land und Geld für zwei Kultursommerprojekte, die nun überdacht werden, fließen weiter. Damit ließe sich arbeiten.
Hammann sorgt sich indes um die Künstler, die ohne Einnahmen dastehen und in Rheinland-Pfalz kaum Geld aus dem Soforthilfe-Paket für Solo-Selbstständige bekämen. „In Baden-Württemberg sind sie großzügiger“, weiß er von befreundeten Musikern. Musiker mit Livestreaming-Formaten zu unterstützen, was nun auch vom Land gefördert werde, sei jedoch keine Option: „Wir haben kein Breitband“, erläutert Hammann ganz grundlegende Probleme eines Kulturveranstalters abseits der Großstadt. Die Internetverbindung sei nach wie vor ein Riesenproblem, nicht nur in Wachenheim.
An regulären Konzertbetrieb im Badehaisel, das als Kneipe seit November an einen neuen Pächter vergeben ist, der nun zumindest den Außenbereich wieder öffnen konnte, glaubt Hammann zunächst auch nicht: Angesichts der Abstandsregeln ließe sich „wirtschaftlich kein Konzert abhalten“, untermauert er die Einschätzung seines Kollegen aus Neustadt.
Die Stipendien-Lösung
Auf Livekonzerte auch in neuem Rahmen dagegen hofft Michael Halberstadt, selbst Musiker und Betreiber des Kulturclubs Salon Schmitt in Kaiserslautern, der wiederum nicht in der LAG ist oder bisher anders vom Land gefördert wird („das ist eine Lücke bei uns“). Damit kann der Gitarrist nur Geld aus dem ersten Fördertopf – Arbeitsstipendien – für sich selbst beantragen.
Kürzlich hatte er einen ersten Auftritt vor Publikum: im Hof eines Kaiserslauterer Altenheims. Die Bewohner lauschten an den Fenstern oder von der Terrasse aus. Halberstadt tritt als Musiker solo auf sowie mit der interkulturellen, auch vom Land bereits ausgezeichneten Band Shaian, entstanden aus einem Projekt mit in Kaiserslautern heimisch gewordenen Geflüchteten. Zudem organisiert er im Salon Schmitt Konzerte: „Ab März hätte ich 64 Termine gehabt“, zählt er die Ausfälle auf. Nach dem ersten Schock habe er Soforthilfe beantragt und für den Kulturclub auch bekommen. Für sich selbst musste er Grundsicherung beantragen. Das Geld sei eine Erleichterung, doch weiß er, dass er nur 100 Euro als Musiker monatlich zum Hartz-IV-Grundsatz von 432 Euro und der Mietkostenübernahme dazu verdienen darf. Auftrittshonorare müsse er auf jeden Fall verrechnen.
Froh ist er daher, dass er sich dennoch für ein Landes-Arbeitsstipendium qualifiziert: Die 2000 Euro werden nicht auf die Grundsicherung angerechnet. Und das Geld soll auch flott fließen: Die Anträge, die – so das Land auf Rückfrage – Mitarbeiter/innen des Kulturministeriums und der Geschäftsstelle der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz prüfen und chronologisch bearbeiten , sollen 14 Tage nach Eingang bewilligt und ausgezahlt werden. Juriert wird also nicht.
Innovative Projekte hat Halberstadt jede Menge in petto. Wobei Streaming schon wieder out sei. „Tendenz wird sein, Gebäude zu bespielen.“ Eine der Ideen: Treppenkonzerte vorm Museum Pfalzgalerie – wenn es klare Richtlinien zu den Auflagen gibt. Zudem will er wieder im Salon Schmitt Konzerte veranstalten. Auch ohne Landesförderung. Das passe ohnehin zu seinem Konzept als Veranstalter: „Je unabhängiger, desto freier.“ Kommentar