Berlin RHEINPFALZ Plus Artikel Wird die Hauptstadtkultur kaputtgespart?

In der Kritik: Berlins Kultursenator Joe Chialo.
In der Kritik: Berlins Kultursenator Joe Chialo.

Unumkehrbarer Kahlschlag droht: Die drastischen Sparpläne des Berliner Senats im Kulturetat führen zu großer Empörung in der Szene.

Es geht an die Substanz, wenn nicht sogar um die Existenz. „Beenden Sie nicht“, appellierte Barrie Kosky an den Berliner Senat, „was die Nazis begonnen haben.“ Der langjährige ehemalige Intendant der Komischen Oper erinnerte jetzt in einem Offenen Brief daran, wie das 1892 eröffnete Musiktheater bis 1933 von jüdischen Künstlern geprägt wurde und wie stark es heute durch den Rotstift in seinem Fortbestand gefährdet ist. Noch im Spätsommer versicherte Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU), dass trotz notwendiger Sparmaßnahmen die Sanierung des Stammhauses weitergehe. Nach den drastischen Kürzungen des Kulturetats sollen nun jedoch durch einen Baustopp rund zehn Millionen Euro 2025 gespart werden. Koskys Besorgnis, das Haus spricht von einer „doppelten Katastrophe“, ist nachvollziehbar. Ein Stopp der Baumaßnahmen für zwei Jahre führt zwangsläufig zu einer Verzögerung der Wiedereröffnung um mindestens vier Jahre – und erfahrungsgemäß zu einer enormen Preisexplosion. Zumal der Komischen Oper, die seit Sanierungsbeginn im früheren Schillertheater zu Gast ist, im kommenden Jahr auch noch neun Prozent des Etats gekürzt werden.

130 Millionen Euro werden gestrichen

Insgesamt werden 2025 130 Millionen Euro des Kulturbudgets gestrichen. Eine solch harten Einschnitt von fast zwölf Prozent hat es zuvor noch nie gegeben. Und es ist erst der Anfang: für die Jahre 2026 und 2027 sind Kürzungen in ähnlicher Höhe angekündigt. Sollten die Sparpläne nicht rückgängig gemacht werden, verliert die Kultur in Berlin innerhalb von drei Jahren rund ein Drittel ihrer Zuwendungen. Unter diesen Bedingungen ist es fraglich, ob die Komische Oper, eines der weltweit ältesten und innovativsten Häuser seiner Art, dann tatsächlich die Mittel erhält, um die Sanierung zu beenden. „Am Fall des Schillertheaters haben wir ja bereits gesehen, dass nie mehr zurückkommt, was einmal weggespart wurde“, erklärte Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles. Sein Theater soll im kommenden Jahr zwei Millionen einsparen, wie auch die Schaubühne und die Volksbühne, das Deutsche Theater sogar drei Millionen.

„Es ist fraglich“, meint Reese, „ob irgendjemand die geforderten Summen in so kurzer Zeit überhaupt einsparen kann, selbst bei gutem Willen – denn den haben wir. Außerdem können Ausfallzahlungen entstehen und Einnahmen wegbrechen – es ist ein Teufelskreis.“ Das sind Sätze, die können gerade alle Verantwortlichen im Kulturbetrieb der Hauptstadt unterschreiben. Die großen Institutionen der klassischen Musik müssen mit knapp 20 Millionen Euro weniger klarkommen. Hart trifft es auch Museen, Kunstvereine, Gedenkstätten, Musikschulen, Kinos und Literaturhäuser.

Kritik am Regierenden Bürgermeister

Die Empörung in der Szene ist gewaltig, sie zielt vor allem auf Chialo, aber auch auf CDU-Regierungschef Kai Wegner. Der Kultursenator konnte sich im schwarz-roten Senat, der insgesamt drei Milliarden Euro für 2025 einsparen muss, mit einem Minus von maximal zehn Prozent des Etats nicht durchsetzen. Dem früheren Musikmanager (Universal) fehle der Zugang sowohl zur Hochkultur wie zur vielfältigen freien Szene, heißt es. Für Chialo müsse Kultur wie die Popmusik massentauglich und gut verkäuflich sein. Für das Sterben der Clubszene, die die Jugend aus aller Welt nach Berlin lockt, hatte er nur den lapidaren Satz übrig: „Wir müssen die Regeln des Marktes akzeptieren.“ Der Sohn einer tansanischen Diplomatenfamilie sollte der eher altbackenen Hauptstadt-Union zu mehr Lässigkeit verhelfen. Doch nicht nur wegen seines handzahmen Auftretens bei den Haushaltsverhandlungen gilt Chialo nach anderthalb Amtsjahren als Fehlbesetzung.

Der Senatschef wiederum lässt sich mit seiner Partnerin, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), gern beim Eishockey, Fußball und Schlagerfestival ablichten; mit Bühnen aller Art scheinen sie zu fremdeln. Während der frühere Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) und der langjährige Kultursenator Klaus Lederer (Linke, inzwischen ausgetreten) mit der Berliner Kulturlandschaft erfolgreich (nicht nur um Touristen) geworben haben und sie mit Einschnitten weitgehend verschont haben, droht in den nächsten Jahren ein irreversibler Kahlschlag. Die bisherigen Kürzungsbeschlüsse, meint Daniel Wesener, der kulturpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, „übertreffen die schlimmsten Erwartungen, ihre Auswirkungen auf die Kulturmetropole Berlin werden geradezu apokalyptisch sein.“

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