Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Wir neuen Biedermeier: Wie uns die Coronaviruskrise verändert hat

Sicher ist sicher.
Sicher ist sicher.

Die Coronaviruskrise hat uns schon verändert, zurück in die Zukunft. Die Großstadt erscheint als gefährlich, das Einfamilienhaus im Grünen als sicherer Hort. Notgedrungen wird der Rückzug in die Kernfamilie angetreten. Das soziale Leben, Privatsache. Das Autokino erlebt eine Renaissance. Werden die 2020er die neuen 1950er-Jahre?

Es ist einiges ins Rutschen geraten, seit die Pandemie das Dasein beherrscht und Stubenhockerei eine Tugend ist. Und sei es, dass die stillgestellte Führungskraft zuhause mit Excel-Tabellen über den Garagenbestand an Blumentöpfen den fein justierten Mikrokosmos Familie stört. Es auffällt, dass die durchdesignte Wohnung als Kita nicht taugt. Oder, dass sich der Küchentisch als zu klein erweist, um gleichzeitig Schreibtisch, Schul-Ersatzbank und das Teil zu sein, auf dem der Kuchenteig ausgerollt wird. Und dann nervt der selbstrepräsentativ installierte Nippes auf Dauer. Und wie schnell fällt einem die Decke auf den Kopf, wenn man – aus energetischen Gründen – nicht einmal das Fenster öffnen darf. Zu schweigen davon, wenn man weniger luxurierende Probleme mit dem zu Hause bleiben hat.

In der Krise ist es in der Stadt wie auf dem Dorf, nur schlechter

Besonders symbolhaft für ein völlig neues Gefühl aber, steht das Microapartment. Bisher so etwas wie der Inbegriff der adäquaten Wohnform urbanen Lebens, das heißt, vor allem weil man sich mehr nicht leisten kann als 40 Quadratmeter für 1000 Euro warm. Drin kommt es einem, wenn das Draußen wegfällt, plötzlich wie in einer Gefängniszelle vor. Und überhaupt ist, wenn man so wohnt, beengt, in der Masse, besonders rapide die Frage in der Welt, was denn das soll: das Leben in der Großstadt, der Metropole?

Der Wunschort vieler (bisher) ist in der Coronaviruskrise prekär geworden. Da, wo sich die Wirtschaftskraft bündelt, man sich trifft, die Kreativen sind, die Kinos, die Theater, die Museen, die Konzerthallen, die Kneipen, die Fitnessstudios und das Stadtstrandcafé im Sommer aufmacht. Plötzlich ist da nämlich – nichts. Leere Straßenfluchten gähnen. Der Bäcker hat geöffnet, der Supermarkt. Sonst? Fehlanzeige. Absperrbänder flattern im Wind. Früher spielte hier das Leben, jetzt plötzlich ist es faktisch wie auf dem Dorf. Nur schlimmer – weil kein Garten vorhanden, Kein Gartentor, über das man ins Gespräch kommt. Und im Zweifel kein Wald, in den man immer noch gehen kann, joggen, was weiß ich: dichten. Kein Hochsitz mit Ausblick, nirgends.

Der sicherste Ort ist jetzt der, von wo man wegwollte

Gerade, was die Metropolen lebenswert macht, das ist jedenfalls die Erfahrung der Stunde, ihre Dichte, die öffentlichen Plätze, der eng getaktete Personennahverkehr, das soziale Leben, entpuppt sich jetzt als Gefahr. Tödlich, womöglich. Obwohl das Virus ja keine Unterschiede macht, ob jemand aus Dusenbrücken kommt oder Buenos Aires. Aber die Großstädter trifft es härter, wie sich etwa der Covid-19-Statistik für Deutschland entnehmen lässt, die die Anzahl der Erkrankten pro 100.000 Einwohner festhält.

Angeführt wird sie von München, Berlin und Hamburg. München zählt 329 Fälle je 100.000 Einwohner. In Pirmasens, rund 40.000 Einwohner, Stand Freitag, haben – offiziell - 27 Menschen Covid-19: 7,4 auf 10.000 Einwohner gerechnet. Und in meinem Heimatdorf, rund 1600 Einwohner, kennt man einen mit Namen – auch ohne Tracker. So kommt es, dass das Virus gerade auch die Idee der Stadt und der Öffentlichkeit ins Wanken bringt. Und zu befürchten ist, dass das Unbehagen stärker wird bei jeder neuen Epidemie, die es lebensnotwendig macht, anderen aus dem Weg zu gehen – bei der man Klopapier, Angst und Frust hamstert.

Als es in den USA losging mit Corona, sind viele privilegierte New Yorker in ihre Landhäuser geflohen, gleichwohl um dort von dem Virus eingeholt zu werden. Die Jüngeren zogen aus der Stadt zu ihrem Eltern zurück nach New Jersey, Minnesota, Wisconsin oder in die Vororte, Zurück dahin, von wo sie früher wegwollten. Wo niemand einem auf den Straßen entgegenkommt, nichts nah genug ist, dass es zu Fuß erreicht werden kann und man sich hauptsächlich in der Privatsphäre der eigenen vier Wände begegnet. Es ist gerade der Platz, wo man sich sicher fühlt.

Es ist paradox: Ökologisch wäre das Wohnen auf engstem Raum dringend geboten, weil das die fortschreitende Zersiedlung und den Flächenverbrauch reduziert. Aber im Windschatten der Epidemie ist eher das Ende der Hochhäuser und des sozialen Wohnungsbaus zu befürchten, Die fatale Rückkehr der autogerechten Stadt, weil das gute alte Eigenheim weiter Aufschwung bekommt, abgegrenzt mit Gabionen-Mauer, weg von der Stadt im Irgendwo des suburbanen Raums gelegen, Vielleicht sogar mit privatem Quarantäneraum wie in Mies van der Rohes Villa Tugenhat in Brünn und dem Haus Müller von Adolf Loos.

Schon sieht man mit kupfernen Küchen, kupfernen Wasserhähnen, kupfernen Badezubern verschönte Trutzburgen vor sich. Das Halbedelmetall reagiert im Gegensatz zu poliertem Edelstahl antibakteriell und virophob. Draußen steht der SUV geparkt. Man fährt jetzt wieder lieber mit dem eigenen PKW als dichtgedrängt im Bus oder der S-Bahn zu stehen. Keine Frage, das Virus hat uns schon verändert. Zurück in die Zukunft.

Denn wer genauer hinsieht, bemerkt die schleichende Rückkehr eines neuen Biedermeier. Die Konzentration auf die in einem Haushalt zusammenlebende Kernfamilie, die einzige Gruppe, in der man sich draußen frei bewegen kann. Den Rückfall der Mütter in alte Rollen, weil der Mann sich beim Homeschooling und der Essenszubereitung wieder einmal als Nulpe erweist. Nicht zu verschweigen, die Zunahme der häuslichen Gewalt.

Es ist wie im Krieg: Die Frauen halten das System aufrecht

Die Autokinos erleben eine Renaissance, die Clubs eine Götterdämmerung. Die fünfziger Jahre blühen in den 2020ern. Und wenn man etwa bedenkt, dass zum Beispiel die meisten Pflegekräfte im Einsatz („an der Front“), oder die, die systemrelevant an der Supermarktkasse sitzen, Frauen sind – dazu noch die höhere Covid-19-bedingte Sterbewahrscheinlichkeit der Männer: dann erinnert das doch stark an noch frühere Zeiten. An die Vierziger. Allerdings mit einem sehr sehr großen Unterschied: Damals herrschte, um die Kirche im Dorf zu lassen, wirklich Krieg.

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