Kultur „Wir überlegen sehr genau, was wir verkaufen“
Es ist der jüngste Aufreger der Debatte über den Diskurs mit Rechten. Die Autorin Margarete Stokowski („Die letzten Tage des Patriarchats“) hat eine ausverkaufte Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl abgesagt, weil dort auch Bücher von teils rechtsextremen Autoren im Regal stehen. Der Geschäftsführer der als linksliberal geltenden Buchhandlung hat sie dafür öffentlich kritisiert. Sein Argument: Man müsse sich mit rechten Gedanken beschäftigen, um sie anzugehen. Wie halten es die Buchhändler der Region? Eine Rundfrage.
Um es gleich vorweg zu sagen: Niemand bei uns hier hat in seiner Buchhandlung eine rechte „Schmuddelecke“. Auch nicht eingebettet in kritische Gegenpositionen wie bei Lehmkuhl in München-Schwabing, wo Margarete Stokowski nicht lesen wollte, weil dort zum Beispiel Rolf Peter Sieferles „Finis Germania“ im Regal steht. In dem Buch des Historikers firmiert Hitler als „unzeitgemäßer Bösewicht“ und Einzeltäter. Und die Deutschen als unschuldige Opfer der Umstände in der Nazi-Zeit. Es geht ja bei dem Fall nicht um die jüngsten Invektiven von Thilo Sarrazin, das Werk eines „SPD-Mitglieds“, wie der Speyerer Buchhändler und CDU-Landtagsabgeordnete Gerhard Reinhard Oelbermann bemerkt. Stattdessen Bücher des Antaios-Verlags von Pegida-Aktivist Götz Kubitschek wie „Die Spurbreite des schmalen Grats“ oder „Mit Linken leben“ von Carolin Sommerfeld und Martin Lichtmesz, die jenseits des staatsbürgerlichen Korridors liegen. Sarrazin verkaufen alle, ob bei Oelbermann, der außer dem Haupthaus in Speyer Filialen in Schifferstadt und Limburgerhof betreibt, eingereiht in die Sachliteratur zu den Themen Politik und Zeitgeschehen. Oder nur auf Bestellung wie in der Landauer Buchhandlung „Trotzkopp“ von Margit Thorwart-Rocker und dem Kaiserlauterer Geschäft „Blaue Blume“, in dem Sarrazin-Bücher ganz bewusst nicht ausgelegt werden. „Wir überlegen schon sehr genau, welche Bücher wir vorrätig haben“, sagt Katja Scheithauer, seit 25 Jahren dort Mitarbeiterin von Besitzer Morphy Burkhart. Das sei doch heute die Aufgabe eines Sortimenters, eine Auswahl zu treffen und für etwas zu stehen. Sarrazin passe nicht ins „Blaue Blume“-Profil, das Scheithauer als „literarisch engagiert und mit linker Tradition“ beschreibt. Und die Fachliteratur der Neuen Rechten sowieso nicht. Margit Thorwart-Rocker sagt, sie habe schon einen – dann wutentbrannten – Kunden weggeschickt, der ein Buch des wegen Volksverhetzung rechtskräftig verurteilten Antaios-Autors Akif Pirincci bestellen wollte. Auch Jasmina Djordjevic, der unter anderem die Buchhandlung Sattler in Kirchheimbolanden gehört, erzählt, sie hätte Pirincci ausgelistet. Von einer Bestellverweigerung allerdings hält sie allgemein genauso wenig wie der Speyerer Oelbermann. Beide meinen auch gleichlautend, sie wollten ihre Kundschaft nicht „belehren“. „Wir müssen auch kaufmännisch denken“, schränkt Djordjevic ein, „bei der Buchhandelsdichte würde sich das Buch anderswo besorgen, wer er es bei uns nicht bekommt“. Wenn schon, müsse eine rechtliche Regelung her, um Bücher zu verbieten. „Niemand von uns würde etwas Rechtsnationales einkaufen, um es im Sortiment zu führen“, sagt Oelbermann, „aber wir verweigern auch niemandem, ein Buch zu bestellen“. Bei Bücher Bender in Mannheim indes, eigentlich bekannt dafür, dass hier kleine, vor allem auch linke Verlage wie Rotbuch gehätschelt werden, sind die in diesem Umfeld als „Igitt“ geltenden Werke der Neuen Rechten mitunter sogar vorrätig – wenn auch nicht in einer eigenen Abteilung. Mechthild Sander, bei Bender zuständig für die Abteilung Sachbuch, inklusive Politik, Zeitgeschichte und Philosophie, erzählt, Verlage wie Antaios oder manuskriptum böten ihr Programm von sich aus nicht an, ihnen zumindest. Sie hätten die Sachen angeschafft, weil sie von Kunden darauf angesprochen worden seien. Einem bürgerlichen Publikum wohlgemerkt, das interessiert sei und kaufkräftig und dem Bender-Sortiment zugeneigt. Die einschlägig rechtsgesinnte Kundschaft bestünde aus vielleicht fünf Leuten, mit denen zu diskutieren nichts bringe. Von den anderen indes wisse sie genau, dass sie ein Buch wie „Mit Linken leben“ aus quasi ethnologischem Interesse läsen. Außerdem seien sie, was Gegenpositionen betrifft, äußerst gut sortiert. Sander hat auch eine klare Meinung zu der Absage von Margarete Stokowski, die sie von ihren Lesungen in ihrer Buchhandlung kenne. „Nicht immer ist so ein Rückzug gut“, sagt sie. Stokowski habe mit ihrer fast krampfhaft politischen Aktion das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Sander ist ganz bei der Lehmkuhl-Position. Es sei geradezu ein Verdienst, dass der Münchner Kollege den Disput mit der Schriftstellerin öffentlich gemacht habe. Auch Reinhard Oelbermann, der findet, sie selbst würden mit ihrer Verkaufspolitik neuer rechter Literatur etwas kneifen, lobt diesen Mut. „Die Diskussion darüber“, sagt er, „ist wichtig und gut“. Die Auffassung ist bei unserer Rundfrage Konsens. Selbst „Blaue Blume“-Mitarbeiterin Katja Scheithauer, die Stokowskis Absage „akzeptabel“ findet, obwohl ihre und die Buchhandlung Lehmkuhl ähnliche Profile hätten, meint, die Autorin wäre besser damit gefahren, ihre Lesung als Forum zu nutzen. Zur öffentlichen Meinungsbildung. In Kirchheimbolanden indes scheint diese bereits abgeschlossen. „Das Problem Neue rechte Literatur ist bei uns im Laden nicht relevant“, sagt Jasmina Djordjevic von der Buchhandlung Sattler, „es würde sofort die Runde machen, wenn jemand dabei gesehen würde, wie er so ein Buch bei uns kauft“. Leitartikel