Nachruf RHEINPFALZ Plus Artikel Weltliteratur aus den Niederlanden: Schriftsteller Cees Nooteboom mit 92 Jahren gestorben

Einer der Großen der europäischen Literatur: Cees Nooteboom.
Einer der Großen der europäischen Literatur: Cees Nooteboom.

Er war ein Weltreisender in Sachen Literatur. Immer unterwegs zu neuen Kontinenten des Geistes. Nun ist der niederländische Autor Cees Nooteboom gestorben.

In Cees Nooteboom lebte der Entdeckergeist dieser großen Seefahrernation weiter. Die Niederlande waren für den 1933 in Den Haag Geborenen und jetzt auf der Baleareninsel Menorca Gestorbenen nur ein Ausgangspunkt. Er erkundete in seinem Werk die Welt. Die geistige wie die geografische Welt. Ein Autor gleichsam auf gepackten Koffern in der Endlosschleife. Nie getrieben, aber immer neugierig. Ein Humanist und Kosmopolit, der auch als Journalist arbeitete und einige Zeit vor allem als Reiseschriftsteller gesehen wurde.

Als Tramper quer durch Europa

Schon sein erster Roman „Philip und die anderen“ aus dem Jahr 1955, der mit dem Anne-Frank-Preis ausgezeichnet wurde, wäre ohne dieses ständige Unterwegssein nicht möglich gewesen. Oft trampte Nooteboom, wenn er quer durch ganz Europa reiste, zahllose Städte besuchte. Er war beim Ungarn-Aufstand 1957 ebenso dabei wie bei den Studentenunruhen 1968 in Paris. Und beim Zusammenbruch der DDR und dem Fall der Mauer in Berlin 1989. Doch auch die Ferne, das holländische Suriname, bereiste er als Matrose. Daraus entstanden seine „Tropischen Erzählungen“ mit dem Titel „Der verliebte Gefangene“. Schließlich hielt er in der Karibik um die Hand seiner ersten Frau, Fanny Lichtveld, an.

Irgendwie war ihm das enge Holland, dieser in weiten Teilen durch unübertreffliche Deichbaukunst der Nordsee abgerungene Staat, zu klein. Oder er eben viel zu groß für sein Heimatland. Jedenfalls genoss er in seiner Heimat nie jenes Ansehen wie zum Beispiel in Deutschland. In Holland galt der 2010 verstorbene Harry Mulisch („Das Attentat“, „Die Entdeckung des Himmels“) als der wichtigste Vertreter der Gegenwartsliteratur. In Deutschland dagegen, wo sich der renommierte Suhrkamp-Verlag vehement für Nootebooms Werk eingesetzt hat und zu seinem 90. Geburtstag eine opulente Werkausgabe herausgebracht hat, wurde er auch schon mal als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Das lag vor allem an Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, der ihn als „großen europäischen Schriftsteller“ bezeichnet hatte. Es war die 1991 auf Deutsch erschienene Erzählung „Die folgende Geschichte“, welche den Literaturkritiker Reich-Ranicki regelrecht in Ekstase versetzt hatte.

Enges Verhältnis zu Deutschland

Zu Deutschland hatte Nooteboom ohnehin ein besonderes Verhältnis. Nicht nur schickte ihn Suhrkamp immer wieder auf Lesereisen (was in seiner Heimat durchaus selten vorkam), der Autor hat in „Allerseelen“ auch das geteilte Berlin zum Schauplatz seines Romans gemacht, der 1999 in deutscher Sprache erschienen ist – und hierzulande gefeiert, in den Niederlanden jedoch kaum wahrgenommen wurde. Seine Erlebnisse während des Mauerfalls, den er hautnah miterlebt hat, hielt er in seinen „Berliner Notizen“ fest, die zunächst in Zeitungen, dann in Buchform erschienen sind. Zu seinen wichtigsten Büchern zählt auch der Roman „Rituale“, 1985 erschienen und wie so viele andere Werke Notebooms auch in über 30 Sprachen übersetzt.

Wer sich Nootebooms Werk, seinen Essays und den philosophischen Gedankenspielen seiner Romane nähern will, muss versuchen, Abstand zu nehmen. Das erzählte Geschehen ist nur eine Folie, die beschriebenen fremden Welten nur Ausgangspunkte für Gedankenwanderungen, die uns weit wegführen von den konkreten Inhalten der Geschichten. Unweigerlich wird mit einer solchen Erzählhaltung des Autors der Prozess des Schreibens und damit des Erzählens selbst zum Thema. Nootebooms Literatur ist stets auch Reflexion über Literatur. „Und dann erzählte ich ihr, dann erzählte ich dir die folgende Geschichte“, heißt es in „Die folgende Geschichte“, in der ebenso verwirrend wie virtuos mit der Erzählperspektive jongliert wird. Wer ist denn nun eigentlich der Adressat dieser Geschichte um Liebe, Tod und Philosophie? Etwa niemand? Eher aber doch: wir alle!

Die Lyrik als Schlüssel zum Verständnis

Vielleicht sogar liegt der Schlüssel zum Verständnis dieses außergewöhnlichen Literaten in Nootebooms Lyrik, die für ihn selbst eine besonders große Bedeutung hatte. In der Gedichtsammlung „Mönchsauge“ heißt es: „Gedichte kennen kein/Fragezeichen, sie müssen den Wahnsinn/zähmen, nicht abstreiten, sie müssen/ihre Form hexen aus leeren Gedanken,/bis sie die sind.“ Das ist wie ein ungeschönter Blick in die Schreibwerkstatt, in die Hexenküche dieses großen Autors, dessen Stimme nun sehr fehlen wird.

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